Objekte
January 18, 2022
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TMW

Kleiner als ein Staubkorn: der Stephansdom aus dem 3D-Drucker im Technischen Museum Wien

Im Technischen Museum Wien steht ein Modell des Stephansdoms im Maßstab 1 zu 300.000. Hubert Weitensfelder erklärt ein Objekt, das man beim besten Willen nicht sehen kann – und das ein Staubkorn beschädigen würde.

Kleiner als ein Staubkorn: der Stephansdom aus dem 3D-Drucker im Technischen Museum Wien
Foto: Technisches Museum Wien

Ein hüfthohes Pult, eine kleine Vitrine, davor ein Monitor mit einem Pfeil, der nach rechts deutet. Wer darauf drückt, sieht einen Beleuchtungskörper angehen und eine winzige Scheibe hinter Glas, die sich zu drehen beginnt. Und dann? Fast nichts. Auf dieser Scheibe steht ein Modell des Stephansdoms, im Maßstab 1 zu 300.000. Vom Südturm, der in Wirklichkeit gut 136 Meter misst, bleibt damit weniger als ein halber Millimeter.

Hubert Weitensfelder betreut am Technischen Museum Wien den Sammlungsbereich Produktion und Werkstoffe. In der Ausstellung „Arbeit und Produktion“ kennt er den Moment genau, in dem er einer Gruppe ankündigt, hier sei ein Modell des Stephansdoms zu sehen. Es folgt der zweifelnde Blick, den die meisten zu höflich sind auszusprechen. Die einen halten ihn für einen Kurator, der vor der falschen Vitrine steht, die anderen für einen, der ihnen etwas vormacht. Den zweiten Verdacht weist Weitensfelder mit dem Regelwerk seines Berufs zurück: Der internationale Museumskodex verpflichtet ihn, nach bestem Wissen und Gewissen zu vermitteln, was da tatsächlich zu sehen ist. Oder eben nicht zu sehen.

An dieser Stelle teilt sich das Publikum verlässlich in zwei optische Schulen. Die einen beugen sich zur Scheibe und sagen, man könne es gerade noch erkennen. Die anderen sagen, man sehe nichts. Weitensfelder zählt sich selbst zur zweiten Gruppe.

Touchscreen-Station mit Vitrine und Mikroskop, an der das Nano-Modell sichtbar gemacht wird.
Die Touchscreen-Station mit Vitrine, Motortisch und USB-Mikroskop, an der das unsichtbare Nano-Modell in der Ausstellung „Arbeit und Produktion“ sichtbar gemacht wird. – Foto: Technisches Museum Wien

Ein Objekt zu zeigen, das niemand sieht, wäre eine Zumutung, ginge es um das Objekt. Es geht aber um das Verfahren. Der Miniaturdom ist ein Beleg dafür, wie klein sich mit 3D-Druck bauen lässt – gefertigt wurde er an der TU Wien, am Institut für Werkstoffwissenschaft und Werkstofftechnologie. Dort forscht man nicht nur vor sich hin, sagt Weitensfelder, sondern tritt mit überraschenden Ergebnissen nach außen: 2015 zeigte das Institut ein winziges Schloss auf einer Bleistiftspitze, ein Bild, das damals einigen Wirbel verursachte und mit einem Wikipedia-Preis für das beste wissenschaftliche Foto ausgezeichnet wurde. Der Stephansdom auf der Drehscheibe führt diese Linie fort.

Bleibt die Frage, warum das Ganze gleich in zwei dicken Vitrinen steckt. Nicht aus Sorge vor Diebstahl, sagt Weitensfelder. Sondern weil ein einziges Staubkorn im Inneren dem Bauwerk in der Größe Konkurrenz machen würde – und ihm im Extremfall gefährlich werden könnte.

„Wir haben die fast unglaubliche Geschichte, den Stephansdom in einer Größe, dass er von einem Staubkorn beschädigt werden könnte. Ein Stephansdom mit Stauballergie.“

Das Museum stellt hier also nicht ein Objekt aus, sondern eine Grenze: den Punkt, an dem Fertigungstechnik kleiner wird als die menschliche Wahrnehmung. Was in der Vitrine liegt, muss man glauben, erklärt bekommen oder auf einem Bildschirm nachsehen. Für ein Haus, das seit jeher vom Zeigen lebt, ist das eine bemerkenswerte Verschiebung – und ein Vorgeschmack darauf, wie viel Technik künftig in Maßstäben stattfindet, die kein Ausstellungsraum mehr sichtbar machen kann.