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April 16, 2021
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DÖW

Ein Polizeifoto im DÖW: die Verfolgung der burgenländischen Roma in den 1920er-Jahren

Ein altes, vergilbtes Foto zeigt eine Roma-Familie vor einem Haus im Burgenland. Im Dokumentationsarchiv des österreichischen Widerstandes erzählt es von einer Razzia, von Verfolgung und einem fast vergessenen Genozid.

Ein Polizeifoto im DÖW: die Verfolgung der burgenländischen Roma in den 1920er-Jahren
Bild: DÖW

Auf den ersten Blick ist es ein Familienbild: Menschen stehen vor einem Haus im Burgenland, aufgereiht, der Kamera zugewandt. Am Bildrand steht ein Polizist. Er ist das Detail, an dem sich die Aufnahme entschlüsseln lässt.

Das Dokumentationsarchiv des österreichischen Widerstandes zeigt das Foto in seiner Ausstellung im Alten Rathaus in der Wiener Innenstadt. Gerhard Baumgartner, damals wissenschaftlicher Leiter des Hauses, ordnet es ein: Es stammt aus der Zwischenkriegszeit und gehört zur Polizeifotografie. Seit den 1920er-Jahren erfasste die österreichische Polizei die burgenländischen Roma systematisch, nahm Fingerabdrücke ab, fotografierte Personen und Siedlungen. Bilder wie dieses entstanden während einer Razzia. Dass die Bewohner:innen schnurgerade vor den Häusern aufgestellt sind, hatte einen Zweck: Die Polizei wollte festhalten, wer in welchem Gebäude lebte.

Diese Fotos wurden nicht gemacht, um das Leben der Roma zu dokumentieren, sondern um die angeblich so schwierige Arbeit der Polizei mit den Roma zu dokumentieren.

Veröffentlicht wurden sie in den Spezialzeitungen der Kriminalpolizei. Das Arbeitsfeld war unter Kriminalbeamten begehrt: Man verwendete die modernsten Methoden der Zeit, Fingerabdruck und Fotografie, und war mit ausländischen Kollegen vernetzt – eine gute Karriereleiter. Die Wirkung reichte weiter, als den Beteiligten bewusst gewesen sein dürfte. Als die Nationalsozialisten die Verfolgung übernahmen, lagen Karteien und Fotografien der späteren Opfer bereits vor.

Vor dem Krieg lebten etwa 9.000 Roma im Burgenland, nur rund zehn Prozent überlebten den Genozid. Es waren keine wandernden Gruppen: Die burgenländischen Roma waren seit dem 19., teilweise seit dem 18. Jahrhundert sesshaft. 114 ihrer Siedlungen wurden zerstört; die größte zählte 300 Personen, was einem kleineren burgenländischen Dorf entspricht. Dokumente über die Verfolgung gibt es wenige, Fotos dagegen viele.

Nach 1945 wurde darüber lange nicht gesprochen und auch wissenschaftlich nicht gearbeitet. Als die ersten Publikationen über das Schicksal der burgenländischen Roma erschienen, verwendeten sie dieselben Bilder, ohne deren Herkunft zu kennen. Im Landesarchiv in Eisenstadt liegt ein Bestand, der in Europa einmalig ist, aber nicht als Polizeifotografie deklariert war. So galten die Aufnahmen jahrzehntelang als Darstellung einer typischen Lebensweise, obwohl sie das Gegenteil sind: der Versuch, eine Bevölkerungsgruppe als kriminell und als Problem für die Gesellschaft erscheinen zu lassen.

Heute sind sie Beweisstücke, und zwar doppelt – für die Verfolgung der Menschen und für die Existenz von Siedlungen, die es nicht mehr gibt. Baumgartner hat darüber gemeinsam mit Herbert Brettl ein Buch geschrieben: Einfach weg! Verschwundene Roma-Siedlungen im Burgenland. Dass sich die Namen der Opfer überhaupt rekonstruieren lassen, verdankt sich ausgerechnet der Gründlichkeit derer, die sie erfasst haben.