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May 3, 2021
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Sigmund Freud Museum

Freuds Brief an Schnitzler von 1922 im Sigmund Freud Museum: die Doppelgänger-Scheu

Sigmund Freud und Arthur Schnitzler lebten in derselben Stadt und umkreisten dieselben Fragen – begegnet sind sie einander lange nicht. Ein Brief von 1922 im Sigmund Freud Museum zeigt, wie Freud diese Scheu überwand.

Freuds Brief an Schnitzler von 1922 im Sigmund Freud Museum: die Doppelgänger-Scheu
Bild: ÖAW

Im Juni 1922 schreibt Sigmund Freud einen Brief an Arthur Schnitzler und lädt ihn zum Abendessen in die Berggasse 19. Schnitzler nimmt an. Es ist eine Einladung zum Essen, nicht mehr, und zugleich der Beginn einer Bekanntschaft, die lange auf sich warten ließ. Bemerkenswert daran ist nicht die Einladung, sondern ihr Datum: Die beiden lebten seit Jahrzehnten in derselben Stadt, und es war das erste bewusst herbeigeführte Treffen.

Daniela Finzi, wissenschaftliche Leiterin im Sigmund Freud Museum in Wien, zeigt den Originalbrief. Dass die beiden einander so lange auswichen, hat einen Namen, und Freud hat ihn in einem eigenen Text selbst geprägt: Doppelgängerscheu. Der Begriff benennt beides, die Ähnlichkeit und die Scheu davor. In Schnitzler sah Freud den Doppelgänger – und genau deshalb hielt er Abstand.

Die Überschneidungen waren beträchtlich. Beide hatten Medizin studiert, beide schrieben; Freuds Stil zählt zu den literarischen Meisterleistungen des 20. Jahrhunderts. Beide arbeiteten an denselben Gegenständen: an der Sexualität, am Traum, an den Wirkungen des Unbewussten, an der Gesellschaft und ihren Moralvorstellungen. Die Schnitzler-Forschung spricht von einer Vermeidungsenergie, die beide aufgewendet hätten, um einander nicht zu nahe zu kommen.

Finzi erklärt das auch aus der Lage der Jahre um die Jahrhundertwende, in denen es ums Verteidigen und Abstecken von Territorium ging. Freud las Schnitzler und verfolgte, welche Stücke im Burgtheater gezeigt wurden; Schnitzler las die Traumdeutung und notierte danach seine eigenen Träume umso genauer, je intensiver er sich mit ihr befasste. Zugleich war Freud damit beschäftigt, die Psychoanalyse überhaupt erst durchzusetzen: als neue Disziplin, als therapeutisches Verfahren und als Wissenschaft des Unbewussten. 1922, als der Brief entsteht, ist sie längst etabliert, und die Distanz kann kleiner werden.

Ausgestellt wird er auch deshalb, weil das Museum bei internationalen Gästen regelmäßig einer Erwartung begegnet: dass Freud, Schnitzler, Wittgenstein, Schiele und Klimt gemeinsam an einem Kaffeehaustisch gesessen und dort ihre Ideen entwickelt hätten. Am Kaffeehaus stimmt viel, denn entwickelt wurde dort tatsächlich einiges. An der Tischordnung stimmt es nicht. Das Bild ist also nicht falsch, es ist nur zu eng gefasst.

Wenn schon ein Kaffeehausbild, dann ein Bild, wo die Vertreter der unterschiedlichen Sparten und Disziplinen an getrennten Tischen sitzen.

Im selben Raum, einander wahrnehmend, aber ohne gemeinsame Unternehmung: So beschreibt Finzi das Wien um 1900. Die Nähe der Themen erzeugte keinen Austausch, sondern Abstand. Der Brief von 1922 ist deshalb weniger ein Dokument der Freundschaft als eines der überwundenen Vorsicht – und ein Hinweis darauf, wie stark die Vorstellung einer goldenen Epoche das nachträgliche Bild ordnet.