Deep Dive
March 12, 2025
|
Papyrusmuseum

True Crime aus dem alten Rom: ein Papyrus über fingierten Sklavenkauf und Steuerbetrug

Ein Papyrus, kaum größer als ein A4-Blatt, enthält den Stoff für einen Politthriller: Anna Dolganov entziffert darin einen Prozess um fingierten Sklavenkauf, Steuerbetrug und womöglich verdeckten Widerstand gegen Rom.

True Crime aus dem alten Rom: ein Papyrus über fingierten Sklavenkauf und Steuerbetrug
Bild: Israel Antiquities Authority

Das Fragment ist kaum größer als ein A4-Blatt, und die Buchstaben darauf sind winzig. Wer sie entziffert, liest weder Vertrag noch Quittung, sondern die Notizen zweier Ankläger, die sich auf einen Prozess vorbereiten: Wenn die Gegenseite das behauptet, antworten wir jenes. Ein Schummelzettel für den Gerichtssaal, auf dem kein Wort verschwendet wurde, weil der Platz knapp war. Er ist fast 2000 Jahre alt.

Anna Dolganov, Althistorikerin und Papyrologin am Österreichischen Archäologischen Institut der ÖAW, hat den Text herausgegeben. Erhalten ist nur die zweite Hälfte der Urkunde, die erste fehlt, weshalb ein guter Teil der Arbeit aus Detektivarbeit bestand: Altgriechisch lesen, abgeriebene Stellen ergänzen, prüfen, ob die Vermutung trägt. Vorlagen gab es dafür kaum, denn anders als ein Kaufvertrag hat dieser Text keine Parallelen. Überdauert hat er, weil Menschen auf der Flucht vor dem Krieg gegen Rom ihn in eine Höhle der Judäischen Wüste mitnahmen, wo es trocken genug ist, dass organisches Material überlebt.

Angeklagt sind zwei Männer mit jüdischen Namen, Gadalias und Saulos, wegen Steuerflucht und Betrug. Käufe von Sklaven und Immobilien waren im Römischen Reich mit mehreren Abgaben verbunden. Die beiden sollen einen Scheinkauf betrieben haben: Sklaven wurden auf dem Papier an Freunde in der Nachbarprovinz verkauft, dorthin aber nie gebracht und dort nie registriert. Aus Sicht des Staates waren sie verschwunden, die Steuer entfiel. Dazu kamen gefälschte Urkunden, die in Archive eingeschleust wurden – wie genau das administrativ funktionierte, will Dolganov noch klären. Als die Edition erschien, meldeten sich Anwaltskanzleien aus mehreren Ländern bei ihr, und ein US-Fachdienst für Steuerrecht griff den Fall auf, nach dem Motto: Das Finanzamt hat es immer gegeben, Steuerbetrug auch.

Warum lässt ein Sklavenschmuggler einen Sklaven frei?

Über die Beweggründe sagt der Text nichts Sicheres. Gadalias, Sohn eines Notars und damit aus der örtlichen Oberschicht, wird von der Anklage als verarmter Verschwender gezeichnet, käuflich und zu jeder Art von Verbrechen bereit – ein Standardtypus römischer Gerichtsrhetorik, der die Vorwürfe plausibel machen sollte. Saulos wollte womöglich schlicht keine Abgaben zahlen oder ärmer erscheinen, als er war, weil der Staat Wohlhabende zu unbezahlten Diensten verpflichtete. Auffällig bleibt ein Detail: Einer der Sklaven wurde freigelassen. Für einen reinen Finanzbetrug ergibt das wenig Sinn. Jüdische Quellen forderten die Freilassung eines jüdischen Sklaven nach sieben Dienstjahren, religiöse Motive sind also denkbar, mehr als eine Vermutung ist das nicht.

Politisch war der Fall trotzdem heikel. Zehn Jahre zuvor hatte es einen großen Aufstand gegeben, der nächste stand kurz bevor. Wer dem Staat die Steuer verweigerte, galt der Verwaltung als jemand, dessen Haltung man überprüfen musste – im schlimmsten Fall ging es gar nicht ums Geld, sondern um Widerstand gegen die römische Herrschaft, die in den Provinzen auf die Mitarbeit der lokalen Eliten angewiesen war. Der Schluss des Papyrus ist eine Mitschrift aus der Verhandlung selbst, und sie ist schwer zu ertragen.

Im römischen Recht war die Aussage eines Sklaven nur gültig, wenn sie unter Folter zustande kam. Ein Sklave war juristisch gesehen kein Mensch.

Wie der Prozess ausging, ist nicht überliefert; da die Angeklagten einander bereits beschuldigten, spricht wenig für einen guten Ausgang. Offen bleibt auch, warum jemand auf der Flucht ausgerechnet diese Aufzeichnungen einpackte. Dolganov vermutet, dass der Besitz einer solchen Urkunde den Träger als Mann der Verwaltung auswies – was gegenüber römischen Soldaten über das eigene Überleben entscheiden konnte. Dolganov kam als Doktorandin aus den USA nach Wien, weil hier die zweitgrößte Papyrussammlung der Welt liegt, deren Schaufenster das Papyrusmuseum Wien ist. Rund 400.000 griechische Papyri sind bis heute unveröffentlicht. Nach ihrer Rechnung bräuchte es etwa 30.000 Menschenjahre, um sie alle zu edieren – ein Bestand an unerzählten Leben, der die Antike weniger fern erscheinen lässt als die Schulbücher.