1840 kam in Wien ein kleiner Gebetszettel in Umlauf. Oben zeigt er ein Marienbild auf einem gotischen Altar, unten eine schlichte Kirche mit gedrungenem Turm, darunter steht: „St. Maria in der ältesten Kirche Wiens zu St. Rupert“. Eine Frau namens Magdalena Kastner hat ihn mit der Hand als Andenken gewidmet. Die Ruprechtskirche nennt sich bis heute die älteste Kirche Wiens. Ganz so einfach ist es aber nicht.
Eine Legende und ein Jubiläum
Der Legende nach wurde die Kirche 740 gegründet, von zwei Männern namens Chuniald und Gislar. 1740 feierte man deshalb ein Jubiläum von 1000 Jahren. Wahrscheinlicher ist, dass sie später entstand, als Wien ab etwa 796 bis 829 unter dem Einfluss des Bistums Salzburg stand, gegründet von Salzburger Missionaren oder eher von Salzhändlern. In einer Urkunde taucht sie erst 1200 auf.
Den Ruf der ältesten Kirche hat sie vom Chronisten Jans Enikel, der um 1280 schrieb. Historiker halten das für falsch: Älter war wohl die erste Peterskirche. Die steht aber nicht mehr. So gilt die Ruprechtskirche heute als die älteste erhaltene Kirche Wiens und ihr Turm als das älteste christliche Baudenkmal der Stadt.
Romanische Mauern und ein Stadtbrand
Das Langhaus und die unteren Geschoße des Turms mit ihren romanischen Doppelfenstern stammen aus der ersten Hälfte des 12. Jahrhunderts. Pfarrkirche war sie nie. Die Pfarre der Stadt lag bei St. Stephan, wo 1147 die erste Kirche geweiht wurde, der Vorgänger des heutigen Stephansdoms. 1276 beschädigte ein Stadtbrand die Ruprechtskirche. Danach baute man sie gotisch um: Sie bekam einen neuen Chor, der Turm wurde aufgestockt, um 1320/40 kam ein Seitenschiff dazu. An der Empore steht die Devise Friedrichs III., A.E.I.O.U., mit der Jahreszahl 1439. Im Zweiten Weltkrieg wurde die Kirche beschädigt und bis 1949 wieder instand gesetzt.

Glas und Glocken aus dem 13. Jahrhundert
Im Mittelfenster der Apsis sitzen die ältesten Glasfenster Wiens, entstanden in der zweiten Hälfte des 13. Jahrhunderts. Die anderen Fenster sind modern, 1949 von Heinrich Tahedl, ab 1993 von Lydia Roppolt. Auch zwei der drei Glocken stammen aus dem 13. Jahrhundert, eine davon goss um 1280 ein Meister namens Amaricus. Geläutet werden sie bis heute mit dem Seil.
Der Heilige der Salzhändler
Die Kirche ist dem heiligen Rupert von Salzburg geweiht, dem Schutzpatron der Salzschiffer und Salzhändler. Neben der Kirche wurde Salz verkauft. 1548 übertrug man die Sorge für die Kirche dem Salzamtmann Andre Lindauer, 1582 dem kaiserlichen Salzamt. Daran erinnern die Salzgasse und die Salztorbrücke. Die Kirche steht auf dem Gebiet des römischen Legionslagers Vindobona. Rundherum liegt heute das Bermudadreieck, ein Lokalviertel, das 1980 mit der Eröffnung des Lokals Krah Krah seinen Anfang nahm.

Ob die Ruprechtskirche die älteste Kirche Wiens ist, bleibt umstritten. Die älteste, die heute noch steht, ist sie nach allem, was man weiß, schon. Der Gebetszettel von 1840 lag also nur ein bisschen daneben.
Feste Öffnungszeiten gibt es nicht. Die Kirche wird großteils von Ehrenamtlichen betreut, wann sie offen ist, steht in einer Liste auf ihrer Website, die oft kurzfristig aktualisiert wird. Gottesdienst ist samstags um 17 Uhr. Ein paar Gassen weiter steht der Hohe Markt mit der Ankeruhr.
Ruprechtskirche · Ruprechtsplatz 1, 1010 Wien
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