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October 27, 2026
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Pratermuseum

Hanswurst: Wie der Wurstelprater zu seinem Namen kam

Im Juni 1892 sitzt Fürstin Metternich im Prater auf einer Holzbank und schaut dem Hanswurst zu. Die Geschichte der Lustigen Figur, die man im 18. Jahrhundert von der Bühne haben wollte und die dem Wurstelprater den Namen gab.

Hanswurst: Wie der Wurstelprater zu seinem Namen kam
Vermutlich Auguste Wimmer, Verlag Oscar Kramer, Internationale Ausstellung für Musik- und Theaterwesen 1892, Alt-Wien, Der Hohe Markt 1692, Photochrom, 1892, Wien Museum · CC0, via Kulturpool

Am Samstag, dem 4. Juni 1892, um vier Uhr nachmittags, beginnt im Prater ein Theater unter freiem Himmel. Für die Internationale Ausstellung für Musik- und Theaterwesen hat man ein Stück Alt-Wien nachgebaut, den Hohen Markt, wie er um 1692 ausgesehen haben soll. Auf den rohen Holzbänken sitzen Fürst und Fürstin Metternich, Gräfin Wilczek, Journalisten, Maler und Schauspieler. Gegeben werden die Pantomime „Die Geburt des Hanswurst“ und die Posse „Au weh! mi druckt die Trud!“. Den Hanswurst gibt der Volkskomiker Ludwig Gottsleben, und ein Kritiker lobt danach, er habe ihn „mit einer wahrhaft urwüchsigen Komik“ gespielt.

Derselbe Kritiker schreibt, der Hanswurst habe derzeit „einen Sonnenfels als Gegner nicht zu fürchten“. Die Anspielung reicht weit zurück. Mehr als hundert Jahre vorher wollten aufgeklärte Herren genau diese Figur von den Wiener Bühnen vertreiben. Jetzt saß der Adel auf Holzbänken und schaute ihr zu. Und der Vergnügungspark rundherum hieß im Volksmund längst nach ihr.

Ein Bauer aus Salzburg erobert Wien

Geschaffen hat den Wiener Hanswurst Joseph Anton Stranitzky, geboren 1676, vermutlich in Knittelfeld in der Steiermark. Er war Komödiant und Marionettenspieler, handelte mit Wein und war von der Medizinischen Fakultät als Zahn- und Mundarzt geprüft. Um 1705 ließ er sich in Wien nieder, 1706 spielte er am Neuen Markt noch in Bretterbuden. 1712 übernahm er das neue steinerne Komödienhaus beim Kärntnertor, das erste feste Theatergebäude der Stadt.

Dort machte er eine Figur berühmt, die deutlich derber war als die italienischen Komödienfiguren: einen Bauern aus Salzburg, gekleidet wie die Lungauer Sau- und Krautschneider, mit roter Jacke, gelber Hose und grünem Spitzhut. In seinen Stücken, oft Parodien auf höfische Opern, spielte er meist einen Diener. 1717 ließ sich Stranitzky über dem alten Werdertor ein Zinshaus bauen, das nach ihm Hanswursthaus hieß. Er starb 1726 im Komödienhaus beim Kärntnertor, die Rolle übernahm sein Schwiegersohn Gottfried Prehauser.

Kolorierter Kupferstich um 1710: der Hanswurst mit grünem Hut, Halskrause, roter Jacke, Hosenträgern und weiter heller Hose steht breitbeinig vor einem Dorf mit Kirchturm
„Wahre Bildnus des artig und lustigen Bauren Hanns Wurst“, kolorierter Kupferstich, um 1710. – Bild: Wien Museum, CC0, via Kulturpool

Zu derb für die Aufklärung

Nicht allen gefiel das. Wer das Theater heben wollte, sah im Hanswurst mit seinen Stegreifwitzen und Zoten ein Hindernis. 1752 verbot Maria Theresia das Stegreifspiel und Zweideutigkeiten auf der Bühne. Das Verbot wurde oft ignoriert und musste mehrmals erneuert werden. Besonders vehement kämpfte der Aufklärer Joseph von Sonnenfels gegen die Volkskomödie, er wollte den Hanswurst ganz von der Bühne haben. Am Ende wurde die Figur nicht verbannt, sondern gezähmt, zum braven Diener.

Ihren Platz übernahmen neue Lustige Figuren. Ab 1781 spielte Johann Joseph La Roche im Leopoldstädter Theater den Kasperl, später kamen Thaddädl und Staberl. Raimund und Nestroy formten die Figur im 19. Jahrhundert noch einmal neu.

Weiterleben im Puppentheater

Auf den großen Bühnen kam der Hanswurst aus der Mode. Weiter lebte er im Puppentheater, als Kasperl oder, auf Wienerisch, als Wurstel. 1766 öffnete Joseph II. den Prater für alle. Bei den Praterhütten nahe dem Eingang entstanden Wurstel- und Kasperltheater, und nach ihnen bekam das Gebiet seinen Namen: Wurstelprater. Bald stand er für den ganzen Vergnügungspark mit seinen Gasthäusern und Hütten.

Rudolf von Alt hat eine solche Bude gezeichnet, wohl um 1850: eine kleine Bühne unter hohen Bäumen, davor Herren mit Zylinder, Frauen in weiten Röcken und Kinder. Auf einer kolorierten Lithografie von Matthias Rudolph Toma drängen sich Kinder und Erwachsene vor einer Holzbude, in deren Fenster eine Puppe spielt.

