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March 11, 2022
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JMW

Margit Dobronyi: Wie 250.000 Fotos das jüdische Leben nach 1945 festhielten

Margit Dobronyi fotografierte die jüdische Gemeinde in Wien zwischen 1960 und 2000. Im Jüdischen Museum Wien werden ihre Bilder als Chronik eines Neuanfangs nach der Schoah lesbar.

Margit Dobronyi: Wie 250.000 Fotos das jüdische Leben nach 1945 festhielten
Bild: Jüdisches Museum Wien

Manchmal beginnt historische Überlieferung nicht mit einem staatlichen Archiv, sondern mit einer Frau, die unangemeldet auf Festen auftaucht, alles mit der Kamera dokumentiert und danach ein Kuvert mit Abzügen und Erlagschein verschickt. So beschreibt Danielle Spera, damals Direktorin des Jüdischen Museums Wien, die Arbeitsweise von Margit Dobronyi. Was zunächst nach Chuzpe und Geschäftssinn klingt, erweist sich bei näherem Hinsehen als eines der dichtesten Bildgedächtnisse der jüdischen Gemeinde Wiens nach 1945.

Dobronyi, eine Jüdin aus Ungarn, floh 1956 während der Revolution nach Wien. Sie war alleinerziehende Mutter von drei Kindern und musste Geld verdienen. Also kaufte sie sich von ihrem Ersparten eine Kamera. Aus dieser pragmatischen Entscheidung wurde ein Lebenswerk: Zwischen 1960 und 2000 entstanden rund 250.000 Fotografien. Sie zeigen Brit Milah, Bar Mitzvah und Bat Mitzvah, Feste, Einladungen, familiäre Übergänge und Szenen des Alltags. Vor allem aber halten sie eine Gemeinschaft fest, die nach der Vernichtung durch die Schoah erst wieder entstehen musste.

Dass diese Bilder heute so stark wirken, hat mit dem historischen Abstand zu tun, den sie fast nebenbei markieren. Spera erinnert daran, dass in Wien vor dem Zweiten Weltkrieg rund 200.000 Jüdinnen und Juden lebten; 65.000 von ihnen wurden ermordet. Nach 1945 war die Gemeinde zerstört. Sie formierte sich neu, auch durch sogenannte Displaced Persons, die im Rothschildspital untergebracht waren, und später durch weitere Fluchtbewegungen, etwa aus Ungarn 1956. Dobronyis Fotos setzen genau an diesem Punkt an: nicht bei der Katastrophe selbst, sondern bei dem, was danach mühsam wieder stattfand – Gemeinschaft, Ritual, Geselligkeit, Alltag.

Gerade darin liegt ihr Wert. Diese Bilder illustrieren nicht bloß jüdisches Leben in Wien; sie widersprechen auch einer verkürzten Erinnerung, die jüdische Geschichte nach 1945 vor allem als eine der Abwesenheit erzählt. Dobronyi fotografiert Anwesenheit. Menschen feiern, posieren, baden, markieren Übergänge und lassen sich sehen. Spera fasst das mit einem auffällig einfachen Wort: Lebensfreude. Der Begriff wirkt hier nicht dekorativ, sondern fast trotzig. 1960, als die ersten Aufnahmen entstehen, liegt die Schoah erst 15 Jahre zurück.

Unverwechselbar wird diese Geschichte durch das Verfahren selbst. Dobronyi wartete nicht auf Aufträge, sondern schuf sich ihr eigenes Geschäftsmodell. Sie druckte die Bilder aus, steckte sie in Kuverts, legte einen Erlagschein dazu und schickte alles nach Hause. Die Fotos seien teuer gewesen, sagt Spera, aber man habe mit ihr handeln können. Das zeigt eine Frau, die sich mit Witz, Beharrlichkeit und genauer Beobachtung sozialer Situationen einen Platz erarbeitet hat. In einer Zeit, in der ein Fotoapparat noch etwas Besonderes war, wurde Dobronyi zur Produzentin privater Erinnerung und zugleich zur Chronistin einer ganzen Gemeinde.

Dass sie dabei für manche wohl eine „Nervensäge“ gewesen sei, wie Spera mit trockenem Humor bemerkt, gehört fast zwingend zu dieser Figur. Jede Gesellschaft kennt Menschen, die in dem Moment lästig wirken, in dem sie dokumentieren, was später niemand missen möchte. Dobronyis Bilder sind deshalb nicht nur freundlich oder nostalgisch. Sie bestehen darauf, dass diese Leben, diese Feiern und diese Gesichter festgehalten werden. Aus der kleinen Belästigung des Augenblicks wird das große Archiv im Rückblick.

Im Jüdischen Museum findet sich Dobronyi in der Dauerausstellung „Unsere Stadt! Jüdisches Wien bis heute“, dort also, wo die Geschichte des jüdischen Wien ab 1945 erzählt wird. Ihre Fotos stehen für die Chronik der jüdischen Gemeinde von 1960 bis 2000 und für den Neuanfang nach der Schoah.

Bild: Jüdisches Museum Wien