„Fahr'mer, Euer Gnad'n?“ Der Kutscher auf dem Bock hebt den Arm, zwei Pferde stehen eingespannt, neben dem Wagen wartet eine Frau im grünen Kleid. Das handkolorierte Foto trägt die Nummer 1 einer Serie, die Otto Schmidt in den 1870er-Jahren fotografierte und der Verlag A. F. Czihak herausbrachte. Ihr Titel: „Wiener Typen“.
Die Bilder sahen aus wie Momentaufnahmen aus dem Wiener Alltag. Der Feuilletonist Friedrich Schlögl lobte, wie lebendig und treu sie seien. Tatsächlich standen zum Teil Schauspieler im Kostüm Modell, vor wechselnden Hintergründen im Atelier. Der Fiaker, das Wäschermädel, der Werkelmann: Was wir heute für das alte Wien halten, ist zu einem guten Teil ein Bild, das sich die Stadt von sich selbst gemacht hat. Und dieses Bild hatte von Anfang an auch eine dunkle Seite.
„Nach dem Leben gezeichnet“
Um zu verstehen, woher die Typen kommen, muss man ein Jahrhundert zurückgehen. 1775 brachte Johann Christian Brand, Kammermaler des Hofes und Professor an der Wiener Akademie, eine Folge von Kupferstichen heraus: „Zeichnungen nach dem gemeinen Volke besonders Der Kaufruf in Wien“. Ein Kaufruf war der Ruf, mit dem Straßenhändler und Handwerker auf sich aufmerksam machten: für jedes Gewerbe ein eigener, meist nach einer festen Melodie gesungen. Brand zeigte die Menschen hinter diesen Rufen, jedes Blatt eine Figur. Die Folge wurde berühmt und erlebte bis 1798 drei Auflagen.
Unter jeder Figur steht ihr Name, auf Deutsch und Französisch: Kästenweib, Bürstenkrämer, Milchweib. Benannt sind sie fast alle nach dem, was sie verkaufen. Einige aber nach ihrer Herkunft: die „Kroatinn mit Zwiebel“, der „Griechische Kaufmann“. Und einer nach seiner Religion: der „Trödeljud“, auf Französisch „Juif qui trafique“. Er handelt mit Trödel, also mit gebrauchten Sachen. Beim Bürstenkrämer oder beim Milchweib reicht das Gewerbe als Name. Bei ihm wird die Religion Teil des Namens: Aus dem Trödler wird der „Trödeljud“. Gezeichnet ist er wie die anderen, nicht als Zerrbild. Das Klischee steckt in der Beschriftung.



„Häfe binde!“
Nach Brand zeichneten viele andere die Wiener Kaufrufe, als neue Bildfolgen, als Bilderbögen und 1823 sogar als „Kleiner Kaufruf“ im Spielkartenformat. Viele der Händler und Handwerker auf den Blättern kamen aus anderen Teilen der Monarchie und darüber hinaus. Die Rastelbinder etwa waren slowakische Drahtbinder, die in den Höfen der Häuser Töpfe und Geschirr mit Draht flickten und ihre Arbeit mit einem Ruf anboten.
Eine Lithografie um 1820 gibt diesen Ruf in einer Lautschrift wieder, die offenbar den Akzent des Händlers nachahmt: „Häfe binde! Reaine. kaf ta schän Rastel!“

Um 1850 waren die Typen so vertraut, dass sie auf Tarockkarten landeten. Auf Karte XV eines Tarocks von Carl Holdhaus sitzen oben zwei Rastelbinder bei der Arbeit, unten, kopfstehend, steht der Bandelkramer mit einer Frau.

Ein Atelier in Mariahilf
Otto Schmidt, 1849 in Gotha geboren, führte um 1900 einen der größten fotografischen Kunstverlage Wiens. Er verkaufte Vorlagen an Künstler und Gewerbeschulen, darunter Aktstudien. Ob sie „künstlerisch“ oder „unsittlich“ waren, wurde immer wieder vor Gericht verhandelt. Seine „Wiener Typen“ waren die erste Serie, die die Figuren aus der Druckgrafik in die Fotografie holte.


1886 erschienen weitere Karten, auf dem Karton mit dem Aufdruck „Wiener Typen“ und der Adresse seines Ateliers in der Mariahilfer Straße 37. Eine zeigt eine junge Frau mit Kopftuch und Halstuch, beschriftet „Wäschermad'l“. Eine andere einen Mann mit Bart und Kappe, der leicht lächelt. Seine Beschriftung: „Polnischer Jude“.


Sehnsucht nach einer Stadt, die es so nicht gab
2013 widmete das Wien Museum den Typen eine große Ausstellung: „Wiener Typen. Klischees und Wirklichkeit“, kuratiert von Wolfgang Kos und einem Team des Museums. Ihre These: Die Typen sind Konstruktionen, die zwischen Grafik, Foto, Feuilleton und Wienerlied hin- und herwanderten. Je mehr die echten Straßenhändler aus der Stadt verschwanden, desto mehr wurden sie zum Gegenstand der Sehnsucht nach der „guten alten Zeit“. Der verklärte Blick ließ die harten Arbeits- und Lebensbedingungen aus. Die Ausstellung zeigte, was hinter den Klischees steckte: Zuwanderung, Kinderarbeit und eine ethnische Typisierung, etwa in der Figur des „jüdischen Hausierers“.
Der Fotograf, den niemand bemerkte
Einer, der anders hinsah, war Emil Mayer. 1871 im böhmischen Nový Bydžov geboren, war er Rechtsanwalt in Wien und ein ehrgeiziger Amateurfotograf, der später auch Fotogeräte entwickelte, von 1907 bis 1927 als Präsident des Wiener Amateur-Photographen-Clubs. Ab 1905 fotografierte er mit einem Sucher, der ihn unbemerkt arbeiten ließ. Um 1908 erschienen seine Bilder als Ansichtskarten: „Wiener Typen und Straßenbilder“. Diese Karte zeigt keine Pose, sondern einen Moment: einen Hausierer mit Bauchladen im Gespräch mit einem Dienstmann.


Mayer stammte aus einer jüdischen Familie, als Student hatte er sich taufen lassen. Für die neuen Machthaber war der Mann, der die Wiener Typen fotografiert hatte, 1938 nur noch ein Jude, gleichgültig, wie er sich selbst verstand. Am 8. Juni 1938, wenige Monate nach dem „Anschluss“, nahmen sich Emil Mayer und seine Frau Elisabeth das Leben, um der Verfolgung zu entgehen. 1995 zeigte das Jüdische Museum Wien seine „Wiener Typen“ in einer Gedächtnisausstellung.
Mehr von Emil Mayer und Johann Christian Brand zeigt unser Dossier Heiße Maroni: Wiens Maronibrater in 11 Bildern, eine Fotografie Mayers auch das Dossier Der Christbaum in Wien. Viele der Typenbilder lassen sich in den Online-Sammlungen des Wien Museums und der Albertina ansehen.
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