Objekte
November 19, 2021
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Sigmund Freud Museum

Eine Tapete, die es nie gab: das Wartezimmer im Sigmund Freud Museum

Originalmöbel, falsche Streifen, ein einziges historisches Foto: Daniela Finzi führt im Sigmund Freud Museum durch einen Raum, der zugleich Rekonstruktion und Lehrstück über die Unzuverlässigkeit von Erinnerung ist.

Eine Tapete, die es nie gab: das Wartezimmer im Sigmund Freud Museum
Foto: Siesta, CC BY-SA 4.0, via Wikimedia Commons

Eine tiefe Sitzbank im floralen Design, sattrote Polsterkissen, ein paar Tischchen, dahinter vier Radierungen: Wer im Mezzanin der Berggasse 19 das Wartezimmer betritt, steht zunächst in einem vollständig eingerichteten Raum und darf ein Stück weit in diese Illusion eintauchen. Es genügt allerdings, sich umzudrehen. An der gegenüberliegenden Wand hängen ein historisches Schwarz-Weiß-Foto und ein Text, der aufschlüsselt, was hier Original ist, was Reproduktion und was Rekonstruktion.

Daniela Finzi, wissenschaftliche Leiterin des Sigmund Freud Museums, führt durch diesen Raum. Freud hatte im Mezzanin zwei Wohnungen gemietet, eine für die Familie, eine für die Ordination; das Wartezimmer gehörte zur Ordination. 1938, nach dem „Anschluss“, musste er die Stadt verlassen: Als Psychoanalytiker und als Jude waren sein Leben und das seiner Angehörigen gefährdet. Er ging ins Londoner Exil – und konnte, eine ziemlich singuläre Situation, sein gesamtes Hab und Gut mitnehmen, die komplette Einrichtung inbegriffen. Zurück blieben verwaiste, leere Räume.

Mit dieser Abwesenheit zu arbeiten war die Aufgabe, als hier 1971 das Museum eröffnete – eine besondere Herausforderung für ein Haus, das dem Genre der berühmten Gelehrtenwohnung angehört und doch nichts von ihr besitzt. Ein Raum unterschied sich von Anfang an: Anna Freud, Freuds jüngste Tochter und die einzige, die in seine Fußstapfen trat, unterstützte die Gründung und hatte selbst die Idee, wenigstens die Möbel eines Zimmers nach Wien zurückzuschicken. Es wurde das Wartezimmer.

Auf dieser Sitzbank hatte ab 1902 bei schwarzem Kaffee und Zigarren die Psychologische Mittwoch-Gesellschaft getagt, mittwochs um halb neun Uhr abends, zunächst ein geselliges Unternehmen, wie Freud es nannte. Aus ihr ging 1908 die Wiener Psychoanalytische Vereinigung hervor, jene erste Institution, die Psychoanalytiker:innen ausbildet, bis heute. Nur standen die Möbel damals ein Stockwerk tiefer, im Hochparterre, wo Freud anfangs ordinierte. „Diese Vorstellung von der ursprünglichen Form ist natürlich ein Fake“, sagt Finzi: originale Möbelstücke, ja – und trotzdem heute wie damals eine Rekonstruktion.

Eingerichtet hat den Raum Paula Fichtl, die ehemalige Haushälterin der Familie, zuständig für Freuds Arbeitsräume und mit ins Exil gegangen. In ihrer Erinnerung hatte das Wartezimmer eine gestreifte Tapete, und so bekam es 1971 eine gestreifte Tapete. Später tauchte das einzige historisch erhaltene Foto des Raums auf: keine Streifen, sondern jener florale Wandanstrich. Bei einer zweiten Renovierung Anfang der 1990er-Jahre entschied sich das Haus nach langem Hin und Her, dem Foto zu folgen.

Dass ausgerechnet in dieser Wohnung eine Erinnerung trügt, ist mehr als eine Anekdote. Erinnerungstäuschungen gehören zum Kernbestand der Psychoanalyse: Erinnert wird immer aus der Gegenwart heraus, mitsamt den Wunschvorstellungen, die daran hängen. Was Besucher:innen aus dem Wartezimmer mitnehmen, ist deshalb weniger ein Zimmer als eine Übung – dem, was man sieht, nicht unmittelbar zu trauen. Ein realer Raum, der sich wie ein Traum deuten lässt.