Drei Objekte stehen im Saal „Ein Dorf in den Bergen“ in einem stillen Kräfteverhältnis zueinander. Das eine ist eine Metallstatue: Guru Rinpoche, ein tibetisch-buddhistischer Heiliger, sitzend in einer Haltung, die man von Buddha-Figuren kennt. Die beiden anderen sind Malereien, auf denen Gottheiten zu Pferd reiten, gerüstet wie Krieger. Zwischen ihnen liegt die Geschichte eines Religionswechsels, der ohne Verlierer ausging.
Christian Schicklgruber, Direktor des Weltmuseums Wien und Kurator für Südasien, Südostasien und die Himalayaländer, hat diesen Saal der Dauerausstellung gestaltet. Die beiden Reiter sind Berggötter. In der Natur sind sie Berge, heilige Berge; in der Kunst erscheinen sie meist als Krieger zu Pferd. Sie stammen aus einer vorbuddhistischen Vorstellungswelt und beschützen das Leben im Himalaya – heute auch jene Religion, der sie sich einst in den Weg stellten.
Die Legende dazu beginnt mit einem tibetischen König, der persönliche Zwistigkeiten mit ebendiesen Berggöttern hatte. In seiner Not hörte er von einem Magier in Indien, der so mächtig sein sollte, dass er Gottheiten in magischen Kämpfen besiegen konnte. Der König schickte Boten und lud ihn ein. Guru Rinpoche nahm die Einladung an und kam mit einer neuen, sehr mächtigen Religion in die Welt der heiligen Berge.
Die Berge reagierten, wie Mächtige reagieren, deren Einfluss bedroht ist: Sie stellten sich ihm in den Weg und forderten ihn zu Kämpfen heraus, die mit magischen Mitteln geführt wurden. Guru Rinpoche gewann sie alle. Entscheidend ist für Schicklgruber aber, was danach geschah. Er zerstörte die Berggötter nicht und verbannte sie auch nicht, sondern verpflichtete sie zu einem Eid: Sie sollten künftig den Buddhismus und seine Anhänger:innen beschützen. Im Austausch erhalten sie bis heute regelmäßig Opfergaben.
Er ist nicht gekommen und hat gesagt: Alles, was ihr bisher geglaubt habt, ist Unfug und Nonsens, ich bringe jetzt den wahren Glauben.
Genau darin liegt für Schicklgruber die Genialität des Vorgehens. Wer den Menschen ihre alten Vorstellungen nicht für null und nichtig erklärt, macht ihnen den neuen Glauben leicht. Der Buddhismus setzte sich in Tibet rasch durch, gerade weil das Alte weiterbestehen durfte – und es besteht bis heute.
Wer im Himalaya mit einem Lokalpriester wandern geht, bekommt alle ein, zwei Stunden einen Berg gezeigt, der als Gottheit gilt. Denselben Berg findet man auf Rollbildern in den buddhistischen Klöstern, auf Malereien wie jenen im Wiener Schausaal, die das Kloster, die Gemeinschaft der Gläubigen und den Buddhismus beschützen. Eine Religion, die ihre Gegner nicht auslöscht, sondern vereidigt, hat offenbar den längeren Atem.
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