Deep Dive
October 27, 2026
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Wien Museum

Emil Mayer: Der Anwalt, der Wien heimlich fotografierte

Eine volle Straßenbahn, ein Plakatankleber, Zaungäste im Prater: Emil Mayer fotografierte Wien um 1910, ohne dass es jemand merkte. Im Hauptberuf war er Anwalt.

Emil Mayer: Der Anwalt, der Wien heimlich fotografierte
Emil Mayer, „Menschen auf der Strassenbahn“, Glasdia, 1905–1911, Wien Museum · CC0, via Kulturpool

Die Straßenbahn ist voll. Ein Mann im langen hellen Mantel steht unten an der hinteren Plattform, die Hand am Geländer, oben drängen sich Männer mit Hüten und Kappen, ganz rechts steht eine Frau im langen gestreiften Kleid. Keiner schaut in die Kamera. Keiner hat sie bemerkt.

Der Mann hinter der Kamera hieß Emil Mayer, und eigentlich war er Rechtsanwalt. Ab 1905 fotografierte er mit einem Sucher, der ihn unbemerkt arbeiten ließ. So zog er durch die Gassen und sammelte, was ihm die Stadt zeigte.

Was ihm die Stadt zeigte

Einen Mann, der Plakate an eine Hauswand klebt, die Leiter lehnt am Karren.

Fotografie um 1910: ein Mann klebt Plakate an eine Hauswand, davor ein Karren mit Leiter und Kübel auf Kopfsteinpflaster
Emil Mayer, „Plakatankleber“, um 1910. – Bild: Museum der Moderne Salzburg, Public Domain, via Kulturpool

Einen Mann mit Kappe und einem Kasten im Hauseingang, einen Planetenverkäufer. Solche Händler verkauften kleine Glücksbriefchen mit Lotterienummern, die „Planeten“. Eine dressierte weiße Maus oder ein Papagei zog dem Kunden das Briefchen aus einem kleinen Kästchen.

Fotografie um 1910: ein Mann mit Schirmkappe steht in einem Hauseingang und hält einen Kasten vor sich
Emil Mayer, „Planetenverkäufer“, um 1910. – Bild: Museum der Moderne Salzburg, Public Domain, via Kulturpool

Zwei Buben, die mitten in einer Geschäftsstraße auf einem Handkarren sitzen. Das Bild heißt „Kinderarbeit in Wien“.

Fotografie um 1910: zwei Buben sitzen auf einem Handkarren in einer belebten Geschäftsstraße, einer mit Hut, einer mit Kappe
Emil Mayer, „Kinderarbeit in Wien“, um 1910. – Bild: Museum der Moderne Salzburg, Public Domain, via Kulturpool

Vier Männer vor einer Branntweinschenke am Tiefen Graben 20, die „Schnapsbrüder“. Und einen Herrn mit Zylinder, der mit einer Dame zwischen den Kutschen steht, während links ein Mann auf einen Wagen steigt: „Höchste Zeit!“

Fotografie um 1910: vier Männer in Mänteln und Hüten stehen vor dem Eingang einer Schenke mit Plakaten
Emil Mayer, „Schnapsbrüder vor einer Brandtweinschenke in I., Tiefer Graben 20“, um 1910. – Bild: Museum der Moderne Salzburg, Public Domain, via Kulturpool
Fotografie um 1910: Kutschen in einer Geschäftsstraße mit Markisen, ein Mann im langen Mantel mit Zylinder und eine Frau im dunklen Kleid an einem Wagen
Emil Mayer, „Höchste Zeit!“, um 1910. – Bild: Museum der Moderne Salzburg, Public Domain, via Kulturpool

Mayer fotografierte auch die feinere Gesellschaft, in den Parks oder auf dem Eis des Wiener Eislaufvereins.

Fotografie um 1910: viele Paare in dunkler Kleidung laufen auf einer großen Eisfläche Schlittschuh, im Hintergrund ein langgestrecktes Gebäude
Emil Mayer, „Im Wiener Eislaufverein“, um 1910. – Bild: Museum der Moderne Salzburg, Public Domain, via Kulturpool

Ein Anwalt mit Kamera

Wer war der Mann, den niemand bemerkte? Emil Mayer kam 1871 im böhmischen Nový Bydžov zur Welt und zog 1882 mit seinen Eltern nach Wien. Er studierte Jus und wurde 1896 promoviert. Als Student trat er aus der Israelitischen Kultusgemeinde aus und ließ sich 1894 katholisch taufen. 1903 heiratete er Elisabeth Deutsch, im selben Jahr wurde er Rechtsanwalt, mit Kanzlei in der Salvatorgasse in der Innenstadt.

