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December 29, 2021
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TMW

Die 1210: Warum die schwerste Dampflok im Technischen Museum Wien zu spät kam

138 Tonnen schwer und trotzdem überholt: Thomas Winkler erklärt, warum die Dampflokomotive 1210 im Technischen Museum Wien den Höhepunkt einer Industrie markiert – und nur 20 Jahre fuhr.

Die 1210: Warum die schwerste Dampflok im Technischen Museum Wien zu spät kam
Foto: Technisches Museum Wien

Schwarz, 138 Tonnen schwer, inklusive Tender: Die Dampflokomotive 1210 ist das schwerste Objekt der gesamten Sammlung des Technischen Museums Wien. Sogar der LD-Tiegel, der größer aussieht, wiegt mit gut 100 Tonnen deutlich weniger. Und doch ist der Koloss das Denkmal einer Verzögerung: eine Maschine, die ihrer Zeit nicht voraus war, sondern hinterher.

Thomas Winkler, Kustos für spurgebundenen Verkehr im Technischen Museum Wien, betreut die großen Lokomotiven des Hauses. Die 1210 aus den 1930er Jahren erzählt für ihn die Geschichte der Industrie im kleinen Österreich der Zwischenkriegszeit – und, fast interessanter, die der Elektrifizierung der Bahn.

Die beginnt mit dem Zerfall der Monarchie. Nach dem Ersten Weltkrieg lagen die großen Kohlereviere der Bahn plötzlich im Ausland, vor allem jene um Mährisch-Ostrau; Kohle musste nun mit Devisen gekauft werden. Schon 1919 beschloss die neue Regierung deshalb ein Gesetz: Die österreichischen Bahnen werden elektrifiziert. Es ging um Unabhängigkeit von teuren Importen; die Energie dafür lag im Westen, in der Wasserkraft der Berge. Von 1919 an stellte man die großen Strecken von Westen her um – Vorarlberg, Tirol, Salzburg –, mit neuen Elektroloks für Bahnen wie die Arlberg- oder die Brennerbahn.

Die Frontansicht der restaurierten Dampflokomotive 12.10 im Technischen Museum Wien. – Foto: Technisches Museum Wien

Östlich von Salzburg stockte das Vorhaben. Es entbrannte eine heftige Diskussion: die Elektroindustrie dafür, die Kohlenlobby dagegen, die auf die gerade sehr billige Kohle verwies, und die Bundesbahn nicht sicher, ob sich das rechnete. Es war kurz vor der Weltwirtschaftskrise. Das Ergebnis: vorerst keine Elektrifizierung, dafür neue, moderne Dampflokomotiven. Nötig war das ohnehin: Vieles im Bestand stammte noch aus der k. u. k. Zeit.

Die größte Herausforderung war die Westbahn, die neue Hauptmagistrale nach Vorarlberg. Zwischen Wien und Salzburg hat sie ein Höhenprofil wie eine Gebirgsbahn, starke Steigungen und enge Bögen. Für immer schwerere und schnellere Schnellzüge brauchte es Leistung. Sie kam als Baureihe 214, später Reihe 12: 13 Stück, gebaut zwischen 1932 und 1936 in der Lokomotivfabrik Floridsdorf. Die Nummer 10 hat als einzige überlebt.

Blick in den Führerstand der Dampflokomotive 12.10. – Foto: Technisches Museum Wien

Nach dem Zweiten Weltkrieg zeigte sich, dass die alte Idee richtig gewesen war.

„Sie war ja nicht aufgehoben, sondern aufgeschoben.“

Die 12.10 in der Ausstellung, im Hintergrund die begleitende Videoinstallation. – Foto: Technisches Museum Wien

Die fragile Oberleitung ließ sich schnell wiederherstellen, den Strom lieferten heimische Wasserkraftwerke. Kohleimporte konnte sich Österreich einige Zeit nicht leisten: Die elektrischen Bahnen fuhren mit voller Leistung, die Dampfstrecken blieben beschränkt. 1952/53 war die Westbahn durchgehend unter Draht.

1954 verloren die Zwölfer damit ihr Einsatzgebiet. Die 1210 wurde abgestellt, bekam noch eine große Revision, stand über ein Jahr herum und fuhr 1956 ein letztes, knappes Jahr auf der Südbahn vom Wiener Südbahnhof über den Semmering. Für diese Strecke war sie zu groß und zu schwer: Das Personal war unzufrieden, die Gleise nahmen Schaden. Ende Oktober 1956 war Schluss für die letzte betriebsfähige Zwölfer.

20 Jahre Dienst für eine Maschine, die technisch ein Gipfel war. Nur stand der Gipfel im falschen Jahrzehnt.