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March 28, 2022
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TMW

Damenspenden vom Postball: Miniaturen aus dem Postarchiv des Technischen Museums Wien

Ein Briefkasten aus Leder, kaum größer als eine Streichholzschachtel: Mirko Herzog zeigt im Tiefspeicher des Technischen Museums Wien Ballspenden und Tanzkarten – und erklärt, warum sie keine gute alte Zeit belegen.

Damenspenden vom Postball: Miniaturen aus dem Postarchiv des Technischen Museums Wien
Foto: Technisches Museum Wien/Archiv

Ein brauner Lederkasten, kaum größer als eine Streichholzschachtel, der Deckel lässt sich aufklappen, winzige Zahlen und Buchstaben sind aufgemalt: ein Wiener Stadtbriefkasten um 1890. Er liegt im Tiefspeicher des Technischen Museums Wien in einer Kartonschachtel, zwischen rund 50 ähnlich kleinen Dingen. Wer hier eine technische Errungenschaft erwartet, bekommt Geschenke zu sehen.

Mirko Herzog, Leiter des Postarchivs am Technischen Museum Wien, hat die Schachtel heraufgeholt. In ihr liegen Ballspenden und Tanzkarten von den großen Wiener Postbällen, sogenannte Damenspenden, die im 19. Jahrhundert an die weiblichen Gäste verteilt wurden. Es sind Miniaturen, kunstfertig auf das Motto des Balls gearbeitet: zentimetergroße Telegrafen- und Telefonapparate, Lokomotiven, Briefkästen, Posthörner, Postkutschen, Stehlampen, Fotoalben – je nachdem, welcher Verein oder welche Innung den Abend veranstaltete. Ein Posthorn sei, anders als ein Zeitungsbericht um 1900 behauptete, nicht wirklich bespielbar, sagt Herzog. In der Wiener Ballberichterstattung hatten die Spenden ihren Fixplatz neben Gästelisten und Festdekoration, begehrte Sammlerobjekte waren sie schon damals.

Dazu gehörte stets die Tanzkarte: ein Büchlein von fünf bis zehn Zentimetern, in dem die feste Folge der Tänze durchnummeriert abgedruckt war. Ein kleiner Bleistift hing daran, mit dem die Dame notierte, wer sich für den dritten Walzer, die zweite Polka oder die letzte Mazurka verpflichtet hatte, dazu eine Kordel mit Haken zum Befestigen am Ballkleid. So ging weder die Tanzordnung verloren noch der Tanzpartner.

Tanzkarte und Damenspende des k. k. Postballs im Wiener Colosseum vom 12. Februar 1900. – Foto: Technisches Museum Wien/Archiv

Im Lauf der 1920er-Jahre verschwindet die Tanzkarte. Zeitgenössische Kommentatoren, vor allem männliche, deuteten das als Zeichen der Frauenemanzipation: Die moderne Frau wolle sich nicht mehr im Voraus festlegen, mit wem sie tanze. Ob so viel Selbstbestimmtheit auf dem Tanzparkett der Alltagswirklichkeit der meisten Frauen außerhalb der Ballsäle entsprach, bezweifelt Herzog.

Die Sammlung stammt großteils aus dem Nachlass eines um 1900 prominenten Telegrafen-Baurats und kam nach dessen Tod in den 1930er-Jahren an das damalige Postmuseum – als Erinnerung an eine gute alte Zeit vor dem Ersten Weltkrieg. Das Archiv war lange der Postgeneraldirektion unterstellt und sammelte, was die staatliche Post vorteilhaft zeigte: Belege für eine im Krieg wie im Frieden tadellos funktionierende Organisation, deren Mitglieder eine große, stolze Familie bildeten.

Tanzkarten von Wiener Postbällen um 1900 aus dem Postarchiv des Technischen Museums Wien. – Foto: Technisches Museum Wien/Archiv

Die Postbälle passen nur schlecht in dieses Bild. Sie waren Wohltätigkeitsveranstaltungen, ihr Erlös ging an Menschen, die sich einen solchen Abend nie hätten leisten können: an die schlecht bezahlten Frauen an den Vermittlungstischen der Telefonzentralen, an Landpostbedienstete, die unentgeltlich im Haushalt und auf den Feldern ihrer Postmeister mitarbeiten mussten. Ein staatliches soziales Netz gab es nicht, karitative Vereine federten ab, was sie konnten.

Genau deshalb bleibt es im Postarchiv nicht bei der hübschen Miniatur:

Tanzkarte des „Balls der k. k. Briefträger“ in den Sofien-Sälen vom 26. Februar 1900. – Foto: Technisches Museum Wien/Archiv

Wichtig ist, dass diese Erinnerungsstücke nicht unwidersprochen als Dokumente einer vermeintlich guten alten Zeit ausgestellt werden, sondern kritisch hinterfragt werden – so hübsch sie auch sind.

Der Miniaturbriefkasten erzählt beides: den Glanz des Ballsaals und die Verhältnisse, die ihn nötig machten.