Fotografie um 1910: Brustbild eines Mannes mit Schnurrbart und grau werdendem Haar, im Sakko mit Krawatte und Anstecknadel
Emil Mayer, „Porträt Dr. Emil Mayer“, um 1910. – Bild: Museum der Moderne Salzburg, Public Domain, via Kulturpool

Fotografiert hat er zuerst als Amateur in mehreren Wiener Fotovereinen, von 1907 bis 1927 war er Präsident des Wiener Amateur-Photographen-Clubs. Sein Spezialgebiet war der Bromöldruck: Dabei wird ein Foto gebleicht und dann mit Pinsel oder Walze mit Druckfarbe eingefärbt. Sein Lehrbuch „Das Bromöldruckverfahren“ erschien 1912 und lag 1927, inzwischen unter dem Titel „Bromöldruck und -Umdruck“, in elfter Auflage vor. Englische Übersetzungen gab es ab 1923. Das Metropolitan Museum in New York besitzt seine Mappe „Wiener Typen“ mit 50 Bromöldrucken.

Um 1908 erschienen seine Bilder auch als Ansichtskarten, etwa in der Serie „Wiener Typen und Straßenbilder“. Wie diese Typen entstanden und welche Klischees sie mit sich trugen, erzählt unser Deep Dive Wiener Typen. Mayers Maronibrater steht im Dossier Heiße Maroni, sein Christbaumkäufer im Dossier Der Christbaum in Wien, sein Foto des Dichters Peter Altenberg im Dossier Wiener Kaffeehauskultur.

Zuschauen im Prater

Besonders oft ging Mayer in den Prater. 75 seiner Prateraufnahmen illustrierten Felix Saltens Buch „Wurstelprater“, das 1911 erschien. Sie gehören zu den wichtigsten fotografischen Darstellungen der Zeit vor dem Ersten Weltkrieg. Mayer fotografierte die Ausrufer vor den Buden, die Gastgärten, die Damenkapellen und die Zaungäste, die zuschauten, ohne zu zahlen.

Fotografie: Kinder und Erwachsene mit Hüten drängen sich an einen Holzzaun, vorne ein Mädchen in Weiß mit einem Kleinkind auf dem Arm, daneben eine Milchkanne
Emil Mayer, „Zaungäste im Prater“, Glasdia, 1905–1911. – Bild: Wien Museum, CC0, via Kulturpool

Der Verlag Brüder Kohn brachte einige der Bilder als Ansichtskarten heraus, mit Titeln wie „Praterleben“. Wie die Glasdias dazu im Wien Museum wieder auftauchten, erzählt unser Text Felix Saltens „Wurstelprater“. Die Geschichte des Vergnügungsparks zeigt das Pratermuseum.

Ansichtskarte um 1908: ein Ausrufer steht erhöht vor einer Bude und zeigt mit erhobenem Arm nach oben, vor ihm eine Menge mit Hüten und Kappen
Emil Mayer (Foto), Brüder Kohn (Verlag), „Wien. – Praterleben. Nur eintreten meine Herrschaften.“, Ansichtskarte, um 1908. – Bild: Wien Museum, CC0, via Kulturpool

Der Erfinder

Mayer war nicht nur Fotograf, er baute auch an der Technik. Zwischen 1919 und 1927 meldete er sieben Patente an, darunter den Belichtungsmesser „Justophot“. 1931 gründete er mit Nikolaus Benedik die Firma „Drem-Zentrale“, der Name steht für Dr. E. Mayer. Dazu kamen Ableger in New York und London. Die Royal Photographic Society in London nahm ihn 1926 als Mitglied auf, ein Jahr später ernannte sie ihn zum Fellow.

8. Juni 1938

Im März 1938 marschierte die Wehrmacht in Österreich ein. Für die neuen Machthaber zählte nicht, dass Mayer sich 44 Jahre zuvor hatte taufen lassen. Nach ihren Rassengesetzen galt er als Jude. Am 8. Juni 1938 nahmen sich Emil Mayer und seine Frau Elisabeth in ihrer Wohnung in der Böcklinstraße in der Leopoldstadt das Leben, um der Verfolgung zu entgehen.

Jahrzehnte nach seinem Tod zeigten Ausstellungen in Graz, Wien und Innsbruck seine Fotografien, 1995 widmete ihm das Jüdische Museum Wien eine Gedächtnisausstellung. 2022 zeigte das Wien Museum seine Momentaufnahmen, darunter eine Szene in der Straßenbahn, in „Augenblick!“, einer Ausstellung über Straßenfotografie in Wien. Die Menschen auf der Plattform haben ihn nie bemerkt. Dass man sie heute sieht, verdanken sie ihm.

Wien Museum · Karlsplatz 8, 1040 Wien