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December 10, 2021
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DÖW

„Flossenbürg, Heiliger Abend“: eine Tuschezeichnung von Bruno Furch im DÖW

Ein Christbaum, ein Galgen, 10.000 Zuseher: Ursula Schwarz zeigt im Dokumentationsarchiv des österreichischen Widerstandes eine kleine Tuschezeichnung, die der Häftling Bruno Furch 1944 im KZ Flossenbürg festhielt.

„Flossenbürg, Heiliger Abend“: eine Tuschezeichnung von Bruno Furch im DÖW
© KZ-Gedenkstätte Flossenbürg

Drei bis auf die Knochen abgemagerte Männer hängen am Galgen, nur mit Hosen bekleidet, einer trägt den verbundenen Arm in der Schlinge. Um sie herum zahlreiche Mithäftlinge, daneben zwei uniformierte Schergen. Das Blatt ist klein und mit Tusche gezeichnet, und es trägt einen Titel, der jede weitere Erklärung überflüssig macht: „Flossenbürg, Heiliger Abend“.

Die Zeichnung hängt im Museum des Dokumentationsarchivs des österreichischen Widerstandes im Alten Rathaus in der Wipplingerstraße, wo Dokumente und Kunst zu Widerstand und Verfolgung im Nationalsozialismus gesammelt werden. Ursula Schwarz, die am DÖW das Archiv und die Sammlung der Museumsgegenstände und Kunstwerke betreut, nennt das Motiv eine Bescherung der zynischen und grausamen Art. Entstanden ist es vermutlich noch im Lager, gezeichnet von einem, der dabeistand: dem Lehrer und bildenden Künstler Bruno Furch.

Furch kommt 1913 in Wien zur Welt, ist in der Sozialistischen Arbeiterjugend und geht 1938 nach Spanien, um sich den Internationalen Brigaden anzuschließen und gegen den Faschismus zu kämpfen. Nach dem Fall der Spanischen Republik flüchtet er mit vielen anderen Interbrigadisten nach Frankreich, wo er zunächst in Lagern interniert wird. Von dort bringt man ihn 1941, wie so viele Spanienkämpfer, in das KZ Dachau, im Juli 1944 gemeinsam mit anderen österreichischen Häftlingen weiter nach Flossenbürg. Unter den Gefangenen galt dieses Lager als das gefährlichere. „Dachau war böse, aber Flossenbürg war fürchterlich“, sagte Furch Jahrzehnte später in einem Interview: Mord und Totschlag, Fleckfieber, im Winter jeden Tag 100 bis 120 Tote.

In seinen 1993 erschienenen Lebenserinnerungen „Allen Gewalten zum Trotz“ schildert er den Abend, den die Zeichnung festhält. Die Lagerführung ließ auf dem Appellplatz eine riesige Fichte aufstellen und mit elektrischen Lämpchen bespannen, dann heulte das Signal zum Antreten, und gut 10.000 Häftlinge standen und harrten der Dinge, die Blicke auf Christbaum und Galgen gerichtet.

Teilansicht des Häftlingslagers von Flossenbürg im April 1945, kurz vor der Befreiung durch die US-Armee. – © National Archives, Washington D.C. / KZ-Gedenkstätte Flossenbürg

„Da wurden aus dem Bunker sechs Häftlinge gebracht. Es waren Russen, darunter einige Verletzte mit Verbänden. Sie wurden der Reihe nach gehängt. Die ganze Lagerführung stand da mit ihren dicken Bäuchen und Stiernacken und ergötzte sich an dem Scherz.“

Furch überlebte. Er leistete in Flossenbürg Zwangsarbeit beim Bau von Flugzeugrümpfen, überstand Hunger und Krankheiten im überfüllten Lager, wurde im April 1945 in Richtung Dachau in Marsch gesetzt, setzte sich kurz vor dem Ziel ab, versteckte sich, erreichte die US-Armee und kehrte im Oktober 1945 nach Wien zurück. Dort lebte er weiter und arbeitete ab 1949 als Journalist der „Volksstimme“; er starb im Jänner 2000.

Als Scan illustriert die Zeichnung heute die Zeitleiste des KZ Flossenbürg im Kapitel Exekutionen und Massenmord. Dass sie im Detail von der Erinnerung abweicht – am Blatt hängen drei Männer, im Text sind es sechs –, macht sie nicht unzuverlässig, sondern zeigt, wie ein Überlebender dasselbe Ereignis zweimal bezeugt: einmal mit dem Stift, Jahrzehnte später mit Worten. Was auf beiden Wegen ankommt, ist nicht die Zahl, sondern die Inszenierung. Jemand hat sich diese Weihnachten ausgedacht.