THEMENWOCHE! Reportage Teil 1 - 100 Missverständnisse über und unter Juden
THEMENWOCHE! Reportage Teil 2 - 100 Missverständnisse über und unter Juden
„Der Ursprung dieser Ausstellung war ein Nachdenken über kitschiges Denken“, sagt Hannes Sulzenbacher, Chefkurator am Jüdischen Museum Wien und Co-Kurator der Ausstellung „100 Missverständnisse über und unter Juden“. Über das Sich-schön-Reden und ein verklärtes Sich-schön-machen-Wollen der Welt. Und das geschehe gerade im Zusammenhang mit Juden und Jüdinnen besonders häufig. Denn: „Das begegnet einem immer wieder, dass völlig stinknormale Dinge aus unserem Alltag völlig überbewertet und schön gefärbt werden, dass man sagt: Das ist ja schon wieder stereotyp.“
Romantisierung könnte man diese gut gemeinte Stereotypisierung nennen – ihr widmeten die Ausstellungsmacher:innen deshalb einen ganzen Raum. Dort ging es um das jüdische Schtetl, um die Vorstellung eines reinen und wahren Judentums und um die Annahme, alle Juden seien große Denker.
Dieser wohlwollende, romantische Blick auf Juden und Jüdinnen und auf das Judentum ist nicht nur ein Missverständnis über Juden, sondern auch eines unter Juden. Auf der Suche nach 100 Missverständnissen über und unter Juden nahm sich das Jüdische Museum deshalb selbst nicht aus und suchte nach Objekten, die in dieselbe Falle tappen.

DIE ROMANTISCHE BRILLE IN DER MUSEUMSARBEIT
„Wenn man eine Ausstellung machen will, wo ganz viele Leute kommen, mache ich eine über das versunkene jüdische Schtetl. Nur: Was tue ich da? Ich reproduziere ein Stereotyp. Und tue ich damit der Sache etwas Gutes?“ (Sulzenbacher)
Auch das Jüdische Museum als Institution ist vor dem Blick durch die romantische Brille nicht sicher. Ein Beispiel dafür war ein schöner, grüner, gusseiserner Ofen mit einem großen Davidstern darauf, der in der Ausstellung zu sehen war – und den das Haus schon einmal gezeigt hatte, im Glauben, es handle sich um ein religiöses Zeichen. Dass ein Hexagramm nicht zwingend ein Davidstern sein muss, gehört zu den vielen Missverständnissen, denen das Museum selbst aufgesessen ist.
Härter wird es bei den übrigen Missverständnissen. Denn neben Kitsch und Schönfärberei versammelte das Kurator:innenteam viele Objekte, die schwerer auszuhalten sind als ein alter, gusseiserner Ofen.
Ein Video etwa, in dem Überlebende in Auschwitz tanzen. Ein Kunstwerk, auf dem in leuchtenden Lettern steht: Endsieger sind dennoch wir. Oder eine Dokumentation darüber, wie die Wachsfigur von Anne Frank geschminkt und hergerichtet wird, um Besucher:innen als Selfie-Hintergrund zu dienen.
Wer sich durch dieses Lexikon der Missverständnisse wühlte, war an einer Stelle abgeschreckt, musste an einer anderen laut auflachen oder ertappte sich beim eigenen klischeehaften Denken. Eine gefällige Ausstellung war das nicht. Damit ist man wieder am Anfang: beim Versuch, kein neues kitschiges Denken und keine neuen Missverständnisse zu produzieren.
Bild: © Arye Wachsmuth, aus der Rauminstallation „Im Schatten der Verdrängung“ von Arye Wachsmuth und Sophie Lillie, im Rahmen der Ausstellung „Dispossession“ im Künstlerhaus, 2021
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