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November 29, 2021
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Bezirksmuseum Ottakring

Wasser vom Kaiser: der Brunnen, der dem Brunnenmarkt den Namen gab

Ein Modell im Bezirksmuseum Ottakring zeigt einen Auslaufbrunnen, den es längst nicht mehr gibt. Jochen Müller erzählt von Steuergrenzen, Schankkonzessionen und einem Kaiser, der nach einem Großbrand Wasser springen ließ.

Wasser vom Kaiser: der Brunnen, der dem Brunnenmarkt den Namen gab
August Stauda, 16., Neulerchenfelder Straße 22 / Brunnengasse 50, um 1900, Wien Museum Inv.-Nr. 24358, CC0

Ein Markt trägt seinen Namen nach etwas, das es nicht mehr gibt. Der Brunnen, der zuerst der Brunnengasse und dann dem Brunnenmarkt den Namen gab, ist längst verschwunden. Geblieben ist ein Modell im Bezirksmuseum Ottakring: ein breites Auslaufbecken, in der Mitte ein Obelisk. Ein paar Figuren stehen dabei, die nicht recht passen wollen – sie sind nur dazugestellt, damit man die Dimension des Wasserbehälters erkennt.

Jochen Müller, Leiter des Bezirksmuseums Ottakring, setzt mit dem Jahr 1695 an. Damals entstanden die ersten Gebäude in Neulerchenfeld, unten am Hang, während Ottakring weiter oben bei den Weinbergen lag. Die Belagerung durch die Osmanen war ein Jahrzehnt vorbei, davor hatte die Pest gewütet, das Gebiet war entvölkert. Die Grundherrschaft brauchte Untertanen, um die Felder zu bewirtschaften und Steuern zu lukrieren, und lockte mit zehn Jahren Steuerfreiheit. Dazu kam ein zweites Angebot: die Konzession, ein Wirtshaus zu betreiben, fest an das Grundstück gebunden. Etwa jeder Zweite richtete daraufhin ein kleines Wirtshaus ein. Die Wirtshauskultur prägte das Dorf von Anfang an.

Entscheidend aber wurde eine Mauer. Zu Beginn des 18. Jahrhunderts entstand der Linienwall, zweite Verteidigungslinie und zugleich Steuergrenze. Innerhalb wurden Lebensmittel besteuert, außerhalb kaum – eine Art Umsatzsteuer, die nur die in großen Mengen eingeführten Waren traf. Die Zollbeamten kontrollierten ganze Fuhrwerke; weil sie grün gekleidet waren, hießen sie im Volksmund Spinatwachter. Kleine Einkäufe für den Tagesbedarf interessierten sie nicht. Also entstand gleich außerhalb des Walls ein Lebensmittelmarkt, auf dem sich sogar die Haushalte des achten Bezirks versorgten. Für die Gemeinde Neulerchenfeld war er Attraktion und Einnahmequelle zugleich. Die Gasse, in der er abgehalten wurde, hieß mangels Erfindungsgeist zunächst schlicht Erste Quergasse.

„Die Wasserversorgung war ein latentes Problem“, sagt Müller. Die Parzellen waren klein, jedes Haus hatte einen Brunnen und jedes eine Senkgrube, beide im selben engen Hof. Nach dem großen Brand von 1785 erschien Kaiser Josef II. am nächsten Tag an der Brandstätte, sprach den Menschen Mut zu und startete eine Hilfsaktion. Er erlaubte den Neulerchenfeldern außerdem, einen Teil des Wassers aus der Hofwasserleitung zu entnehmen, die ohnehin durch den Ort führte und von Quellen im sogenannten Ottakringer Gebirge gespeist wurde, am Gallitzinberg und am Wilhelminenberg. 1786 stand der Brunnen an der Kreuzung mit der Neulerchenfelder Straße, entworfen von Philipp Jakob Prokop. Aus der Ersten Quergasse wurde die Brunnengasse.

Den Dank setzten die Neulerchenfelder ins Bild. Der Obelisk in der Mitte des Beckens war eigentlich nur Zierde, doch sie krönten ihn mit Reichsapfel und Reichsadler und versahen ihn mit einem Bildnis des Kaisers, der ihnen das gute Wasser geschenkt hatte. Als der Brunnen 1871 den Gleisen der Pferdetramway weichen musste, kam das Becken in die Grundsteingasse und der Obelisk ins Depot; 1880 wurde er in der neu angelegten Parkanlage am Hofferplatz als Kaiser-Josef-Denkmal wieder aufgestellt. Dort stand er, solange die Monarchie bestand; 1918 stürzte er ein und wurde abgetragen. Der Markt, entstanden aus einer Lücke im Steuersystem, blieb – und trägt bis heute den Namen eines Brunnens, den längst niemand mehr gesehen hat.