In der Berggasse 19 steht kein Schreibtisch, keine Couch, kein Antikenkabinett. Sigmund Freud konnte Wien 1938 rechtzeitig verlassen, mit seinem gesamten Hab und Gut. Seine Einrichtung, die berühmt gewordene Couch und die knapp 2000 Stück umfassende Antikensammlung stehen deshalb im Freud Museum London. In Wien blieb nichts zurück. Wer heute durch die ehemalige Familienwohnung geht, steht nicht in einer Rekonstruktion, sondern in Räumen, die ihre Leere aushalten müssen.
Was stattdessen zu sehen ist, zeigt Daniela Finzi, wissenschaftliche Leiterin des Sigmund Freud Museums, im Herrenzimmer: eine Doppelvitrine mit Büchern.
Nach der Eröffnung des Museums 1971 kamen einzelne Objekte zurück; Anna Freud widmete ihm die Originaleinrichtung des Wartezimmers. Sie verfolgte aber eine andere Idee: Das neue Museum in der Berggasse 19 sollte mit einer Bibliothek verbunden werden, um aus der Adresse, wie sie in einem Brief schrieb, „ein Bild der psychoanalytischen Gegenwart“ zu machen. 1974 bat sie in einem offenen Brief, veröffentlicht in mehreren Sprachen, Kolleginnen und Kollegen der Internationalen Psychoanalytischen Vereinigung um Bücherspenden. Viele kamen der Aufforderung nach.
Aus diesem Grundstock wuchs eine Sammlung mit Erstausgaben, Widmungsexemplaren, Schriften der zweiten und dritten Generation von Psychoanalytiker:innen und mit Separata – Sonderdrucken einzelner Aufsätze Freuds, die nicht auf den Buchmarkt gelangten, sondern zur Verteilung im Kollegenkreis gedacht waren. Dazu kommen fremdsprachige Ausgaben, eine brasilianische Übersetzung von Totem und Tabu etwa und eine hebräische.
Für Finzi lösen die Bücher ein Grundproblem des Ausstellungsmachens: Wie zeigt man ein Werk, das aus Konzepten und Einsichten besteht? Das Buch sei die Materialisierung der Theoriebildung – und das Mittel, sie einem breiteren Publikum zugänglich zu machen. Neu ist, dass die Bände nicht nur als Wissensträger dienen, sondern wie Grafiken oder Plakate auf Augenhöhe präsentiert werden.
Das lohnt sich. In der Vitrine liegt die fünfte Auflage von Totem und Tabu, Freuds Schrift über den Vatermord, 1912 und 1913 zunächst als Folge von Aufsätzen erschienen, hier als Buchausgabe von 1934. Dunkelbraunes Leinen, weiße Großbuchstaben, sonst nichts.
Wenn wir das so sehen, dann könnte man auch glauben, das ist ein Plakat aus der Bauhauszeit.
Auf der Rückseite der Doppelvitrine liegt Die Zukunft einer Illusion, Freuds religionskritische Schrift, in dottergelbem Leinen mit dunkelblauer Serifenschrift. Genau so sah der Großteil der Bücher des Internationalen Psychoanalytischen Verlags aus, den Freud 1919 gemeinsam mit Otto Rank, Sándor Ferenczi und Anton von Freund gegründet hatte: blaue Schrift auf gelbem oder orangefarbenem Leinen. Adolf Josef Storfer, ab 1925 Leiter des Verlags, habe früh erkannt, so Finzi, wie wichtig eine einheitliche visuelle Strategie ist, damit die Bücher des Verlags sofort erkennbar sind. Markenbildung, lange bevor man sie so nannte.
Der Band ist rund 90 Jahre alt und hat, wie Finzi sagt, nichts von seiner Lebendigkeit verloren. Er erinnert an das Leben, das sich in diesen Räumen abgespielt hat – und daran, dass Gedanken einen Körper brauchen, um zu bleiben. In der Berggasse ist dieser Körper dunkelbraunes Leinen.
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