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April 30, 2021
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DÖW

Namensschilder um den Hals: ein Foto vom Kindertransport 1938 im DÖW

Kinder in Wintermänteln auf einem Bahnsteig, Namensschilder um den Hals: Christine Schindler zeigt im Dokumentationsarchiv des österreichischen Widerstandes ein Foto, das den Abschied von 1938 festhält.

Namensschilder um den Hals: ein Foto vom Kindertransport 1938 im DÖW
Foto: Wide World Photo, Public Domain, via Wikimedia Commons

Kinder in Wintermänteln und Hauben, Namensschilder um den Hals gehängt, dahinter ein Bahnsteig. Das große Foto im Dokumentationsarchiv des österreichischen Widerstandes (DÖW) im Alten Rathaus zeigt keine Ausflugsgesellschaft. Es zeigt Kinder, die gerade dem Zugriff der Nationalsozialisten entzogen wurden – ohne Eltern, ohne erwachsene Geschwister.

Christine Schindler, Redakteurin und Projekt- und Publikationsmanagerin des DÖW, datiert die Aufnahme auf Ende 1938 oder Anfang 1939: ein Kindertransport. Nach dem Novemberpogrom 1938 ließen sich einige Staaten Europas aufrütteln und nahmen in einem Sonderkontingent jüdische Kinder auf: England, Belgien, die Schweiz und andere, rund 10.000. Viele, wenn nicht die meisten, sahen ihre Familien nie wieder. Wo es ein Wiedersehen gab, blieb das Verhältnis zu den Eltern meist schwer belastet.

Diese Transporte sind Teil einer größeren Bewegung: Über 130.000 Österreicherinnen und Österreicher verließen 1938 das Land, die überwältigende Mehrheit Jüdinnen und Juden, die nach dem Anschluss an das Deutsche Reich vor dem Naziterror flohen. Einfach war das nicht: Eigens erlassene Abgaben beraubten sie vor der Ausreise ihres Hab und Guts, und Länder, die Flüchtlinge aufnahmen, waren rar – sichere Länder noch rarer. Mit Kriegsbeginn wurde die Ausreise ganz untersagt. Die Menschen saßen buchstäblich in der Falle.

Josef Eisinger, Jahrgang 1924, war eines dieser Kinder. Er lebt heute in den USA, wo er als Physiker und Biophysiker Karriere machte. In seiner Autobiografie „Flucht und Zuflucht“, die das DÖW 2019 auf Deutsch herausgebracht hat, schildert er die Abfahrt vom Wiener Westbahnhof.

Der Bahnhof wimmelte von Polizei und Gestapo, die unsere Koffer nach Geld und Schmuggelgut durchsuchten. Sie verspotteten die unglücklichen Eltern und verboten ihnen, Gefühle beim Abschied am Bahnsteig zu zeigen. Ansonsten würde der Transport abgesagt.

Als der Zug abfuhr, ließ ein Nazifunktionär die Kinder ein Volkslied singen, das damals jedes österreichische Kind kannte: „Muss i denn, muss i denn zum Städtele hinaus, und du, mein Schatz, bleibst hier.“ Der Zynismus, sagt Schindler, kannte keine Grenzen. Leicht war auch das Exil nicht: Ältere Geflüchtete sprachen die Sprache nicht, alle waren krank vor Sorge um die Zurückgebliebenen. Und das, betont Schindler, waren die Davongekommenen.

Wie sehr der Bahnhof zum Sinnbild wurde, zeigt ein Gedicht des jüdischen Sozialdemokraten Walter Lindenbaum: „Juden am Bahnhof“. Seine Frau und seine Tochter wurden 1944 in Auschwitz-Birkenau ermordet, er selbst im Februar 1945 im Zwangsarbeitslager Ohrdruf, einem Außenlager von Buchenwald, wenige Wochen vor der Befreiung. Der Volksschauspieler Otto Tausig, den seine Eltern nach 1938 selbst mit einem Kindertransport nach England geschickt hatten, hat es im DÖW vorgetragen. Eine Passage daraus lautet: „Was ist los? Nichts. Ein paar Juden fahren in die weite Welt.“

Bahnhöfe, Gleise und Waggons stehen im 20. Jahrhundert für beides: für die Flucht in vermeintlich sichere Länder und die Deportation in die Vernichtungslager. Das Foto hält den einen Fall fest. Eisinger und seine Schwester Lesley, die in Großbritannien lebt, haben das Erscheinen ihrer Lebensgeschichte in Österreich noch erlebt. Solche Erzählungen samt Dokumenten und Fotos zu bewahren, zählt zu den Kernaufgaben des DÖW – dessen Ausstellung nicht zufällig bis zu gegenwärtigen totalitären Bewegungen reicht.