Im Herbst 1278 lag in Wien ein toter König. Ottokar II. Přemysl, König von Böhmen und über zwei Jahrzehnte auch Herr über Österreich, war am 26. August in der Schlacht auf dem Marchfeld gegen Rudolf von Habsburg gefallen. Der Sieger ließ den Leichnam 30 Wochen lang in Wien aufbahren, in der Kirche der Minoriten. Den Grundstein dazu hatte Ottokar selbst gelegt.
Fast sechshundert Jahre später, 1852, malte Moritz Leybold den gotischen Chor der Kirche mit seinem hohen Dach, davor das gelbe Hahnl-Haus.
Brüder des heiligen Franziskus
Nach der Überlieferung des Ordens holte Herzog Leopold VI. die Minoriten 1224 nach Wien, einen Zweig der Franziskaner. 2024 wurde in der Kirche deshalb 800 Jahre gefeiert. Urkundlich belegt ist das Kloster erst 1234. 1251 wurde eine erste Kapelle zum Heiligen Kreuz geweiht. Nach Stadtbränden legte Ottokar um 1276 den Grundstein für die gotische Kirche, eine der ersten im Osten Österreichs.
Weitergebaut wurde unter den Habsburgern. Blanche von Frankreich, die Frau Herzog Rudolfs III., stiftete eine Kapelle für ihren Großvater, König Ludwig den Heiligen. Sie wurde 1328 fertig, lange nach Blanches Tod 1305. Um 1350 entstand das Hauptportal, vermutlich unter Frater Jacobus von Paris, dem Beichtvater Herzog Albrechts II. Gebaut wurde auch mit Geld von Rudolf IV., der 1359 den Südturm des Stephansdoms beginnen ließ.
Ein Turm ohne Spitze
Den Turm traf es immer wieder. 1529 wurde seine Spitze bei der ersten Belagerung durch die Osmanen zerstört, er diente damals als Beobachtungsposten. Man baute sie wieder auf, 1683 ging sie erneut verloren. 1685 setzte ein Ordensbruder ihm eine provisorische Haube auf, 1761 beschädigte ein Sturm die Spitze. Seither endet der Turm flach. Über dem Hauptportal sind seit 1875 zwei osmanische Kanonenkugeln eingemauert, zur Erinnerung an 1683.
Von 1596 bis 1620 gehörte die Kirche den Protestanten. Die Minoriten feierten in dieser Zeit ihre Messen in den Räumen des Klosters weiter.

Die Italiener und das Abendmahl
Unter Joseph II. mussten die Minoriten 1784 ausziehen, in ein Kloster an der Alser Straße. Ihre Kirche bekam die Italienische Kongregation, seither heißt sie auch Maria Schnee. Der Architekt Johann Ferdinand Hetzendorf von Hohenberg, der zur selben Zeit auch die Augustinerkirche umgestaltete, ließ den Ludwigschor abtragen, entfernte die barocke Ausstattung und baute einen neuen Hochaltar. Die Grundmauern des Chors kamen beim Bau der U-Bahn Ende der 1980er-Jahre wieder zum Vorschein.
Das berühmteste Stück der Kirche kam erst später. Der Römer Giacomo Raffaelli hatte im Auftrag Napoleons das Abendmahl von Leonardo da Vinci als Mosaik kopiert, in Originalgröße, 9,18 mal 4,47 Meter und rund 20 Tonnen schwer. Fertig wurde es erst nach Napoleons Sturz. Kaiser Franz kaufte es für das Belvedere, doch dort war es zu groß. Sein Sohn Ferdinand I. schenkte es schließlich der Minoritenkirche, wo es seit den 1840er-Jahren an der Wand hängt.
Ein Geschenk an die Piusbrüder
Von 1957 bis 2019 betreuten wieder Minoriten die Kirche. Dann verschenkte die Italienische Kongregation sie an die Priesterbruderschaft St. Pius X., die die Messe im alten lateinischen Ritus feiert. Der Vertrag wurde 2021 unterschrieben, am 3. Juni 2022 übernahm die Bruderschaft die Kirche. Die Erzdiözese Wien erfuhr davon aus den Medien, über die Kirche hat sie keine Aufsicht. Seit Herbst 2023 hängt im Turm ein Glockenspiel mit elf Glocken, gegossen in Innsbruck.
Ottokar legte den Grundstein und lag dann selbst tot darin. Seither hat die Kirche Minoriten, Protestanten, Italiener und Piusbrüder erlebt, und an ihrer Wand hängt ein Abendmahl, das Napoleon bestellt und die Habsburger bezahlt haben.
Der Eintritt in die Kirche ist frei, Konzerte, die hier regelmäßig stattfinden, kosten extra. Die Gottesdienstzeiten stehen auf der Website der Bruderschaft.
Minoritenkirche · Minoritenplatz 2A, 1010 Wien
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