Objekte
January 13, 2022
|
JMW

Die Purim-Ratsche im Jüdischen Museum Wien: Lärm gegen den Namen des Bösen

Im Schaudepot des Jüdischen Museums Wien liegt ein Holzinstrument, das fast alle für eine Osterratsche halten. Hannah Landsmann erklärt, warum es eine Purim-Ratsche ist – und was sie der Nachbarvitrine zu sagen hätte.

Die Purim-Ratsche im Jüdischen Museum Wien: Lärm gegen den Namen des Bösen
Foto: Sebastian Gansrigler, CC BY 4.0, Jüdisches Museum Wien, Inv. Nr. 1108

Ganz unten in der großen Vitrine aus Metall und Glas, die den Raum beherrscht, liegt ein Holzinstrument, das viele Besucher:innen sofort zu erkennen glauben: eine Osterratsche. Die Vitrine steht allerdings im Jüdischen Museum Wien, und die Beschriftung am Fußboden verrät, woher der Bestand stammt – aus dem alten Jüdischen Museum, der Vorgängerinstitution des Hauses. Die schnelle Zuordnung führt also in die Irre.

Hannah Landsmann, im Jüdischen Museum Wien zuständig für Kulturvermittlung, Workshops und Führungen, steht im dritten Stock des Hauses in der Dorotheergasse, in einem Schaudepot, das laut Landsmann seit 1996 zugänglich ist. Ausgestellt werden kann längst nicht alles, dafür ist der Platz zu klein; vertreten ist hier aber jeder Sammlungsbestand, und am Boden jeder Vitrine steht, aus welchem er kommt. Dass ein Depot überhaupt geöffnet wird, war damals ungewöhnlich. „Ich glaube fast, dass wir eins der ersten Museen waren, die gesagt haben, das Depot muss man öffnen“, sagt Landsmann. In den meisten Häusern bleibt das Magazin bis heute unsichtbar.

Das Objekt, das für Verwirrung sorgt, ist keine Oster-, sondern eine Purim-Ratsche. Purim ist ein jüdisches Fest im Februar oder März; es feiert die Errettung der persischen Jüdinnen und Juden durch die schöne und mutige Königin Esther. Die Geschichte dahinter ist grauslich, wie Landsmann sagt: Der Antisemit Haman wollte alle Jüdinnen und Juden umbringen lassen, sein Plan wird vereitelt. Ein gutes Ende also – und wenn die Geschichte in der Synagoge gelesen wird, herrscht Höllenlärm. Man trampelt mit den Füßen, ruft „Buh“ und ratscht so laut, dass der Name des Bösen nicht mehr zu hören ist. Das Instrument ist kein Spielzeug, sondern ein Werkzeug des Auslöschens.

Ob zuerst die Osterratsche da war, die zum Einsatz kommt, wenn die Glocken schweigen, oder die Purim-Ratsche, weiß nicht einmal die Volkskunde. Landsmann hätte nichts dagegen, wenn das noch länger offenbliebe: Sehr oft beeinflusse eins das andere, und welches was, sei eigentlich egal.

Genau gegenüber, in der Vitrine der Gegenwartssammlung „Wien und die Welt“, liegt ebenfalls eine Purim-Ratsche – ein Objekt von Ende der 1980er-Jahre, aus Plexiglas, von der Künstlerin Chava Wolpert, ausgebildet an der Bezalel-Hochschule in Jerusalem. Ihr Vater Ludwig Wolpert war ein bekannter deutscher Judaica-Designer.

„In meiner Vermittlerinnen-Fantasie ist es oft so, dass die Dinge miteinander reden.“

Die alten Ratschen, die wahrscheinlich aus Osteuropa stammen, und die moderne aus Plexiglas fänden einander, so stellt sich Landsmann das vor, gegenseitig ganz komisch – einfach weil sie anders aussehen. Dabei sei etwas, was anders aussieht, in Wirklichkeit oft nur ähnlich. Wer etwas über sich selbst erfahren möchte, muss demnach nur dem Gespräch zweier Ratschen lauschen.