Der Saal wirkt friedlich. Eine Feuerstelle, um die sich eine Familie versammelt, ein buddhistischer Tempel, Hochalmen, Felder. „Ein Dorf in den Bergen“ heißt dieser Raum im Weltmuseum Wien, einer von 14 Sälen der permanenten Schausammlung, und er erzeugt zuverlässig jenes Bild, das Europa vom Himalaya hat: Spiritualität, Heiligkeit, Bergidylle. An einer Wand hängt ein Gemälde, das dieses Bild in seine Einzelteile zerlegt.
Christian Schicklgruber, Kurator für Südasien, Südostasien und die Himalayaländer und bis 2021 Direktor des Weltmuseums Wien, hat den Saal gestaltet. Er beschreibt ihn als Konstruktion eines Himalaya-Dorfes: die Örtlichkeiten, an denen gelebt und gehandelt wird, und die Beziehungen zwischen diesen Orten und den Menschen, die dort leben. Dass daraus rasch eine Idylle wird, weiß er selbst am besten. Der buddhistische Tempel, die Familie um die Feuerstelle, die Videos im Saal – das schaue, sagt Schicklgruber, alles furchtbar nett aus.
Die Wirklichkeit daneben sieht anders aus. Rund 600.000 junge Menschen in Nepal sehen in einem solchen Leben derzeit keine Zukunft mehr, vor allem jene, die eine Schulbildung genossen haben. Sie verlassen die Dörfer, gehen in die Städte und stellen dort fest, dass es keine Arbeit für sie gibt. Viele ziehen weiter in die Golfstaaten oder nach Südostasien und finden sich mit katastrophalen Arbeitsbedingungen konfrontiert – auch auf den Baustellen der Fußball-Weltmeisterschaft 2022 in Katar. Im Durchschnitt kommen pro Tag zwei junge Nepalesen tödlich verunglückt in einem Holzsarg nach Kathmandu zurück.
Das Gegenbild zur Almenruhe hängt im selben Saal. Der junge nepalesische Künstler Hit Man Gurung hat ein großflächiges Werk geschaffen, das mit der europäischen Kunstgeschichte spielt: Auf den ersten Blick sieht es aus wie eine Pietà. Eine Mutter – im Bild die Mutter des Künstlers – hält ihren toten Sohn im Schoß. Nur ist der Sohn kein Körper. Er ist ein Holzsarg, so einer, in dem die Toten nach Kathmandu zurückkommen. Und dieser Sarg ist aus Reisepässen zusammengesetzt, aus den Dokumenten junger Menschen, die gerade in den Golfstaaten arbeiten. Der Titel des Bildes ist ein Satz, der keine Interpretation mehr braucht: I Have to Feed Myself, My Family and My Country.
Schicklgruber hat das Werk im Atelier des Künstlers gesehen, als der Ausstellungssaal bereits geplant war. Er wusste, welche Bilder dieser Saal erzeugen würde – heilige Berge, Almen, Feuerstelle – und stellte ihnen das genaue Gegenteil an die Wand. Seither, sagt er, sehe und verstehe man das Leben im Himalaya unter einem ganz anderen Aspekt.
Ein Museum baut eine Idylle und widerlegt sie im selben Raum. Wer danach zur Feuerstelle zurückgeht, sieht nicht nur die Familie, die dort sitzt, sondern auch die Plätze, die leer geblieben sind.
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