Objekte
April 8, 2022
|
Literaturmuseum

Die Arbeitshose von Thomas Bernhard

Thomas Bernhard und eine Arbeitshose, die unerwartet zum „Kulturgut“ avancierte: ein Stofffetzen im Literaturmuseum der Österreichischen Nationalbibliothek, mit einer Geschichte irgendwo zwischen Provinzposse und Weltliteratur.

Die Arbeitshose von Thomas Bernhard
Bild: Österreichische Nationalbibliothek

Im Literaturmuseum der Österreichischen Nationalbibliothek liegt ein Stück Stoff, das einmal Teil von Thomas Bernhards Arbeitshose war. Ein simpler Stofffetzen, dessen Geschichte wohl nur in Österreich entstehen konnte – irgendwo zwischen Provinzposse und Weltliteratur. Warum, erzählt Bernhard Fetz, Direktor des Literaturmuseums und des Literaturarchivs.

In einem Forst bei Gmunden ereignete sich 1972 ein Unfall. Thomas Bernhard, der große Pessimist und Dichter, schwang eine Motorsäge – eine unheilvolle Kombination, wie sich herausstellen sollte. Während er die Bäume rund um sein Anwesen ausdünnte, schnellte ein junger Baum zurück. Die Sache ging glimpflich aus, zumindest was die körperlichen Schäden betraf.

Die Arbeitskleidung überstand den Vorfall weniger gut: Sie bekam einen Riss, der heute markiert und konserviert als Relikt im Literaturmuseum liegt.

Bernhard selbst gab dem Zwischenfall eine neue Form: in der „Jagdgesellschaft“, einem Stück von 1974, das voller subtiler Hinweise auf die „kaputte“ Welt ist – und in dem die Versehrtheit als große Metapher für das Menschsein steht. Die Figur eines Generals, in dessen Forst ein ähnlicher Unfall geschieht, kämpft gegen das Aussterben des Waldes, bedroht vom Borkenkäfer, vielleicht auch gegen die Absurdität menschlicher Eitelkeit. Am Ende des Stückes bringt er sich um und verkörpert damit jene existenzielle Zerrissenheit, die Bernhard bis in die Knochen spürte.

Vielleicht steckt in der ganzen Geschichte eine moralische Lehre – doch Bernhard wäre nicht Bernhard, wenn er sie liefern würde. Stattdessen steht im Stück sinngemäß der Satz, Intellektuelle sollten es lassen, mit Motorsägen im Wald herumzuhantieren. Ein Bernhard’scher Nachhall: Warum nach außen drängen, wenn das Scheitern ohnehin vorprogrammiert ist? So wird der Forstunfall zu einem „Unfall im Geiste“, einer von Bernhards melancholischen Erinnerungen an das ständige menschliche Versagen.