Zwischen Turbinen, Leitungen und Schaltanlagen stehen im Technischen Museum Wien drei Tiere: ein Schwarzstorch, ein Rothirsch und ein Eisvogel. Sie sind aus Pappmaché, Draht und Stoff gebaut, und sie stehen nicht im Tiergarten, sondern in der Schausammlung Energie, wo es sonst um Kraftwerke und Stromnetze geht. Der Umweg ist Absicht: Diese drei Kostüme erzählen davon, wie in Österreich über sauberen Strom gestritten wurde.
Bernhard Schmidt, Kurator für Energie am Technischen Museum Wien, beginnt die Geschichte bei der Wasserkraft. Sie ist in Österreich seit über hundert Jahren im Einsatz, sie erzeugt keine Abgase und keine Abfälle – aber sie greift in die Natur ein. In den 1970er-Jahren sollte der wachsende Energiehunger der Großstadt Wien mit neuen Donaukraftwerken gestillt werden. Eines davon war östlich der Stadt geplant, in Niederösterreich bei Hainburg, in der Stopfenreuther Au: ein großes, zusammenhängendes Augebiet, eine Urlandschaft mit Tieren und Pflanzen, die, wie Schmidt sagt, keine Stimme haben und sich nicht wehren können, wenn Menschen dort ein Kraftwerk bauen wollen.
1984, als die Pläne konkret wurden, hatten Gerhard Heilingbrunner und Günther Nenning gemeinsam mit anderen eine Idee: eine Pressekonferenz der Tiere, benannt nach Erich Kästners Buch, in dem die Tiere der Welt zusammenkommen, um die Menschen zur Vernunft zu bringen. Am 7. Mai 1984 fand sie im Presseclub Concordia statt. Die Kostüme dafür hatte eine Kostümbildnerin mit einem, wie Schmidt es nennt, heute lächerlich wirkenden Budget hergestellt: Aus Draht, Stoffresten und Pappmaché entstanden Insekten, Fische, Vögel und der Hirsch – die ganze Bandbreite dessen, was in der Au kreucht und fleucht.

Aufgetreten sind Menschen aus allen politischen Lagern: Othmar Karas für die ÖVP, Hubert Gorbach für die FPÖ, dazu Freda Meissner-Blau, der Biologe Bernd Lötsch und der Schriftsteller Peter Turrini. Der bekannteste Kostümträger war Günther Nenning, der als „Auhirsch“ in Erinnerung blieb. Ihm gefiel die Rolle so gut, dass er den roten Hirsch noch Jahre später zu besonderen Anlässen anzog – bei einem runden Geburtstag, erzählt Schmidt, steckten die Kerzen auf dem Geweih.
Die Aktion war der Auftakt zum Konrad-Lorenz-Volksbegehren. Am Ende standen der Baustopp und, 1996, der Nationalpark Donau-Auen. Im Oktober 2020 wurden die Kostüme noch einmal getragen: bei einer neuen Pressekonferenz der Tiere im Kunsthaus Wien, wieder von Beteiligten von damals.

Der Konflikt selbst ist damit nicht erledigt. Wasserkraft gilt weiterhin als saubere Energie, und dafür, sagt Schmidt, seien die meisten Menschen zu begeistern. Es gehe aber immer um den Ort.
„Wasserkraftwerke gelten als sauber, allerdings muss man immer darauf aufpassen, wo man sie hinbaut.“
In der Vitrine wirken die drei Tiere harmlos, fast wie Requisiten aus einem Kindertheater. Sie waren das Gegenteil: der Beleg dafür, dass eine charmante Aktion eine energiepolitische Entscheidung kippen kann. Gestritten wird weiter – nur stehen die Kostüme inzwischen im Museum.
Shownotes
Mehr auf immuseum.at
IM MUSEUM


