Am Montag, dem 26. November 2007, liegt in der Österreichischen Nationalbibliothek etwas, das sonst im Depot bleibt: elf Streifen Pergament, zusammen fast sieben Meter lang. Gezeigt werden sie nur an diesem einen Tag. Mehr Licht würde dem Pergament schaden. Anlass ist eine Auszeichnung: Die UNESCO hat die Karte in ihr Register „Memory of the World“ aufgenommen. Andreas Fingernagel, Leiter der Handschriftensammlung, erklärt den Journalisten, wie man sie lesen soll. Genau sei sie nicht, sagt er, eher wie ein Plan der Wiener U-Bahn: Man sieht, wie man von einer Station zur nächsten kommt. Am Abend wandert sie zurück ins Depot.
Wo ist die Tabula Peutingeriana?
Die Tabula Peutingeriana, die einzige erhaltene Straßenkarte des Römischen Reichs, liegt in Wien: in der Österreichischen Nationalbibliothek in der Hofburg, als Codex Vindobonensis 324. Dort ist sie seit 1738. Dauerhaft ausgestellt ist sie nicht, sie wird nur selten gezeigt. Wer sie sehen will, sieht fast immer eine Kopie. Das passt, denn die Tabula ist selbst eine.
Eine Kopie mit Herbergen und Thermen
Das Original entstand in der Spätantike. Es zeigt schon Konstantinopel, kann also nicht vor 330 gezeichnet worden sein, und verzeichnet noch Pompeji, das seit 79 n. Chr. unter der Asche lag. Der Zeichner hatte offenbar ältere Vorlagen. Das Wiener Exemplar ist eine Abschrift aus dem späten 12. Jahrhundert, vermutlich aus einem süddeutschen Skriptorium. Es reicht von den Britischen Inseln bis nach Indien, das erste Blatt im Westen fehlt allerdings.
Mit einer Landkarte im heutigen Sinn hat die Tabula wenig zu tun. Weil die Rolle nur gut 30 Zentimeter hoch ist, sind die Länder von Norden nach Süden zusammengestaucht, das Mittelmeer wirkt wie ein breiter Fluss. Wichtig waren die Straßen, mehr als 200.000 Kilometer. Rote Linien markieren die Hauptrouten, Haken die Stationen im Abstand einer Tagesreise, kleine Gebäude stehen für Herbergen oder Thermen. Gedacht war das Original für Beamte, Kuriere und Reisende. Auch Vindobona ist verzeichnet, mit einem Bildchen aus zwei Türmen als Station an der Limesstraße. Wer die Römer an der Donau heute sucht, findet sie östlich von Wien in Carnuntum.


Vom Wiener Humanisten zum Prinzen Eugen
Der erste Mensch, von dem man weiß, dass er die Karte besaß, lebte in Wien. Konrad Celtis, Dichter und Humanist, lehrte seit 1497 an der Wiener Universität. Wie er an die Rolle kam, ist ungeklärt. Celtis vermachte sie seinem Freund Konrad Peutinger, dem Stadtschreiber von Augsburg, und starb am 4. Februar 1508 in Wien. Begraben wurde er im Stephansdom.
Peutinger wollte die Karte herausgeben, hatte schon die kaiserliche Druckerlaubnis, starb aber 1547, bevor es dazu kam. Seinen Namen trägt sie trotzdem. Gedruckt wurde sie erst später: 1591 erschienen in Venedig Bruchstücke, 1598 in Antwerpen die ganze Karte. Die Familie Peutinger behielt das Original bis 1714. 1720 kaufte es Prinz Eugen von Savoyen für 100 Dukaten, der Feldherr, dem auch Schloss Hof gehörte. Nach seinem Tod 1736 erwarb Kaiser Karl VI. die ganze Bibliothek des Prinzen, rund 15.000 Bände. 1738 kam sie in die Hofbibliothek, in den neuen Prunksaal am Josefsplatz. Die Karte war wieder in der Stadt, in der Celtis gestorben war.
Zerschnitten, fotografiert, falsch datiert
Studiert wurde die Tabula von da an vor allem in Nachbildungen. 1753 gab der Gelehrte Franz Christoph von Scheyb in Wien einen Kupferstich heraus. 1863 zerlegte man die beschädigte Rolle in elf einzelne Blätter, um sie zu schonen. Sie lagen zwischen Glasplatten, seit 1977 liegen sie zwischen Acrylglas.

1888 brachte die Wiener Kunstanstalt C. Angerer & Göschl die erste fotografische Wiedergabe heraus. Auf einer Ausstellung im Spätsommer lobte die Militärzeitung „Die Vedette“ die Vervielfältigung und erklärte ihren Lesern, worum es sich handle: um „eine Art Marschrouten-Karte der Römer zur Zeit Kaiser Augustus“. Um mindestens drei Jahrhunderte zu früh. Als die Nationalbibliothek am 17. Mai 1947 zur Hundertjahrfeier der Akademie der Wissenschaften ihre Kostbarkeiten zeigte, hob das „Kleine Volksblatt“ unter 56.000 Handschriften ausgerechnet die Tabula hervor, diesmal als Reisekarte aus dem 4. Jahrhundert. Wie alt sie wirklich ist, darüber wird bis heute gestritten. Fest steht nur: Das Pergament in Wien ist über 700 Jahre jünger als die Welt, die es zeigt.
Ein Tag im Licht
Seit 2007 gehört die Tabula zum Weltdokumentenerbe, und sie liegt wieder im Dunkeln. Als Wissenschaftsminister Karlheinz Töchterle 2012 die Nationalbibliothek besuchte, sah er die Karte nach Angaben der Bibliothek zum ersten Mal im Original. Sie war für Leute gezeichnet, die unterwegs waren, und verlässt heute kaum noch das Depot. Vindobona, das kleine Bild mit den zwei Türmen, liegt dafür in derselben Stadt wie die Karte, die es zeigt.
Die Tabula selbst ist nicht ausgestellt. Den Prunksaal der Nationalbibliothek, in dem die Bibliothek des Prinzen Eugen steht, kann man besichtigen, Öffnungszeiten und Tickets stehen auf der Website der Bibliothek.
Prunksaal der Österreichischen Nationalbibliothek · Josefsplatz 1, 1010 Wien
Shownotes
- Wikipedia: Tabula Peutingeriana
- Wikipedia (englisch): Tabula Peutingeriana
- AP via Dawn, 27. November 2007: 800-year-old Roman map on display
- ÖNB-Newsletter 4/2007: Tabula Peutingeriana im UNESCO-Weltdokumentenerbe
- ÖNB-Presseaussendung, 23. Februar 2012: Besuch von Minister Töchterle
- Österreichische UNESCO-Kommission: Tabula Peutingeriana
- AEIOU Österreich-Lexikon: Peutingersche Tafel
- Historica Olomucensia 2014: Tabula Peutingeriana a její osudy
- Wikipedia: Vindobona
- Wikipedia: Konrad Celtis
- Europeana: Fotografische Ausgabe von C. Angerer & Göschl, Wien 1888
- Die Vedette, 5. September 1888: Bericht über die fotografische Vervielfältigung (ANNO)
- Das kleine Volksblatt, 15. Mai 1947: Ausstellung „Kostbarkeiten der Nationalbibliothek“ (ANNO)
- Der Tag, 23. Mai 1926: Jubiläumsausstellung im Prunksaal, Bibliothek des Prinzen Eugen (ANNO)
- Albertina: Saint-Non, Fragment de la carte Theodosienne, 1783
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