Objekte
May 24, 2021
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Sigmund Freud Museum

„Meinem lieben Martchen“: ein Juwelierschächtelchen im Sigmund Freud Museum

Ein alter Koffer, jahrelang nicht geöffnet, darin ein leeres Schächtelchen mit einer Bleistiftzeile im Deckel: Monika Pessler erzählt, wie das Sigmund Freud Museum einem heimlichen Verlobungsgeschenk auf die Spur kam.

„Meinem lieben Martchen“: ein Juwelierschächtelchen im Sigmund Freud Museum
© Guenter Koenig/Sigmund Freud Foundation

Für eine Ausstellung über das Reisen holte das Sigmund Freud Museum vor einigen Jahren einen alten Koffer aus der Garderobe der Ordination und rückte ihn ins Zentrum. Als er danach wieder an seinen ursprünglichen Platz kam, öffnete ihn jemand – offenbar zum ersten Mal seit vielen Jahren. Neben Stoffbahnen von Vorhängen lag darin ein kleines, unscheinbares Schächtelchen.

Monika Pessler, Direktorin des Sigmund Freud Museums, hat für diesen Fund gleich ein Bild zur Hand: Der Koffer sei „ein bisschen so wie eine Metapher von dem Haus, wie es vorher war“ – leer und ein bisschen kaputt. Auch das Schächtelchen war leer. Es stammte von einem Hamburger Juwelier, und erst als jemand den Deckel gegen das Licht hielt, traten ein paar mit Bleistift geschriebene Zeilen hervor.

„Meinem lieben Martchen zum 21. Geburtstag von einem armen, aber glücklichen Mann, Sigm.“

Martchen, so nannte Sigmund Freud seine Verlobte Martha Bernays. Sie stammte aus Hamburg, aus einer jüdischen Familie; ihr Großvater Isaak Bernays war Oberrabbiner der Stadt. Freud, der sich selbst als gottlosen Juden bezeichnete, soll ihr nach der Hochzeit untersagt haben, den Schabbat zu begehen: kritisch gegenüber der Religion und zugleich, wie Pessler betont, immer stolz darauf, Jude zu sein. Bis zur Hochzeit war es allerdings ein weiter Weg. Die Verlobungszeit dauerte mehr als vier Jahre, und das Paar musste sich immer wieder heimlich treffen.

Wie heimlich, ergab die Suche in den Briefen. Zum 21. Geburtstag seiner Verlobten reiste Freud nach Wandsbek bei Hamburg und quartierte sich im Hotel zur Post ein, ohne dass Marthas Bruder davon erfahren durfte. Ihre Schwester Minna Bernays war eingeweiht und deckte das Paar. Freuds eigene Schwestern wiederum kamen ihm auf die Schliche und erpressten ihn: Entweder er erzählte genau, wie es gewesen war, oder sie würden es den Eltern sagen. Der junge Mann musste sich, so Pessler, die Frauen ringsum als Verbündete sichern.

Was in dem Schächtelchen lag, lässt sich nur noch erschließen. Von den Brautbriefen, jenem umfangreichen Konvolut, das Martha und Sigmund über Jahre wechselten, sind auch ihre Antworten erhalten. In einem Dankesbrief schreibt sie, die Nadel werde so gut zu ihrer Bluse passen, und bedankt sich dafür, dass er ihr auch das Briefpapier neu habe machen lassen. Also darf man annehmen: eine Brosche, eine Anstecknadel. Auch sie ist längst nicht mehr da.

Zu sehen ist das leere Kästchen heute im Bade- und Ankleidezimmer der Privatwohnung von Sigmund und Martha Freud, einem betont intimen Raum, den das Haus in seiner Neuaufstellung seit Herbst 2020 für solche privaten Kleinodien nutzt. Ein Geschenk, das niemand bemerken sollte, ist damit ausgestellt, beschriftet und datiert. So geht es heimlichen Gaben, wenn dem Absender ein eigenes Museum gewidmet wird.