Der Christbaum in Wien: Seine Geschichte in 11 Bildern

Josef von Divéky, Postkarte der Wiener Werkstätte Nr. 180: Fröhliche Christnacht!, 1908, Wien Museum · CC0, via Kulturpool
Zu Weihnachten 1814 hatte ein Spitzel der Geheimpolizei etwas Neues zu melden. Bei Arnsteins, schrieb er, sei „vorgestern“ nach Berliner Sitte ein „sehr zahlreiches Weihnachtsbaum- oder Christbaumfest“ gefeiert worden. Wien war in diesen Wochen voller Diplomaten des Wiener Kongresses, und die Geheimpolizei schrieb mit, was in den Salons geschah. So ist ausgerechnet ein Spitzelbericht der älteste Beleg für einen Christbaum in Wien.
Er führt in den Salon einer jüdischen Bankiersfamilie aus Berlin. An den Kaiserhof brachte den Baum eine Protestantin aus Nassau. Adel und Bürgertum zogen nach, um 1900 kam er auf die Postkarte, 1914 auf die Kriegspostkarte. Heute steht jedes Jahr eine rund 30 Meter hohe Fichte vor dem Rathaus.
Die folgenden 11 Bilder aus dem Wien Museum, der Albertina, dem MAK, dem Jüdischen Museum Wien und dem Museum der Moderne Salzburg erzählen, wie es dazu kam.
Wann stand der erste Christbaum in Wien?
Der älteste Beleg ist das Fest bei Fanny und Nathan Adam von Arnstein zu Weihnachten 1814. Am Kaiserhof führte den Brauch wohl 1816 Erzherzogin Henriette ein, eine Protestantin aus dem Haus Nassau-Weilburg. Ihr Schwager, Kaiser Franz I., soll daraufhin auch in der Hofburg eine Kerzentanne haben aufstellen lassen. 1829 wurden beim Schottentor Christbäume verkauft. 1851 glich der Platz Am Hof vor Weihnachten einem zeitgenössischen Bericht zufolge einem Wald. Im selben Dezember sprach sich die k.k. Landwirtschaftsgesellschaft dagegen aus, junge Bäume als Christbäume zu fällen. Wien verbrauche jedes Jahr an die 10.000 junge Nadelbäume, hieß es, die sonst zu hiebreifen Bäumen heranwachsen könnten. Vorgeschlagen wurde, sie durch künstliche zu ersetzen, ja sogar, Christbäume gar nicht mehr in größere Städte zu lassen.
Wie sah der frühe Christbaum aus?
Henriettes Baum trug schon brennende Kerzen. Schon früher soll mancherorts der heilige Nikolaus einen Baum ins Haus gebracht haben, ein allgemeiner Brauch war das aber nicht. Die älteste bekannte Darstellung eines Christbaums in Wien stammt von 1820, aus einem Erinnerungsbüchlein für die Kaufmannsfamilie Carl Baumann, heute im Wien Museum.
Seit wann steht ein Christbaum vor dem Rathaus?
Seit 1959. Jedes Jahr schenkt ein Bundesland, seit 1989 auch abwechselnd Südtirol, der Stadt eine rund 30 Meter hohe Fichte. 1986 wurde die Tradition wegen des Waldsterbens unterbrochen. Die Sorge um den Wald war also nicht neu. Der höchste Baum kam 1971 aus der Steiermark, 39,4 Meter. Seit 1975 steht er mitten im Christkindlmarkt, mehr dazu im Deep Dive Christkindlmarkt in Wien.
Die Bilder
Fanny von Arnstein

