In einer Vitrine im Eingangsbereich der Dauerausstellung liegen zwei Stofffetzen, auf einen Karton geklebt und ringsum beschriftet. „Von Kettensäge zerfetzter Teil“, steht da, und: „Thomas Bernhards Arbeitshose vom Unfall am 7. Jänner 1972.“ Ein weiterer Vermerk hält fest, dieses Stück stamme von oberhalb des Knies.
Das Literaturmuseum der Österreichischen Nationalbibliothek zeigt im zweiten Stock die österreichische Literatur vom ausgehenden 18. Jahrhundert bis in die Gegenwart, mit vielen Hörstationen, weil das gesprochene Wort in dieser Literatur eine große Rolle spielt. Bernhard Fetz, Direktor des Literaturmuseums und des Literaturarchivs, hat die beiden Fetzen im Bestand gefunden und war sich sofort sicher, dass sie in die Ausstellung gehören.
Die Überlieferung spült ja nicht nur die Höhenkamm-Zeugnisse der Literatur in die Archive, sondern oft auch seltsame Objekte.
Der Unfall passierte im Jänner 1972 in einem Wald bei Gmunden, wo Bernhard mehrere Häuser besaß. Er lichtete die Bäume rund um sein Anwesen aus, schnitt einen noch jungen Baum um, der zurückschnellte, ihm die Motorsäge aus der Hand schlug und ihn oberhalb des Knies verletzte. Es hätte deutlich schlimmer ausgehen können.
Zum Museumsobjekt wurde die Hose durch Karl Ignaz Hennetmair, einen Immobilienhändler aus Bernhards Umgebung, der über das Jahr 1972 ein Tagebuch führte und darin auch den Unfall schilderte. Hennetmair luchste dem Autor die Arbeitshose ab, schnitt die von der Säge zerstörten Stellen heraus und beschriftete sie wie ein übertriebener Eckermann; später schrieb er auch einen Artikel darüber in der Salzkammergut-Zeitung. Seine Sammlung kam an die Österreichische Nationalbibliothek.

Was als Provinzposse begann, hallt in der Weltliteratur nach. Körperliche Versehrtheit zieht sich durch Bernhards frühe Stücke: Ein Fest für Boris von 1970 handelt von Beinamputierten, Der Ignorant und der Wahnsinnige von Sezierpraktiken. Am direktesten greift Die Jagdgesellschaft, 1974 uraufgeführt, den Unfall auf. Darin steht ein vom Borkenkäfer befallener Wald, dazu eine Generalin, ein Schriftsteller als Spiegelfigur des Autors und ein General, der in Stalingrad einen Arm verloren hat. Den eigenen Forstunfall überträgt Bernhard nicht auf den Schriftsteller, sondern auf den General – und lässt den Schriftsteller kommentieren, im Keim habe dieser Unfall schon die Todeskrankheit in sich getragen, jene Krankheit, die alle in sich tragen. Am Ende bringt sich der General um.
An anderer Stelle sagt derselbe Schriftsteller, Intellektuelle täten immer wieder Dinge, die sie nicht tun sollten: mit Motorsägen in den Wald gehen etwa, um irgendetwas umzuschneiden, und jedes Mal gehe es schlecht aus. Der Satz erklärt nichts und ist doch die einzige Moral, die zu dieser Geschichte zu haben ist. Was im Archiv als kurioses Beiwerk landet, kann sich als der Rohstoff herausstellen, aus dem ein Werk gemacht wurde.
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