Gelbe Unterwäsche aus Zwentendorf: Wie im Atomkraftwerk die Farbe schützt
Eine Schaufensterpuppe im Technischen Museum Wien trägt unter dem durchscheinenden Arbeitsanzug leuchtend gelbe Unterwäsche. Kurator Bernhard Schmidt erklärt, warum im Kernkraftwerk nicht das Material schützt, sondern die Farbe.
Foto: Technisches Museum Wien
Eine Schaufensterpuppe in der Schausammlung Energie des Technischen Museums Wien trägt einen weißen Arbeitsanzug, und darunter leuchtet es kanariengelb. Der Anzug ist leicht durchscheinend, die Unterwäsche darunter ist Feinripp aus Baumwolle. Anzug, Schuhe und Wäsche sind Originale aus dem Kernkraftwerk Zwentendorf – und das Einzige, worauf es bei diesem Gelb ankommt, ist die Farbe.
Bernhard Schmidt, Kurator am Technischen Museum Wien und dort unter anderem für den Bereich Energie zuständig, formuliert es nüchtern.
„Wunderschönes Gelb, aber von der Funktion her ist nur die Farbe wichtig.“
Der durchsichtige Arbeitsanzug aus dem Kernkraftwerk Zwentendorf mit dem aufgedruckten Logo „GKT“ der Betreibergesellschaft, Hersteller Pedi AG, 1975. – Foto: Technisches Museum Wien
Kein besonderes Material schützt hier die Menschen, sondern eine Sichtbarkeit, die keinen Zweifel zulässt. Warum das funktioniert, erklärt sich vom Reaktor her. Die radioaktive Strahlung soll drinnen bleiben, dafür liegen rund um den Reaktorkern viele Schichten: das Containment, meterdicke Betonwände, mehrere Lagen Metall. Von dort kommt nichts nach draußen. Die Schwachstelle sind die Menschen, die täglich hinein- und hinausgehen, denn an ihrer Kleidung kann kontaminiertes Material den Weg ins Freie finden. Schmidt erinnert an das Intro der Zeichentrickserie The Simpsons, in dem Homer nach Feierabend das Kraftwerk von Springfield verlässt und unterwegs bemerkt, dass ein grün leuchtender Patzen an seinem Gewand klebt. In der realen Welt darf so etwas nicht passieren.
Also zieht sich vollständig um, wer im Kernkraftwerk arbeitet, bis zur Unterwäsche. Das knallige Gelb unter dem durchscheinenden Anzug macht auf einen Blick überprüfbar, dass wirklich nur die vorgeschriebene Kleidung im Kontrollbereich unterwegs ist.
Personenmonitor aus dem Kernkraftwerk Zwentendorf, mit dem sich die Beschäftigten beim Betreten und Verlassen auf Radioaktivität prüfen mussten, Hartmann & Braun, 1975. – Foto: Technisches Museum Wien
Die Wäsche erfüllt noch eine zweite Aufgabe, und die läuft in die Gegenrichtung. In einem Kernkraftwerk hängen überall Sensoren, die ständig messen, ob irgendwo Strahlung ausgetreten ist. Diese Zähler sind extrem empfindlich, sie registrieren kleinste Werte. Bringt jemand von außen strahlenden Staub oder ein strahlendes Objekt mit herein, schlagen sie an – und die Belegschaft sucht fieberhaft nach einem Leck, das es gar nicht gibt. Wer den Kontrollbereich betritt, muss deshalb auch von außen sauber sein.
Ein Unbehagen bleibt, und Schmidt wischt es nicht weg: Vorgeschriebene Unterwäsche mutet nach Überwachung an, nach totaler Kontrolle der Arbeitenden, nach einem Eingriff in die Privatsphäre. Wer in einem Atomkraftwerk arbeite, so sein Argument, trage aber „eine sehr hohe Verantwortung der Zivilgesellschaft gegenüber“ – und sei selbst daran interessiert, niemanden zu Hause oder draußen in Gefahr zu bringen. Ein Fehlalarm wegen der falschen Unterhose wäre dabei das kleinste Problem.
Die Lösung ist so einfach, dass sie bis heute in Kernkraftwerken eingesetzt wird. Gelb muss sie nicht sein, ein knalliges Rot oder ein kräftiges Blau tut es auch. Zwentendorf selbst ging nach der Volksabstimmung von 1978 nie ans Netz. Die Unterwäsche in der Vitrine hat die Anlage überdauert, für die sie gedacht war, und erzählt beiläufiger als jedes Reaktormodell, wie viel Misstrauen in dieser Technologie eingebaut ist – bis auf die Haut.