Kurz vor zwölf Uhr mittags ist der Hohe Markt voller Menschen. Hunderte stehen dicht gedrängt, die Hüte auf dem Kopf, den Blick nach oben, zu einer Brücke zwischen zwei Häusern über der Gasse. Der Fotograf Martin Gerlach junior hat so eine Menge zwischen 1920 und 1930 von oben aufgenommen. Gleich ziehen zwölf Figuren aus Kupfer vorbei, jede mit ihrer eigenen Musik. Gebaut hat diese Uhr eine Versicherung, und eröffnet wurde sie nie.
Ein Haus, bezogen am Tag nach Sarajevo
Die Versicherungsgesellschaft „Der Anker“ hatte ihren Sitz seit 1869 am Hohen Markt. 1911 wurde es ihr zu eng, sie kaufte Nachbarhäuser und plante einen Neubau. Weil der Bauernmarkt bis zum Hohen Markt verlängert werden sollte, musste zwischen den Häusern eine Durchfahrt bleiben. Die Gebäude wurden deshalb mit einer Brücke verbunden, zehn Meter weit gespannt. Auf diese Brücke kam die Uhr.
Den Auftrag bekam Franz Matsch, Maler und Bildhauer. Als junger Mann hatte er mit Gustav und Ernst Klimt in einer Künstler-Compagnie gearbeitet, mit Gustav Klimt malte er die Deckenbilder über den Prunkstiegen des Burgtheaters. Für die Uhr entwarf Matsch die Figuren und legte auch die Grundzüge der Mechanik fest, das Uhrwerk baute der Hofuhrmacher Franz Morawetz. Die Idee dahinter: Die Stunden ziehen sichtbar vorbei, und wer sie vergehen sieht, soll rechtzeitig vorsorgen. Die Uhr war also auch Werbung für die Lebensversicherung.
Im Frühsommer 1914 war das Haus fertig. Bezogen wurde es am 29. Juni 1914, einen Tag nachdem Thronfolger Franz Ferdinand und seine Frau Sophie in Sarajevo erschossen worden waren. Die Uhr verzögerte der Krieg, der vier Wochen später begann. Ihre Orgel spielte zum ersten Mal im Dezember 1914, zur ersten Probe lief die Uhr am 18. August 1915, am 85. Geburtstag des Kaisers. Danach blieb sie bis Kriegsende ausgeschaltet. Eine feierliche Eröffnung gab es nie.
Von Marc Aurel bis Haydn
Die zwölf Figuren sind 2,6 bis 2,8 Meter groß und aus getriebenem Kupfer. Statt über ein rundes Zifferblatt wandern sie waagrecht über eine Skala: Jede Figur braucht eine Stunde von 0 bis 60, dann übernimmt die nächste. Matsch wählte Menschen, die für die Geschichte Wiens wichtig waren, in zeitlicher Reihenfolge.
Den Anfang macht um 1 Uhr der römische Kaiser Marc Aurel, der in den Kriegen an der Donau auch in Vindobona war. Die Reste des römischen Lagers liegen nur ein paar Schritte entfernt unter dem Hohen Markt, im Römermuseum. Es folgen Karl der Große, Herzog Leopold VI. mit Theodora von Byzanz, Walther von der Vogelweide, König Rudolf von Habsburg mit Anna von Hohenberg und der Dombaumeister Hans Puchsbaum vom Stephansdom. Um 7 Uhr kommt Kaiser Maximilian I. zu „Innsbruck, ich muss dich lassen“, um 8 Uhr Bürgermeister Johann Andreas von Liebenberg zu „O du lieber Augustin“. Graf Ernst Rüdiger von Starhemberg, der Wien 1683 gegen die Osmanen verteidigte, steht für 9 Uhr, Prinz Eugen für 10 Uhr, um 11 Uhr folgen Maria Theresia und Franz I. von Lothringen zu einem Menuett von Mozart.

Um 12 Uhr erscheint Joseph Haydn. Nicht der Kaiser, wie es damals nahegelegen hätte, sondern der Komponist seiner Hymne. Zu ihm erklang anfangs die Kaiserhymne. Nach dem Ende der Monarchie wurde sie ersetzt, heute spielt zu Haydn „Die Himmel erzählen“ aus seiner „Schöpfung“.
Mittags alle zwölf
Zu jeder vollen Stunde spielt die Musik der neuen Figur. Um 12 Uhr ziehen alle zwölf nacheinander vorbei, das dauert rund eine Viertelstunde. Früher spielte dazu eine echte Orgel mit Hunderten Pfeifen. Im April 1945 brannte das Haus aus, die Orgel war nicht mehr zu retten. Seit die Uhr in den 1950er-Jahren wieder läuft, kommt die Musik von einer Aufnahme, die heutige Fassung entstand 1978 in einer Wiener Kirche. 2005 wurde die Uhr unter Aufsicht des Bundesdenkmalamts vollständig restauriert. Sie gehört bis heute der Versicherung, die inzwischen Helvetia heißt.
Wer genauer hinsieht, findet auch die Botschaft der Uhr wieder: Adam und Eva, ein Engel und ein Teufel tragen die Brücke, oben stehen Figuren für Leben und Tod. Eine Uhr, deren letzte Stunde einmal zur Kaiserhymne schlug, endet heute mit der „Schöpfung“. Und aus einer Werbung für die Vorsorge wurde eine Attraktion, die jeden Mittag Menschen auf den Hohen Markt zieht, wie schon vor hundert Jahren.
Der älteste Markt der Stadt
Der Hohe Markt gilt als ältester Markt Wiens, 1233 wird er als „forum altum“ erwähnt. Bis 1753 wurde hier der Fischmarkt abgehalten, als Wochenmarkt diente der Platz bis 1939. In der Mitte steht der Vermählungsbrunnen, errichtet zwischen 1729 und 1732. Rudolf von Alt zeichnete den Platz 1836, fast achtzig Jahre bevor die Uhr kam. Im April 1945 brannte fast der ganze Platz nieder, nur das Haus Nummer 5 blieb stehen.

Die Ankeruhr ist jederzeit kostenlos von der Straße aus zu sehen, Führungen ins Innere gibt es nicht. Die Parade aller zwölf Figuren läuft täglich um 12 Uhr.
Ankeruhr · Hoher Markt 10–11, 1010 Wien
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