Nach Pierre-Narcisse Guérin und Vinzenz Georg Kininger, 1804, Fotografie um 1928. Jüdisches Museum Wien, CC0
Als der Spitzel 1814 bei Arnsteins mitschrieb, war Fanny von Arnstein 56 Jahre alt und seit fast vier Jahrzehnten in Wien. Geboren 1758 in Berlin als Tochter des Bankiers Daniel Itzig, heiratete sie 1776 den Wiener Bankier Nathan Adam Arnstein und zog zu ihm nach Wien. Während des Kongresses war ihr Salon ein Treffpunkt der Gesellschaft.
Seit 1804 wohnten sie zur Miete in der Beletage eines Palais am Hohen Markt. Im selben Jahr entstand ihr Bildnis, ein Schabkunstblatt von Vinzenz Georg Kininger nach Pierre-Narcisse Guérin. Die ganze Geschichte erzählt unser Text über Fanny von Arnstein.
Erzherzogin Henriette

Johann Nepomuk Ender, 1829. Albertina, Public Domain
Zwei Jahre später, wohl 1816, brannten auch im Palais Erzherzog Carl, dem heutigen Haus der Musik, Kerzen an einem Baum. Henriette von Nassau-Weilburg hatte im Sommer eine Tochter bekommen. Ihr Mann Carl hatte 1809 bei Aspern Napoleon geschlagen, ihre Ehe war die erste Mischehe im Haus Habsburg: Henriette war Protestantin.
Ihr Schwager, Kaiser Franz I., soll das Fest erlebt und danach auch in der Hofburg eine Tanne mit Kerzen haben aufstellen lassen. Manche Quellen datieren das erst auf 1823/24. Johann Nepomuk Ender malte Henriette 1829. Im Dezember desselben Jahres starb sie mit 32. Auf ein Machtwort des Kaisers wurde die Protestantin in der Kapuzinergruft begraben.
Christbaum Oe. W.

Der Floh, 24. Dezember 1871. Wien Museum, CC0
Gut ein halbes Jahrhundert später war der Christbaum in Wien so vertraut, dass die Witzblätter Politik mit ihm machten. Am Heiligen Abend 1871 hängte „Der Floh“ die Köpfe der neuen Regierung an die Zweige eines „Christbaum Oe. W.“. Ministerpräsident Adolf von Auersperg war seit knapp einem Monat im Amt.
„Der Floh“, 1868 gegründet, war ein liberales Wiener Witzblatt und das erste in Wien mit Bildern im Farbdruck.
Weihnachtsabend in der Hofburg

Franz Kollarz, 1879. Wien Museum, CC0
Und in der Hofburg? 1879 konnten die Leser der Zeitschrift „Über Land und Meer“ hineinschauen: Kaiser Franz Joseph und seine Familie am Weihnachtsabend, gezeichnet von Franz Kollarz. Ein großer Baum voller Kerzen steht unter einem Luster, daneben Herren in Uniform, Damen in langen Kleidern, ein Mädchen und ein Gabentisch.
Wer genau zu sehen ist, sagt das Blatt nicht. Gut sechzig Jahre nach Henriettes Fest gehörte der Baum auch in der Hofburg längst dazu.
Salon mit Christbaum

Unbekannt, 1893. Wien Museum, CC0
Auch in den Wohnungen der Inneren Stadt stand der Baum inzwischen im Salon. 1893 fotografierte jemand ein Weihnachtszimmer, wohl in der Neutorgasse 2: ein hohes Fenster, eine Palme, ein Christbaum voller Kerzen und Gabentische, über die Tücher gebreitet sind.
Wer hier feierte, ist nicht bekannt, auch der Name des Fotografen nicht. Das Foto ist klein, gut 11 mal 15 Zentimeter.
Weihnachtsabend 1898

Nach Karl von Kobierski, Alfred Silbermann & Co., 1898. Wien Museum, CC0
Am 24. Dezember 1898 wäre Kaiserin Elisabeth 61 geworden. Sie erlebte den Tag nicht mehr: Am 10. September war sie in Genf ermordet worden. Der erste Weihnachtsabend ohne sie war also zugleich ihr Geburtstag.
Eine Ansichtskarte nach einer Zeichnung von Karl von Kobierski zeigt den Kaiser an diesem Abend im Kreis der Familie, im Salon, an der Wand Gemälde. Rechts oben schwebt ein Engel. Mehr über Elisabeth im Dossier Sisi.
Weihnachtsbaum im Hause Mautner v. Markhof

