Ein junger Mann grinst aus dem Bild, mit wilden, groben Pinselstrichen hingeworfen. Locker wirkt das Lachen nicht, eher unheimlich. Richard Gerstl malte sein „Selbstbildnis, lachend“ 1907/08, kurz vor seinem Tod mit 25 Jahren. Heute gehört es dem Belvedere – und Gerstl gilt als einer der ersten Expressionisten Österreichs.
Richard Gerstl kam am 14. September 1883 in Wien zur Welt, als Sohn eines wohlhabenden Börsenmaklers aus dem jüdischen Bürgertum. Mit etwa 15 Jahren ging er an die Akademie der bildenden Künste, zu Christian Griepenkerl. Dazwischen studierte er Landschaftsmalerei bei Simon Hollósy im ungarischen Nagybánya und später bei Heinrich Lefler in Wien.
Mit dem Wien seiner Zeit lag Gerstl über Kreuz. Den Jugendstil lehnte er ab, mit Gustav Klimts Kunst konnte er nichts anfangen. Mit Lehrern und Kollegen geriet er immer wieder aneinander. Statt goldener Ornamente malte er Menschen mit dick aufgetragener Farbe und offenem Strich.
Die Schwestern Fey und der Bruch mit dem Jugendstil
Wie radikal das war, zeigt ein frühes Bild im Belvedere: „Die Schwestern Karoline und Pauline Fey“ von 1905. Die beiden Frauen stehen vor einem leeren, dunklen Raum, ihre Gesichter wirken wie Masken. Nichts daran ist dekorativ. In derselben Sammlung befinden sich Gerstls Porträts des Kunsthistorikers Ernst Diez und von Mathilde Schönberg sowie eine Landschaft mit der „Trasse der Zahnradbahn auf den Kahlenberg“ von 1907.

Gerstl und die Schönbergs
Gerstl verkehrte im Kreis um Gustav Mahler und Arnold Schönberg. Schönberg soll durch ihn selbst zum Malen gekommen sein – mehr über den Komponisten erzählt das Arnold Schönberg Center. Das Wien Museum besitzt Gerstls Porträt Schönbergs aus der Zeit um 1907. 1906 malte Gerstl die Familie Schönberg, und er begann eine Affäre mit Schönbergs Frau Mathilde. Im Sommer 1908 flog die Beziehung auf. Mathilde kehrte wegen der Kinder zu ihrem Mann zurück.

Am 4. November 1908 nahm sich Richard Gerstl in seinem Atelier das Leben. Er war 25 Jahre alt und hatte nie eine Ausstellung gehabt.
23 Jahre im Lager
Sein Bruder Alois fand im Atelier Leinwände und Skizzen und ließ sie bei einer Spedition einlagern. Dort lagen sie jahrelang. Erst der Galerist Otto Kallir bewahrte 34 Gemälde vor der Vernichtung, kaufte und restaurierte sie. 1931 zeigte er sie in der Ausstellung „Richard Gerstl – ein Malerschicksal“, die danach in München, Berlin und Aachen zu sehen war. Die Schau war eine Sensation: Wien entdeckte einen Maler, der Jahre vor Kokoschka und Schiele expressiv gemalt hatte.
Erhalten sind rund 60 Gemälde und acht Zeichnungen. Die meisten befinden sich im Leopold Museum und im Belvedere, zehn Bilder besitzt die Stiftung Sammlung Kamm im Kunsthaus Zug. Das Wien Museum besitzt neben dem Schönberg-Porträt zwei Selbstbildnisse, darunter eines mit Palette um 1905.
Belvedere · Oberes Belvedere, Prinz-Eugen-Straße 27, 1030 Wien · Wien Museum · Karlsplatz 8, 1040 Wien. Welche Werke gerade hängen, vor dem Besuch in der Online-Sammlung prüfen.
Wenn Sie Suizidgedanken haben, sprechen Sie darüber. Rat und Hilfe gibt es rund um die Uhr bei der Telefonseelsorge unter 142.
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