In einem Dorf im Regenwald von Suriname tritt ein Mann in seinen Dreißigern mit einem geflochtenen Korb vor die Wienerin. Der Korb ist viereckig, etwa 40 mal 40 Zentimeter groß, die Pflanzenstreifen diagonal miteinander verflochten, der Deckel stülpt sich passgenau über die Basis. Nagelneu ist er, der Vater hat ihn für den Sohn angefertigt: ein Hochzeitskorb, in dem Männer die Brautgeschenke sammeln und bei der Hochzeit überreichen. Und er ist zu verkaufen.
Claudia Augustat, seit 2004 Kuratorin der Sammlung Südamerika am Weltmuseum Wien, hat den Korb 2005 erworben, auf ihrer ersten und bislang einzigen Sammelreise für das Haus. Die Reise führte zu den Saamaka, Nachfahren von Menschen, die in der Kolonialzeit aus Afrika nach Südamerika verschleppt wurden und auf den Plantagen arbeiten mussten. Wer in den Wald floh und nicht wieder eingefangen wurde, baute dort eine eigene Gesellschaft auf. Manche Dörfer erreicht man bis heute nur per Flugzeug oder Boot.
Eine Kollegin in Paramaribo hatte die Dörfer per Radio verständigt: Da kommt jemand, der eure alten Sachen kaufen will. Überall standen rasch Menschen mit Textilien, Holzarbeiten und Schemeln um sie herum. Ob er nicht selbst einmal heiraten wolle, fragte Augustat den Mann mit dem Korb. Doch, unbedingt. Nur seien die Frauen von heute anspruchsvoll geworden.
„Die Geschenke, die sie zur Hochzeit erwarten, die passen schon lange nicht mehr in diese traditionellen Hochzeitskörbe.“
Wer heute heiratet, fährt in die Hauptstadt und kauft große Werkzeugkisten, gefüllt mit Emailgeschirr und ganzen Kochtopf-Sets. In einem anderen Dorf bot eine Frau einen zweiten Hochzeitskorb an, älter, von Insekten angefressen, ein Geschenk ihres Mannes. Ob sie sich das bei all den Erinnerungen nicht noch einmal überlegen wolle? „Nein, der hat mich betrogen und verlassen. Ich möchte mich gar nicht mehr an ihn erinnern.“ Dinge werden abgegeben, wenn sie obsolet geworden sind – oder wenn an ihnen das Falsche hängt.
Der Korb steht heute im ersten Saal der Schausammlung, „Im Schatten des Kolonialismus“. Was, fragt Augustat selbst, hat eine Sammelreise von 2005 mit Kolonialismus zu tun? Mehr, als sie damals dachte. Drei Wochen dauerte die Reise, acht Tage davon bei den Saamaka – zu wenig, um sich wirklich auf die Menschen einzulassen. Aus heutiger Sicht, sagt sie, war es „eine Art von Einkaufstour“. Rechtlich lief alles korrekt: Sie zahlte die geforderten Preise, ein Kulturausschuss in Paramaribo untersagte die Ausfuhr von drei Objekten, die im eigenen Nationalmuseum fehlten.
Bleibt die Frage, die kein Beleg beantwortet. Die Saamaka kommen schwer an Bargeld, das sie für Schulsachen und Medikamente brauchen. Wo eine prekäre Lage mitentscheidet, was verkauft wird, wird Freiwilligkeit zu einem dehnbaren Begriff. Der Korb erzählt von einer Hochzeit, die es nie gab – und davon, dass ein Museum seine eigenen Erwerbungen ebenso befragen muss wie die Expeditionen des 19. Jahrhunderts.
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