Entwurf Koloman Moser, Ausführung Wiener Werkstätte, Foto unbekannt. MAK, Public Domain
Wie weit man im Wien um 1900 Formen neu dachte, zeigt ein Christbaum, der kaum noch wie einer aussieht: ein hohes Gestell aus Stäben, behängt mit Ketten aus schachbrettartigen Gliedern, ringsum kleine weiße Bäumchen.
Entworfen hat ihn Koloman Moser, Mitbegründer der Secession und 1903 der Wiener Werkstätte. Die Aufnahme zeigt ihn im Haus Mautner von Markhof. Aus dieser Familie stammte seine Frau Ditha, die er 1905 heiratete. Die Werkstätte führte den Baum aus, eine Glasplatte aus ihrem Archiv hält ihn fest. Wann genau, ist nicht bekannt.
Fröhliche Christnacht!

Josef von Divéky, 1908. Wien Museum, CC0
Ganz klassisch dagegen die Karte, mit der die Wiener Werkstätte 1908 „Fröhliche Christnacht!“ wünschte: ein großer grüner Baum voller Kerzen, behängt mit Lebkuchen in Form von Schweinchen, Männchen und Vögeln, darunter Geschenke und ein Mädchen im rot getupften Kleid.
Gezeichnet hat sie Josef von Divéky, damals Anfang zwanzig. Er gilt als einer der wichtigsten Postkartengestalter der Wiener Werkstätte, die ab 1907 eigene Karten herausgab, bis 1920 über 900 Motive.
Christbaumkäufer

Emil Mayer, ohne Datum. Museum der Moderne Salzburg, Public Domain
Ein Mann mit Hut und Mascherl trägt seinen Baum über das Kopfsteinpflaster, am Stamm schon das helle Holzkreuz, auf dem er stehen wird. Hinter ihm ein Portal und ein kleiner Bau mit Kuppeldach.
Fotografiert hat ihn Emil Mayer, Rechtsanwalt in Wien und Amateurfotograf. Seine Straßenszenen und Wiener Typen entstanden meist unbemerkt, als Dokumente des Alltags. Wann und wo genau dieses Bild entstand, ist nicht bekannt. Christbäume wurden in Wien da schon lange auf der Straße verkauft, 1829 etwa beim Schottentor.
Weihnachtsdekoration bei Herzmansky

Unbekannt, 1913. Wien Museum, CC0
Auch die Kaufhäuser schmückten zu Weihnachten. 1913 erschien eine Ansichtskarte aus dem Kaufhaus Herzmansky an der Mariahilfer Straße: In der Halle steht ein hoher, turmartiger Aufbau voller Lichter.
August Herzmansky hatte 1863 mit einem Textilgeschäft begonnen, daraus wurde eines der großen Kaufhäuser an der Mariahilfer Straße. 1997 schloss es, der Bau in der Stiftgasse steht noch.
Hurrah! Ein Christbaum!

Pauli Ebner, M. Munk, 1914. Wien Museum, CC0
Ein Jahr später war Krieg. Im ersten Kriegswinter erschien beim Wiener Verlag M. Munk diese Karte: „Hurrah! Ein Christbaum!“ Soldaten in grauen Uniformen tragen einen Tannenbaum durch die Tür, Kinder in Rot laufen herbei, ein Soldat sitzt mit Pfeife und einem Kind daneben.
Signiert ist sie mit „P. Ebner“, das spricht für Pauli Ebner: 1873 in Wien geboren, zeichnete sie vor allem Kinder und illustrierte Kinderbücher und Sammelbilder, etwa für Palmin und Suchard. Hundert Jahre nach dem Fest bei Arnsteins war der Christbaum zum Motiv der Kriegspostkarte geworden.
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