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December 26, 2021
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JMW

Jüdisches Museum Wien: Fanny von Arnstein und Wiens erster dokumentierter Weihnachtsbaum

Der erste dokumentierte Weihnachtsbaum Wiens stand 1814 im Palais der Fanny von Arnstein – notiert von Metternichs Geheimpolizei. Eine Geschichte über Salons, Zuwanderung und einen Brauch, den das Jüdische Museum Wien nacherzählt.

Jüdisches Museum Wien: Fanny von Arnstein und Wiens erster dokumentierter Weihnachtsbaum
Bild: Jüdisches Museum Wien

Der Weihnachtsbaum von Fanny von Arnstein

Der Weihnachtsbaum

Am Abend des 26. Dezember 1814 saß in einem Palais am Hohen Markt ein Beamter der Geheimpolizei und wusste mit dem, was er sah, wenig anzufangen. Mitten im Raum stand ein großer, grüner, geschmückter Baum. Fürst Hardenberg amüsierte sich königlich, eine Dame sang komische Lieder vom Kasperle, die Gäste zogen um den Baum herum und durften sich zum Schluss ein Souvenir davon mitnehmen. Eigenartig, ganz eigenartig – so klingt der Bericht, der aus diesem Abend entstand. Er gilt heute als die erste schriftliche Erwähnung eines Weihnachtsbaums in Wien.

Gastgeberin war Fanny von Arnstein, 1758 in Berlin geboren und 1776 nach der Heirat mit dem Bankier Nathan Arnstein nach Wien gekommen. Das Palais hatten die Arnsteins gemietet; an seiner Stelle steht heute ein karges Nachkriegsgebäude. Den Baum brachte sie als Idee aus Berlin mit, wo der Brauch in den vornehmen Häusern bereits in Mode war. Sie beschloss, das nun auch in Wien zu machen. Die Gäste, die an diesem Abend um den Baum zogen, waren keine Nachbarn, sondern Diplomaten und Staatsräte.

Dass ein Polizeispitzel den Abend protokollierte, hatte nichts mit dem Baum zu tun. Der Wiener Kongress tagte, Metternich fürchtete Revolutionen und ließ genau beobachten, wer sich in den Salons der Stadt versammelte. Der Überwachung verdankt die Stadt ihre älteste Christbaumquelle – und dem Umstand, dass der Beobachter nicht verstand, was da vor sich ging, verdankt sie deren Ausführlichkeit. Passagen des Berichts sind im Museum nachzulesen.

Hannah Landsmann, Leiterin der Kulturvermittlung im Jüdischen Museum Wien, erzählt die Geschichte vor einem Bild der Gastgeberin, und zwar zu jeder Jahreszeit. Denn sie handelt nur vordergründig von Weihnachten. Es dauerte nicht lange, bis der Baum in vielen Haushalten stand, und je selbstverständlicher er wurde, desto gründlicher verschwand, woher er gekommen war: aus dem Haus einer zugewanderten jüdischen Familie, in eine Stadt, die ihn für ihr Eigenes hält.

Ganz oft bringt eine Minderheit etwas, von dem die Mehrheit dachte, sie hätte es immer gehabt. Und meistens stimmt das nicht.

Genau deshalb wird die Geschichte im Haus so gern weitergegeben. Sie dreht die übliche Blickrichtung um: Nicht ein Missverständnis über Juden steht im Zentrum, sondern eines über eine christliche Tradition, die keineswegs so alt und so bodenständig ist, wie der Griff nach Krippenspiel und Bauernstube vermuten lässt. Der geschmückte Baum ist in Wien kein ländliches Erbe, sondern ein städtischer Import – und ein Beleg dafür, wie schnell Zugewandertes zum Angestammten wird, sobald es allen gefällt.