Am 10. Oktober 1835 steigt ein Zar in die Gruft unter der Wiener Kapuzinerkirche. Nikolaus I. von Russland steht mit gesenktem Kopf am Sarg von Kaiser Franz I., der im März gestorben ist. Neben ihm warten ein Kapuzinermönch und ein Begleiter, von oben fällt Licht auf die Krone auf dem Sarg. So hielt es eine Lithografie noch im selben Jahr fest. Ein paar Schritte weiter lag seit drei Jahren ein junger Mann, dessen Vater 1812 Russland überfallen hatte: der Sohn Napoleons.
Die Kapuzinergruft, auch Kaisergruft genannt, ist seit fast 400 Jahren die Grablege der Habsburger. Rund 150 Menschen liegen hier, darunter 12 Kaiser und 19 Kaiserinnen. Angefangen hat es mit dem letzten Willen einer jungen Frau.
Eine Kaiserin und die Kapuziner
Kaiserin Anna, die Frau von Kaiser Matthias, legte in ihrem Testament fest, dass in Wien ein Kloster der Kapuziner samt Gruft gebaut werden sollte. Sie starb im Dezember 1618 mit 33 Jahren, Matthias wenige Monate später. Gebaut wurde ab 1622, mitten im Dreißigjährigen Krieg, und es dauerte elf Jahre. 1633 brachte man die beiden als Erste in die Gruft.
Ein Familiengrab war das noch nicht. Erst Ferdinand III. ließ die Gruft erweitern und machte sie zur Grablege der ganzen Dynastie. Seither wuchs sie Raum für Raum, achtmal insgesamt: unter anderem unter Leopold I., Karl VI. und Maria Theresia, unter Franz I. und Ferdinand, für Franz Joseph und zuletzt 1960 bis 1962 mit der Neuen Gruft, die die Republik Österreich bauen ließ. Betreut wird sie bis heute von den Kapuzinern.
Der Sarg, den Maria Theresia zu Lebzeiten bestellte
Der auffälligste Sarg steht in einem eigenen Raum unter einer Kuppel: der Doppelsarkophag für Maria Theresia und ihren Mann Franz Stephan. Balthasar Ferdinand Moll schuf ihn 1753 aus Zinn, als beide noch lebten. Franz Stephan starb zwölf Jahre später, Maria Theresia 1780. In der Gruft liegt übrigens auch die einzige Person, die nicht zur Familie gehörte: Gräfin Karoline von Fuchs-Mollard, die Erzieherin der jungen Maria Theresia. Die Kaiserin ehrte sie mit einer Inschrift auf dem Sargdeckel.

Herz, Eingeweide, Körper
Wer hier liegt, liegt oft nicht ganz hier. Bei 41 Habsburgerinnen und Habsburgern wurde der Leichnam aufgeteilt: Die Herzen kamen in silbernen Gefäßen in die Loretokapelle der Augustinerkirche, die Eingeweide in die Herzogsgruft unter dem Stephansdom, der Körper in die Kapuzinergruft. Auch Kaiserin Anna wurde so bestattet, ihr Herz kam allerdings erst später in die Augustinerkirche. Dort hatte Ferdinand IV. 1654 die Tradition der Herzgruft begründet. Die letzte Bestattung dieser Art war die von Erzherzog Franz Karl, der 1878 starb.
So war es auch beim Sohn Napoleons. Napoleon Franz, Herzog von Reichstadt, starb 1832 mit 21 Jahren in Schönbrunn und kam in die Franzensgruft, die sein Großvater Franz I. hatte bauen lassen. In der Nacht vom 14. auf den 15. Dezember 1940 ließ Hitler seinen Sarg nach Paris bringen, in den Invalidendom, wo auch Napoleon liegt. Herz und Eingeweide blieben in Wien.
Der Kaiser, die Kaiserin, der Kronprinz
Für Franz Joseph wurde die Gruft 1908/09 noch einmal erweitert. Dort liegen er, Kaiserin Elisabeth und Kronprinz Rudolf. Rudolf, gestorben 1889 in Mayerling, und Sisi, 1898 in Genf ermordet, lagen zuerst in der Ferdinandsgruft und wurden nach dem Umbau hierher gebracht. Franz Joseph kam 1916 dazu. Die letzte Kaiserin, Zita, wurde 1989 in der Kapuzinergruft beigesetzt. Ihr Herz liegt, wie das ihres Mannes Karl I., im Kloster Muri in der Schweiz.

Wer anklopft, wird nicht erkannt
Am 16. Juli 2011 kam zuletzt ein Habsburger mit großem Zeremoniell hierher: Otto von Habsburg, der älteste Sohn des letzten Kaisers, gestorben mit 98 Jahren. Vor der Kirchentür spielte sich ab, was heute zum Bild der Gruft gehört. Ein Herold klopft und zählt die Titel des Toten auf, von drinnen kommt die Antwort, man kenne ihn nicht. Erst als nur noch der Vorname fällt und dazu „ein sterblicher und sündiger Mensch“, öffnet sich die Tür. Ottos Herz wurde am Tag darauf in der Abtei Pannonhalma in Ungarn beigesetzt.
Wie alt die Szene wirklich ist, ist umstritten. Erzählt wird sie schon für die Begräbnisse von Joseph II. und Kaiser Franz, doch in den Berichten über die Begräbnisse von Maria Theresia und Franz Joseph kommt sie nicht vor, und ein Vertreter der Kapuziner nannte sie eine Legende. In dieser Form nachweislich vollzogen wurde sie zum ersten Mal beim Begräbnis von Ottos Mutter Zita 1989. Überliefert ist dagegen ein schlichteres Ritual: Bevor der Sarg verschlossen wurde, fragte der Obersthofmeister den Guardian des Klosters, ob er den Toten erkenne.
Viel Platz bleibt nicht mehr. Mit der Beisetzung von Yolande de Ligne im Oktober 2023 sind alle freien Plätze belegt. Aus dem letzten Willen einer Kaiserin, bei den Kapuzinern zu liegen, ist in knapp 400 Jahren ein Familiengrab für rund 150 Menschen geworden. Und die bekannteste Szene vor seiner Tür handelt ausgerechnet davon, dass hier jeder nur als sterblicher Mensch hineinkommt.
Die Kapuzinergruft ist täglich von 10 bis 18 Uhr geöffnet, letzter Einlass ist um 17.30 Uhr. Erwachsene zahlen 15 Euro. Führungen auf Deutsch gibt es täglich um 10.30, 14 und 15.30 Uhr. Zu Allerheiligen und Allerseelen, am 1. und 2. November, ist der letzte Einlass schon um 13.30 Uhr, Führungen gibt es an diesen Tagen keine. Mehr zum Haus steht auf unserer Seite zur Kapuzinergruft.
Kapuzinergruft · Tegetthoffstraße 2, Neuer Markt, 1010 Wien
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