Der Holzboden knarrt, an den Wänden stehen Regale bis unter die Decke, dunkles Holz, Fach an Fach. Wer in die Johannesgasse 6 geht, betritt ein Haus, das nie für Publikum gebaut wurde, sondern für Papier. Von außen wirkt es wie ein Innenstadtpalais, tatsächlich ist es ein denkmalgeschütztes Beispiel biedermeierlicher Zweckarchitektur: der Aufbewahrungsort des k. k. Hofkammerarchivs, in dem die Finanz- und Wirtschaftsakten der Monarchie lagerten, chronologisch und nach Kronländern geordnet.
Bernhard Fetz, Direktor des Literaturmuseums und des Literaturarchivs der Österreichischen Nationalbibliothek, führt in einen Raum, den es hier seit 1848 gibt. In diesem Revolutionsjahr wurde das Gebäude bezogen, damals entstand das Direktionszimmer, das heute Grillparzerzimmer heißt. Denn Direktor dieses Archivs war Franz Grillparzer – der Klassiker des 19. Jahrhunderts und zugleich österreichischer Beamter. Eingerichtet ist das Zimmer sehr spartanisch; man sehe daran, sagt Fetz, dass die Habsburger durchaus sparsam waren. Ein Möbelstück sticht ins Auge: ein Stehpult.
Ein Museum, das Nachlässe und Vorlässe ab etwa 1900 sammelt, sitzt hier also im Amtszimmer eines Dichters des 19. Jahrhunderts. 2015 zog es ein, nachdem die Akten aus konservatorischen Gründen ins Österreichische Staatsarchiv gebracht worden waren. Erhalten blieben die historische Regalstruktur – und dieses Zimmer.
In seinem Tagebuch hat Grillparzer notiert, was ihm der Dienst bedeutete: eine Zumutung, bei der ihm die Poesie abhandenkommt. Aus diesem Zwiespalt hat das Museum ein Ausstellungselement gemacht. Der Comiczeichner Nicolas Mahler wurde gebeten, sich Tagebuch und Zimmer vorzunehmen, und zeichnete einen Comic dazu.
Nötig ist dieser Umweg, weil Grillparzer als Klassiker, wie Fetz nüchtern sagt, ziemlich tot ist – jedenfalls für alle, die ihn aus der Schule kennen. Seine Rezeptionsgeschichte machte ihn zu einer Art österreichischem Nationalheiligen, zum guten Österreicher, den man gegen den Nationalismus ins Feld führte, und zum Missbrauchten: nach seinem Tod 1872 ebenso wie unter den Nationalsozialisten. 1955 wurde das Burgtheater mit „König Ottokars Glück und Ende“ wiedereröffnet, in einer der Hauptrollen Attila Hörbiger, NSDAP-Mitglied, der mit seiner Frau Paula Wessely in Propagandafilmen gespielt hatte.
Eine jüngere Generation von Literaturwissenschaftler:innen liest gegen dieses Denkmal an. Bei Grillparzer stehen starke Frauenfiguren: Medea, die als Fremde zwischen der Zuschreibung „Barbarin“ und der eigenen Identität zerbricht; Libussa, die Seherin, die vor der patriarchalen Macht weicht. Es geht um Macht und Ohnmacht und um Sprache als Manipulationsmittel – in „Weh dem, der lügt“ treibt das Gebot, nicht zu lügen, die Hauptfigur in immer neue sprachliche Verrenkungen.
„Grillparzer ist wirklich auch als ein gegenwärtiger Autor wieder zu entdecken.“
Dass die Ausstellung Aufführungen von 1963 neben solche von 2005 stellt, folgt derselben Idee: Ein Autor lebt nur, solange er gelesen, besprochen und neu inszeniert wird. Das Zimmer, in dem er widerwillig Akten verwaltete, ist dabei das ehrlichste Exponat. Es zeigt keinen Nationaldichter, sondern einen Angestellten, dem die eigene Arbeit im Weg stand.
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