Am 8. Dezember 1881 kommt ein Mann um dreiviertel sieben ins Ringtheater und setzt sich auf die Galerie. Im Parkett sind noch viele Plätze frei, oben auf den Galerien ist es schon gedrängt voll. Gleich beginnt „Hoffmanns Erzählungen“, die neue Oper von Jacques Offenbach, am Abend zuvor zum ersten Mal in Wien gespielt. Der Mann nimmt sein Opernglas. Er will den Augenblick nicht verpassen, in dem sich der Vorhang hebt.
Da bläht sich der Vorhang zum Publikum hin, „als würde der Vorhang durch einen kräftigen Luftzug gegen das Haus gedrängt“. Wenige Augenblicke später sieht er Feuer auf der Bühne, ein Schrei geht durchs Haus. Er springt auf und läuft hinaus. Im Gang ist es stockfinster. Er hält sich am Rock des Vordermanns fest und wird selbst von hinten gepackt, so tasten sie sich bis zur Stiege. Dort stürzen sie, stehen auf, finden den Ausgang. Hinter sich hört er die Menschen schreien, die es nicht schaffen. Seinen Bericht druckte am nächsten Morgen die Neue Freie Presse.
Ein Theater, das in die Höhe wuchs
Das Ringtheater am Schottenring war keine acht Jahre alt. Emil von Förster hatte es entworfen, eröffnet wurde es am 17. Jänner 1874 als „Komische Oper“, mit Rossinis „Barbier von Sevilla“. Das Grundstück war klein, das Haus sollte aber rund 1.700 Menschen fassen. Also baute Förster in die Höhe, Rang über Rang. Seit 1878 hieß es Ringtheater, im Dezember 1881 war Franz Jauner Direktor, zuvor Direktor der Hofoper.

Sieben Minuten
Was hinter dem Vorhang geschah, ließ sich später rekonstruieren. Kurz vor sieben sollte die Gasbeleuchtung über der Bühne angezündet werden. Die Zündung versagte, Gas strömte aus und entflammte, die hängenden Dekorationen fingen sofort Feuer. Nach etwa sieben Minuten brannten Bühne, Schnürboden und Unterbühne. Ein Drahtvorhang hätte die Bühne vom Zuschauerraum trennen sollen, doch er wurde nicht rechtzeitig herabgelassen, die Kurbel dafür stand schon in Flammen. Das Feuer schlug in den Saal.
Dann ging das Gaslicht aus, eine Notbeleuchtung brannte nicht. Die Türen gingen nach innen auf. Wer auf den oberen Rängen saß, fand im Rauch und im Dunkeln den Weg nicht mehr hinaus. Die Feuerwehr wurde erst nach elf Minuten alarmiert. Die meisten Toten waren erstickt, besonders viele von ihnen hatten oben auf der Galerie gesessen.
„Alles gerettet!“
Draußen drängten sich Helfer und Schaulustige. Im Foyer fiel der Satz, nach dem Carl Merz und Helmut Qualtinger viel später ein Theaterstück benannten: „Alles gerettet!“ Gesagt haben soll ihn Anton Landsteiner, der Leiter des Polizeibezirks. Er stimmte nicht, und er hielt Helfer davon ab, weiter nach Menschen zu suchen. Offiziell zählte man 384 Tote. Wie viele es wirklich waren, wurde nie geklärt.

Viele Tote konnten nicht identifiziert werden. Die Zeitungen druckten Porträts der Opfer, so wie das Illustrirte Wiener Extrablatt jenes von Pauline, Barbara und Joseph Reitter. Wer unbekannt blieb, wurde in einem gemeinsamen Grab der Stadt auf dem Zentralfriedhof bestattet. Zu Allerseelen 1882 zeigte eine Zeitung, wie es aussah.

Vier Monate Arrest
Vom 24. April bis 16. Mai 1882 standen Direktor Jauner, Bürgermeister Julius Newald, Polizeirat Landsteiner und fünf weitere Männer vor Gericht. Verurteilt wurden drei: Jauner und der Hausverwalter Franz Geringer zu je vier Monaten Arrest, der Beleuchtungsinspektor Josef Nitsche zu acht Monaten. Newald wurde freigesprochen und trat trotzdem zurück. Eine Sicherheitsordnung für die Theater, an der die Stadt seit Monaten arbeitete, war noch nicht in Kraft gewesen.

Was sich änderte
Nach dem Brand bekamen die Theater strenge Feuerschutzvorschriften, die Feuerwehr wurde neu organisiert. Der Eiserne Vorhang wurde Pflicht, Kulissen mussten schwer entflammbar sein, und Türen in öffentlichen Gebäuden müssen seither nach außen aufgehen. Schon am Tag nach dem Brand, am 9. Dezember 1881, gründeten Jaromír Mundy, Hans Wilczek und Eduard Lamezan-Salins die Wiener Freiwillige Rettungsgesellschaft. Aus ihr ist die heutige Berufsrettung Wien hervorgegangen, ihre Geschichte zeigt das Rettungsmuseum.
Ein Haus zur Sühne
Wiederaufgebaut wurde das Ringtheater nie. Kaiser Franz Joseph ließ an der Stelle aus seiner Privatkasse ein Miethaus errichten, entworfen von Friedrich von Schmidt, dem Architekten des Rathauses. Die Mieten gingen an wohltätige Zwecke. Offiziell hieß es „Kaiserliches Stiftungshaus“, genannt wurde es Sühnhaus. Im Herbst 1886 zogen die ersten Mieter ein. Einer davon war ein junger Dozent für Nervenkrankheiten, der gerade geheiratet hatte: Sigmund Freud. 1891 zog er in die Berggasse 19, heute das Sigmund Freud Museum.

Im März 1945 trafen Bomben das Sühnhaus, 1951 wurde es abgerissen. Heute steht am Schottenring 7–9 die Landespolizeidirektion Wien, eine Gedenktafel erinnert seit 1982 an den Brand. Das gemeinsame Grab der Opfer liegt auf dem Zentralfriedhof, mehr darüber im Dossier Wiener Zentralfriedhof. Vom Ringtheaterbrand erzählt auch das Feuerwehrmuseum, ebenso von den Bränden der Rotunde und des Justizpalasts.
Und in den großen Wiener Theatern hängt heute zwischen Bühne und Saal ein Eiserner Vorhang. Er ist eine Folge jenes Abends, an dem ein Mann auf der Galerie durch sein Opernglas auf den Vorhang wartete.
Feuerwehrmuseum Wien · Am Hof 7, 1010 Wien · Sonn- und Feiertag 9–12 Uhr, Dienstag 14–17 Uhr, Eintritt frei
Quellen und Links
- Neue Freie Presse, 9. Dezember 1881, Augenzeugenbericht (ANNO)
- Wien Geschichte Wiki: Ringtheaterbrand
- Wien Geschichte Wiki: Ringtheater
- Wien Geschichte Wiki: Sühnhaus
- Wien Geschichte Wiki: Wiener Freiwillige Rettungsgesellschaft
- Wikipedia: Ringtheaterbrand
- Stadt Wien: Feuerwehrmuseum
- Wien Museum: Franz Biberhofer, Das Ringtheater nach dem Brand, 1881
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