Am 17. Juni 1680 stand mitten auf dem Graben eine Säule aus Holz. Vor ihr feierte Wien ein Dankfest, der Prediger Abraham a Sancta Clara sprach von einer eigens aufgebauten Kanzel. Ein Kupferstich zeigt den geschmückten Platz: Girlanden mit Wappen über den Häusern, links und rechts zwei Aufbauten wie Obelisken, in der Mitte auf einem umzäunten Podest die Säule. Die steinerne Säule, die heute hier steht, gab es da noch lange nicht.
Ein Sommer, in dem Wien starb
Noch im Juli 1679, so schrieb Abraham a Sancta Clara später, „stand die Stadt in höchster Glorie“. Dann kam die Pest. Am 9. August zog sich Kaiser Leopold I. mit dem Hof auf den Kahlenberg zurück, den heutigen Leopoldsberg. Bis Ende September standen in der Stadt 300 Häuser leer. Wie viele Menschen starben, ist umstritten. Zeitgenossen sprachen von 70.000 bis 120.000 Toten, heute geht man von mindestens 12.000 aus.
Aus dieser Zeit stammt auch die Geschichte vom lieben Augustin, einem Sackpfeifer, der betrunken in eine Pestgrube gefallen sein und überlebt haben soll. Eine Legende.

Ein Theatermann baut eine Wolke
Noch 1679 gelobte Leopold, eine Säule zu errichten. Zuerst entstand die aus Holz, mit der Dreifaltigkeit und neun Engeln für die neun Chöre der Engel. Den Auftrag für die Säule aus Marmor bekam Matthias Rauchmiller, er starb 1686. Drei seiner Engel stehen bis heute auf der Säule. Am 30. Juni 1687 legte Leopold den Grundstein.
Dann arbeiteten viele mit. Johann Bernhard Fischer von Erlach änderte den Sockel. Den Entwurf für die aufgetürmten Wolken lieferte Lodovico Burnacini, der Theateringenieur des Hofes, derselbe, nach dessen Vorlage 1679 ein Stich mit Pestkranken in einem Spital entstanden war. Paul Strudel leitete die Arbeiten und schuf die Gruppe, in der der Glaube die Pest besiegt, darüber kniet betend der Kaiser. 1693 wurde die Säule geweiht. Sie ist rund 21 Meter hoch und dreiseitig, mit den Wappen für Österreich, Ungarn und Böhmen, die drei Seiten passen zur Dreifaltigkeit. In der Inschrift verbirgt sich als Chronogramm die Jahreszahl 1679.

Wache, Mauern und ein Lieferwagen
Auf Befehl Leopolds stand neben der Säule ein Schilderhaus, Tag und Nacht mit einer Wache. 1714 warf es ein Sturm um, und niemand wollte die Reparatur zahlen, bis das Vicedomamt einsprang. Im Zweiten Weltkrieg wurde die Säule zum Schutz eingemauert. Im März 2020, in der Corona-Pandemie, legten Menschen hier wieder Kerzen und Kinderzeichnungen ab. Und am Abend des 3. März 2025 fuhr ein Mann mit einem gestohlenen Kleinlaster über den Graben und prallte gegen die Säule. Der Schaden war gering, abgerissen wurde eine Kette.
Eine Generation nach Leopold gelobte sein Sohn, Kaiser Karl VI., bei der nächsten Pest 1713 eine Kirche: die Karlskirche. Die Säule auf dem Graben steht seit über 330 Jahren, Pest, Krieg und Lieferwagen hat sie überstanden.
Die Pestsäule steht frei zugänglich mitten auf dem Graben, Eintritt gibt es keinen. Ein paar Schritte weiter steht der Stock im Eisen.
Pestsäule · Graben, 1010 Wien
IM MUSEUM


