Ein Restaurator sucht die ursprüngliche Farbe eines ramponierten Sofas, klaubt Stoffreste unter den Möbelnägeln hervor – und findet kirschroten Rips. Er bezieht das Möbel neu in genau diesem Ton. Heute hat nicht nur das Kanapee diese Farbe, sondern der ganze Raum, in dem es steht.
Das MAK, das Museum für angewandte Kunst, versteht sich als Museum für Kunst und Alltag: als Kunst, mit der man sich täglich umgibt. Für die Schausammlung wurden zeitgenössische Künstler:innen eingeladen, die einzelnen Räume zu gestalten und die jeweilige Epoche damit zu kontextualisieren. Im Schausammlungsraum Empire Biedermeier hat das die US-amerikanische Medienkünstlerin Jenny Holzer übernommen. Sie griff die wiedergefundene Farbe des Kanapees auf und ließ den Raum darin ausmalen. Janina Falkner, Kuratorin und Kunstvermittlerin am MAK, schränkt gleich ein: Kirschrot sei die offizielle Bezeichnung, wer im Raum stehe, würde eher Altrosa oder Terrakotta sagen.
Holzer hat den Raum nach eigener Aussage eingerichtet, „wie eine gute Hausfrau es täte“. Der Satz zielt auf Zuständigkeiten, die im Biedermeier klar verteilt waren. Das Kanapee steht heute zentral, ursprünglich dürfte es an der Wand gestanden sein, denn seine Rückseite ist nicht ansehnlich. Und es war der Platz, der der Frau zugedacht war, während der Mann, wie Falkner sagt, der Flexiblere war, der schnell wieder aufstehen konnte. Im 18. Jahrhundert kursierten pseudowissenschaftliche Theorien, wonach die Rippen der Frau biegsamer und dehnbarer seien – ein Argument, mit dem man ihr den Innenraum als angemessene Position zuwies.
Dass das Biedermeier heute mit bürgerlicher Kultur assoziiert wird, greift zu kurz. Entwickelt hat es sich aus dem Adel heraus: Der Hofadel emanzipierte sich aus dem Korsett des Zeremoniells und zog in Privatwohnungen, in denen man privat sein konnte. Dort entstand auch so etwas wie eine Geschmackskultur. Kleidung und Benehmen blieben reglementiert, die eigene Einrichtung nicht – und dank industrieller Fertigung gab es erstmals wirklich Auswahl. Das Kanapee stammt aus der Möbelfabrik von Joseph Ulrich Danhauser, einem der großen Entwerfer und Fabrikanten der Zeit. Bestellt wurde nach Katalognummern: das Kanapee ist die Nummer 57, der Teetisch daneben die 31, die Sessel die 122. Eine Garnitur sind sie nur, weil jemand sie sich so zusammengestellt hat.
Die Sessel haben an der oberen Leiste eine Art Griff, man konnte sie herbeiholen, wenn Gäste kamen. Der Teetisch lässt sich aufklappen und ist so groß wie ein Esstisch – Vorläufer eines Möbels, das es so noch nicht gab. Zum Tee geladen zu sein galt im Biedermeier als exquisiter denn zum Diner.
In diesem Raum steht noch ein zweites Kanapee: ein Aluminiumabguss desselben Möbels, eine Intervention von Jenny Holzer. Auf ihm darf man sitzen, härter und kälter zwar, dafür belastbar genug für die Öffentlichkeit. Das weiche kirschrote Original bleibt unbenutzbar. So viel zur Politik des Innen- und des Außenraums.
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