Aus dem Körper der knienden Frau sprießen orangefarbene Blüten und blaue Blätter, auf ihrem Kopf sitzt eine weitere wie ein Hut. Die Haare sind kurz, der Körper knabenhaft, der Mund klein und kräftig geschminkt; über die rechte Schulter blickt sie leicht skeptisch nach hinten. Die Keramikfigur im dritten Raum der Schausammlung Wien 1900 im MAK heißt Flora, nach der Göttin der Fruchtbarkeit und des Frühlings. Vor allem aber zeigt sie eine Frau der 1920er-Jahre – und zwar die Künstlerin selbst.
Anne-Katrin Rossberg, Kustodin der Sammlung Metall und Wiener Werkstätte Archiv im MAK, holt Vally Wieselthier aus dem Schatten der Namen hervor, mit denen die Wiener Werkstätte üblicherweise verbunden wird: Josef Hoffmann, Koloman Moser, später Dagobert Peche. Fast 200 Frauen arbeiteten für die Vereinigung; vier hebt Rossberg hervor – Maria Likarz, Mathilde Flögl, Felice Rix und eben Wieselthier, für sie die berühmteste Keramikerin ihrer Zeit.
Geboren wurde sie 1895 als Tochter eines Rechtsanwalts in eine wohlhabende jüdische Familie im ersten Bezirk. Sie schwamm im Wettkampf, spielte Tennis und fuhr Ski, fast professionell, setzte dann aber beim Vater die Kunstschule für Frauen und Mädchen durch. Als die zu wenig verlangte, machte sie heimlich die Aufnahmeprüfung an der Kunstgewerbeschule und studierte dort bei Hoffmann, Moser, dem Keramiker Michael Powolny und der Textilkünstlerin Rosalia Rothansl. 1917 holte Hoffmann sie in die Wiener Werkstätte, wo sie zunächst Glasdekore, Plakate und Spielzeug entwarf.
1922 machte sie sich selbstständig, mit eigenem Atelier im siebenten Bezirk. Auf Messen in Deutschland lernte sie Alexander Koch kennen, den Herausgeber von Deutsche Kunst und Dekoration und Innen-Dekoration; die druckten lange Bildstrecken und ließen sie selbst über ihre Arbeit schreiben. Darin beschreibt Wieselthier ihre Methode: Sie modelliert nicht aus der Masse heraus, sondern geht vom Topf aus, dreht Hohlformen an der Scheibe und setzt sie aufeinander. Auch die Flora ist hohl. Über die ruhende Pose legt sie dann eine Glasur, die alles aufmischt, „ganz fetzige Pinselstriche“, sagt Rossberg, und die Farbe rinnt stellenweise hinunter. Expressive Keramik nennt man das.
Geschäftlich war sie geschickt: 1927 verkaufte sie ihre Werkstätte mit Gewinn an die Wiener Werkstätte, ließ sich als Leiterin der Keramikabteilung anstellen und handelte zehn Prozent Beteiligung an den Verkäufen aus, auch an jenen ihrer Kolleginnen. Im Jahr der Flora, 1928, stellte sie in der International Exhibition of Ceramic Art im Metropolitan Museum in New York aus, dazu kam eine Einzelausstellung im Art Center. Sie blieb.
Als sie 1931 für einige Monate nach Wien zurückkam, wurde sie, so liest Rossberg die Zeitungsberichte, empfangen wie ein Hollywoodstar; Augarten lud sie ein, Porzellanfiguren zu gestalten. In New York wurden ihre Skulpturen immer größer, bis zu überlebensgroßen Figuren und Baukeramik an Hochhäusern. 1945 starb sie mit 50 Jahren. Was dort entstanden ist, wartet bis heute auf Aufarbeitung.
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