Aquarellierte Bleistiftzeichnung: eine kleine Puppenbühne unter hohen Bäumen, davor Herren mit Zylinder, Frauen in weiten Röcken und Kinder
Rudolf von Alt, Kasperltheater im Prater, aquarellierte Bleistiftzeichnung, wohl um 1850. – Bild: Wien Museum, CC0, via Kulturpool
Kolorierte Lithografie: links Kinder und Erwachsene vor einer Holzbude mit einer Puppe im Fenster, rechts ein Spaßmacher in Rot und Weiß auf einer Leiter vor einer Bude mit bemalten Schautafeln
Matthias Rudolph Toma, Beim Kasperl, aus der Serie „Prater-Scenen“, kolorierte Lithografie. – Bild: Wien Museum, CC0, via Kulturpool

Ein Prater für die Fremden

Vor der Weltausstellung 1873 sollte der Prater ordentlicher werden. Die Praterhütten wurden nummeriert, und am 23. Dezember 1872 beschloss das Praterregulierungskomitee, den Wurstelprater offiziell in Volksprater umzubenennen. Aus dieser Zeit stammt eine Entwurfszeichnung für das neue Kasperltheater der Barbara Fux, die Praterhütte Nr. 97. Oben steht „Prater Regulierung“, unten der Stempel der Weltausstellung. Im Mai 1873 spottete das Illustrirte Wiener Extrablatt, der Wurstelprater sei „seines spezifischen Wienerthums entkleidet“ worden. Alles „für die Fremden“.

Kolorierte Bauzeichnung 1872: Ansicht und Grundriss einer kleinen Holzhütte mit verziertem Giebel und großem Fenster, oben Prater Regulierung, unten ein runder Stempel der Weltausstellung 1873
Praterhütte Nr. 97, Entwurfszeichnung für das neue Kasperltheater der Barbara Fux im Prater, 1872. – Bild: Wien Museum, CC0, via Kulturpool

Ein Kasperltheater unter ihrem Namen gab es noch Jahrzehnte später. Emil Mayer fotografierte es zwischen 1905 und 1911, „Barbara Fux“ stand groß über dem Fenster. Das Bild ist in unserer Fotoseite Der Prater früher zu sehen.

Hanswurst an der Decke des Burgtheaters

Ausgerechnet das kaiserliche Hoftheater holte den Hanswurst wieder herein. Für das neue Burgtheater am Ring, eröffnet am 14. Oktober 1888, malten Gustav Klimt, sein Bruder Ernst und Franz Matsch von 1886 bis 1888 die Decken der beiden Stiegenhäuser, zehn Bilder aus der Geschichte des Theaters. Ernst Klimt übernahm den „Hanswurst auf der Jahrmarktsbühne“. Allein die Arbeitszeichnung für eine Hälfte des Bildes, Kohle und Bleistift auf Packpapier, misst 2,50 mal 4,66 Meter, sie gehört heute der Albertina. An der Fassade des Burgtheaters steht der Hanswurst auch, als Skulptur von Viktor Tilgner.

Fotografie um 1890 eines Deckengemäldes: auf einer erhöhten Bühne unter einem Baum ein Spaßmacher, davor eine Menge in Kostümen des 18. Jahrhunderts, dahinter hohe Giebelhäuser
Ernst Klimts Deckengemälde „Hanswurst auf der Jahrmarktsbühne“ im Stiegenhaus des Burgtheaters, Fotografie, um 1890. – Bild: Wien Museum, CC0, via Kulturpool

Wieder Wurstelprater

Vier Jahre nach der Eröffnung des Burgtheaters stand der Hanswurst dann im Prater wieder selbst auf der Bühne, auf dem nachgebauten Hohen Markt vom Anfang dieser Geschichte. Wie gut das ankam, zeigt eine Zeitungsnotiz von 1898: Als in „Venedig in Wien“ ein Kasperltheater auf einem nachgebauten Alt-Wiener Platz geplant wurde, erinnerte das Blatt an den gewaltigen Zuspruch, den das Hanswursttheater 1892 gehabt hatte.

Der Name Volksprater hat sich nie ganz durchgesetzt. 2024 wurde das Gebiet auf Initiative des Praterverbands und der Prater Wien GmbH wieder in Wurstelprater umbenannt. Und der Wurstel spielt noch immer: Am Wurstelplatz tritt das Original Wiener Praterkasperl an Wochenenden und Feiertagen auf, der Eintritt kostet so viel wie ein Krügerl Bier im Schweizerhaus. Der Hanswurst, den Sonnenfels von der Bühne haben wollte, hat einem ganzen Vergnügungsviertel den Namen gegeben.

Ansichtskarte um 1908: vier lachende Kinder mit großen Strohhüten, ein Bub im Matrosenanzug, sie schauen gebannt nach oben
Emil Mayer, „Wien. – Praterleben. Premiere beim Wurstel.“, Ansichtskarte, um 1908. – Bild: Wien Museum, CC0, via Kulturpool

Historische Kasperlfiguren zeigt das Pratermuseum unweit des Riesenrads, zusammen mit Ringelspielfiguren, Teilen einer Grottenbahn und frühen Spielautomaten. Es hat Freitag bis Sonntag von 11 bis 18 Uhr offen und macht Winterpause, vom 1. November bis 14. März ist es zu. Der Eintritt kostet 9 Euro, unter 19 Jahren ist er frei. Wie der Prater um 1900 aussah, zeigen die Fotos von Emil Mayer und Felix Saltens Buch „Wurstelprater“. Die Geschichte des bekanntesten Fahrgeschäfts steht in unserem Text über das Wiener Riesenrad.

Pratermuseum · Prater 92 (Straße des 1. Mai), 1020 Wien