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April 22, 2021
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Wien Museum

Felix Saltens „Wurstelprater“: heimliche Fotos vom Prater um 1900 im Wien Museum

Felix Saltens „Wurstelprater“ führt durch den Wiener Prater um 1900 – einen Ort, der die ganze Gesellschaft spiegelte. Die heimlich aufgenommenen Fotos dazu lagen lange unbeachtet im Archiv des Wien Museums.

Felix Saltens „Wurstelprater“: heimliche Fotos vom Prater um 1900 im Wien Museum
Foto: Emil Mayer / Brüder Kohn KG, um 1908, Wien Museum, CC0

Auf drei schmalen Kartons in der Sammlung stand nur „Volksleben um 1900“, sonst nichts. Ursula Storch, Kuratorin am Wien Museum, suchte etwas anderes, zog die Glasdias vorsichtig heraus – und erkannte sofort, was sie vor sich hatte: die Praterfotografien von Emil Mayer, mit denen 1911 ein Buch illustriert worden war, das heute als Schlüsseldokument der Wiener Moderne gilt.

Das Buch heißt „Wurstelprater“, geschrieben hat es Felix Salten. Salten arbeitete als Journalist in allen möglichen Kultursparten, verkehrte im Kreis von Jung Wien um Hugo von Hofmannsthal, Arthur Schnitzler und Hermann Bahr und verfasste Belletristik, Theaterstücke und Filmdrehbücher. Berühmt wurde er mit „Bambi“. Storch nennt ihn ein Sprachchamäleon.

Die Texte sind deutlich älter als das Buch. Schon 1895 veröffentlichte Salten in der Beilage der Wiener Allgemeinen Zeitung kurze Pratereindrücke, 1897 schrieb er ein Manuskript mit dem Titel „Der Prater“ – und zeichnete es mit Felix Nettlas, seinem eigenen Namen, von hinten nach vorn gelesen. Im November desselben Jahres las Hermann Bahr bei einer literarischen Konferenz einige dieser Impressionen vor.

Bis zum Buch dauerte es dann noch mehr als ein Jahrzehnt, und das macht es zu einem Anachronismus. Gerade um 1900 veränderte sich der Prater rasant: Das Riesenrad wurde 1897 aufgestellt, 1898 nahm die erste europäische Grottenbahn ihren Betrieb auf, um 1900 entstanden die ersten Kinos, 1908 kam die Hochschaubahn dazu. Nichts davon kommt vor. Salten interessierten ohnehin weniger die Schaubuden als die Menschen zwischen ihnen: die Ausrufer, die Praterkellner, die „Dame ohne Unterleib“.

©Brüder Kohn KG (B. K. W. I.) (publishing house), Emil Mayer (Photographer), "Wien. - Praterleben. Die Dame ohne Unterleib.", around 1908, Wien Museum Inv.-Nr. 143816, CC0

Ein Objektiv, das ums Eck fotografierte

Die 75 Fotografien im Buch stammen von Emil Mayer, einem promovierten Juristen, der als Amateur fotografierte, in einem Fotografenverein aktiv war und selbst Patente anmeldete. Sein Kunstgriff war ein Objektiv, das um die Ecke aufnahm: Wer vor ihm stand, glaubte, er ziele auf jemand anderen. Persönlichkeitsrechte gab es dafür noch nicht. Die Leute auf seinen Bildern haben sich nicht in Positur geworfen, weil sie gar nicht wussten, dass sie fotografiert wurden.

Damit stand Mayer in einer Tradition, die er zugleich verließ. „Wiener Typen“ gab es zuerst in der Druckgrafik, seit den 1880er Jahren auch als Fotoserien – aufgenommen allerdings im Atelier.

©Brüder Kohn KG (B. K. W. I.) (publishing house), Emil Mayer (Photographer), "Wien - Praterleben. Aussenseiter" [Außenseiter], around 1908, Wien Museum Inv.-Nr. 143813, CC0

Im Wien Museum liegen rund 150 Glasdias von ihm, etwa 90 davon zeigen den Prater, 39 sind im Buch abgebildet. Ins Inventarbuch waren sie 1964 nur als „Volksleben Wien um 1900“ eingetragen worden. Inzwischen ist jedes Dia einzeln erfasst und besser gelagert. Später dienten die Aufnahmen auch Lichtbildvorträgen in der Urania, teils koloriert, und es gab eine Postkartenserie.

Was die Bilder vor allem zeigen, ist das Zuschauen. Storch beschreibt es als das eigentliche Prinzip des Praters:

„Das war beim Prater immer das Besondere: dass man sich auch ohne Geld zwischen den Buden bewegen und zuschauen konnte.“

Auf den Dias sind Ringelspiele zu sehen, deren Pferde so groß waren, dass auch Erwachsene im Kreis fuhren, eine Schießbude, der Watschenmann, Gastgärten, Damenkapellen, Ausrufer vor ihren Buden. Dazu die Kleidung, die Haltung der Leute, die Typografie der Schilder.

Ein Buch über die Menschen im Prater also, bebildert von einem, den beim Schauen niemand bemerkte. Und ein Blick auf eine Stadt, von dem im Museum jahrzehntelang nicht mehr blieb als eine Aufschrift auf drei Kartons.