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October 26, 2026
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Kunst Haus Wien

Hundertwasserhaus und Hundertwasser in Wien: der Maler, der gegen die gerade Linie baute

16. August 1983: An der Löwengasse wird der Grundstein für das Hundertwasserhaus gelegt. Die Geschichte eines Malers, der nackt gegen die gerade Linie predigte.

Hundertwasserhaus und Hundertwasser in Wien: der Maler, der gegen die gerade Linie baute
Hundertwasserhaus, Fassade Löwengasse · Foto: C. Stadler/Bwag, CC BY-SA 4.0, via Wikimedia Commons

Am 16. August 1983 wird an der Ecke Kegelgasse und Löwengasse im dritten Bezirk ein Grundstein gelegt. Die Stadt Wien baut einen Gemeindebau, an sich nichts Besonderes. Besonders ist der Mann, nach dessen Plänen er entsteht. 15 Jahre vorher hatte Friedensreich Hundertwasser nackt vor Publikum gestanden und gegen die gerade Linie gepredigt. Jetzt bekam er ein ganzes Haus, um es besser zu machen.

Das Hundertwasserhaus ist heute eines der bekanntesten Gebäude Wiens. Um zu verstehen, wie es dazu kam, muss man ein halbes Jahrhundert zurückgehen.

Ein Kind namens Stowasser

Hundertwasser kam am 15. Dezember 1928 in Wien als Friedrich Stowasser zur Welt. Sein Vater starb, als er gerade ein Jahr alt war, die Mutter Elsa zog ihn allein groß. Sie war Jüdin. Der Sohn wurde 1935 katholisch getauft, später trat er der Hitlerjugend bei, um nicht aufzufallen. Nach dem „Anschluss“ mussten Mutter und Sohn zu Verwandten in die Obere Donaustraße ziehen. Die beiden überlebten, die Großmutter und 69 weitere Verwandte nicht.

Nach dem Krieg blieb er nur kurz an der Akademie der bildenden Künste und begann, seine Bilder anders zu signieren. Aus „Sto“, in mehreren slawischen Sprachen das Wort für hundert, wurde Hundert, aus Stowasser Hundertwasser. Friedensreich, Regentag und Dunkelbunt kamen später dazu.

Nackt gegen das Lineal

Bald nahm sich der Maler auch die Architektur vor. 1958 veröffentlichte er das „Verschimmelungsmanifest gegen den Rationalismus in der Architektur“. 1967 hielt er in München eine Rede für das Recht auf die „dritte Haut“, gemeint ist das Haus, das einen Menschen umgibt, und zwar nackt. 1968 wiederholte er das in Wien und las dabei sein Manifest „Los von Loos“. Adolf Loos, der Wiener Architekt des schmucklosen Bauens, war für Hundertwasser der Urheber einer eintönigen Architektur, die die Menschen unglücklich mache. Er forderte das „Fensterrecht“: Jeder Mieter sollte die Fassade rund um sein Fenster selbst gestalten dürfen. Und Bäume sollten mit im Haus wohnen.

Ein Haus mit zwei Vätern

1979 beauftragte die Stadt Wien Hundertwasser und den Architekten Josef Krawina mit dem Vorentwurf für die Wohnhausanlage an der Kegelgasse und Löwengasse. Zwei Leute, die sehr verschiedene Vorstellungen davon hatten, wie man baut. Schon zwischen 1980 und 1982 kam es zu schweren Auseinandersetzungen, der Vertrag mit Krawina wurde aufgelöst, fertig gebaut wurde das Haus mit dem Architekten Peter Pelikan. 1985 war es fertig: bunte, unregelmäßige Fassaden, kein Fenster wie das andere, auf Dächern und Terrassen mehr als 200 Bäume und Sträucher. Kritiker sprachen von Kitsch, die Besucher kamen trotzdem in Scharen. Weil drinnen Menschen wohnen, kann man das Haus nur von außen anschauen. Gegenüber baute Hundertwasser 1990 und 1991 eine ehemalige Reifenwerkstatt zum Hundertwasser Village um, einer Ladenpassage im selben Stil.

Ausgerechnet bei dem Mann, der jedem Mieter die Urheberschaft an seiner eigenen Fassade zugestehen wollte, landete die Frage, wer das Haus entworfen hat, vor Gericht. Krawina ließ seine Rechte einklagen. Am 11. März 2010, zehn Jahre nach Hundertwassers Tod und nach acht Jahren Rechtsstreit, entschied der Oberste Gerichtshof: Krawina ist Miturheber des Hundertwasserhauses.

Museum und Müllofen

Ein paar Gassen weiter baute Hundertwasser von 1989 bis 1991 eine 1892 errichtete Möbelfabrik von Thonet um. Am 9. April 1991 wurde dort das Kunst Haus Wien eröffnet, mit einer ständigen Ausstellung seiner Werke und Wechselausstellungen in den oberen Geschoßen.

Die Hauptfassade des Kunst Haus Wien, gestaltet von Friedensreich Hundertwasser
Aus einer Thonet-Fabrik wurde 1991 das Kunst Haus Wien. – Foto: Jules Verne Times Two, CC BY-SA 4.0, via Wikimedia Commons

Die vielleicht schönste Ironie seines Werks steht am Donaukanal in der Spittelau. Am 15. Mai 1987 brannte dort die Müllverbrennungsanlage. Im Februar 1988 verkündete Bürgermeister Helmut Zilk, dass Hundertwasser den Neubau gestalten werde, die „erste ökologische Müllverbrennungsanlage“, wie Zilk sie nannte. Der Ökologe gab also einem Müllofen sein Gesicht. Von 1988 bis 1992 wurde umgebaut, seither trägt der 126 Meter hohe Schlot eine goldene Kugel und ist ein Wahrzeichen der Stadt.

Ein Platz unter dem Tulpenbaum

Seine späten Jahre verbrachte Hundertwasser zu einem guten Teil in Neuseeland. Am 19. Februar 2000 starb er an Bord der Queen Elizabeth 2 im Pazifik an Herzversagen. Begraben wurde er, wie er es sich gewünscht hatte, auf seinem eigenen Land in Neuseeland, unter einem Tulpenbaum.

Ein Haus in der Löwengasse, in dem mehr als 200 Bäume mitwohnen. Ein Grab unter einem einzigen Baum. Der Mann, der Bäume zu Mietern machen wollte, ist am Ende selbst bei einem eingezogen.

Das Hundertwasserhaus (Kegelgasse 34–38, 1030 Wien) ist ein Wohnhaus und nur von außen zu besichtigen, das Hundertwasser Village gegenüber ist öffentlich zugänglich. Die weltweit einzige ständige Gesamtschau seines Werks zeigt das Kunst Haus Wien, ein paar Minuten zu Fuß entfernt.

Kunst Haus Wien · Untere Weißgerberstraße 13, 1030 Wien