Im Behandlungszimmer in der Berggasse 19 ist eine Fläche markiert, mehr nicht. Dort stand die psychoanalytische Couch, auf der Sigmund Freud mit seinen Patient:innen an der Traumdeutung arbeitete und die Methode der freien Assoziation entwickelte. Das Objekt selbst ist seit 1938 nicht mehr in Wien.
Freud floh in diesem Jahr mit seiner Familie vor dem Nationalsozialismus nach London. Mit Hilfe von Freund:innen, unter ihnen Marie Bonaparte, konnte er seinen Besitz mitnehmen – die Antikensammlung, die Möbel und eben das Instrument der Psychoanalyse. Ob man die Couch nicht zurückholen oder zumindest nachbauen könne, werde sie oft gefragt, sagt Monika Pessler, Direktorin des Hauses. Möglich wäre es: Der junge Fotograf Edmund Engelman hat 1938 sämtliche Räume der Wohnung aufgenommen. Das Sigmund Freud Museum Wien lehnt es trotzdem ab.
Würden wir diese Couch an diese Stelle stellen, würde man die dunkelste Zeit unserer Geschichte verleugnen. Es wäre so, als hätten der Holocaust und die Vertreibung nicht stattgefunden.
Statt der Rekonstruktion suchte das Museum nach Spuren. Am Boden waren keine mehr zu finden: Engelman kehrte Anfang der 1970er-Jahre zurück, als das Museum eröffnete, und meinte, dunkle Abdrücke im Parkett noch zu erkennen; der Boden ist seither zu oft behandelt worden. Also nahm man Schicht für Schicht die Wandfarbe ab. Zum Vorschein kamen die Löcher jener Nägel, mit denen Freud den berühmten Teppich hinter der Couch befestigt hatte, damit es seine Patient:innen bequem und warm hatten. Zu ihren Füßen stand ein Ofen; auch dessen Spuren liegen frei, dazu die Rottöne des Raumes bis zu jenem dunklen, fast Caput mortuum, das Freud gewählt hatte, und ein originaler Wienerberger Ziegel, mit dem er 1908 beim Einzug das alte Ofenrohr verschloss.
Pessler liest die freigelegten Nagellöcher als Metapher für die Leere, die dieses Land nach dem Holocaust an Kultur und Menschlichkeit zurückließ. Die Leerstelle verlangt den Besucher:innen etwas ab, und das ist beabsichtigt. Ein Schwarz-Weiß-Foto Engelmans in der Raummitte liefert genug, um sich das Übrige vorzustellen.
Genau darin sieht Pessler eine Anlehnung an die Methode, die hier entwickelt wurde. Freud ließ seine Patient:innen liegen statt sitzen, weil sich im entspannten Zustand, dem Träumen ähnlicher als dem Gespräch, leichter über Verdrängtes sprechen lässt. Er selbst saß dahinter, außer Sicht – nicht nur, um 50 Minuten lang nicht beobachtet zu werden, sondern damit niemand in seiner Miene ablesen musste, ob das eben Gesagte zu peinlich gewesen war. Jede Sitzung begann mit der Aufforderung, alles zu erzählen, wie unangenehm oder nichtig es auch erscheinen mochte.
Die Analyse selbst beschrieb Freud als gemeinsamen konstruktiven Akt: Die Patientin gibt Material, die Analytikerin nimmt es auf, fügt etwas hinzu und gibt es zurück. Wer heute vor der markierten Fläche steht, tut etwas Ähnliches – und konstruiert dabei eine Erinnerung, die nicht die eigene ist.
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