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October 29, 2026
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HGM

Wo ist das Auto von Sarajevo? Der Wagen, der falsch abbog

Am 28. Juni 1914 biegt der Wagen von Franz Ferdinand an der Lateinerbrücke falsch ab, Gavrilo Princip schießt. Wie das Auto, die blutige Uniform und ein Nummernschild mit Legende ins Heeresgeschichtliche Museum kamen.

Wo ist das Auto von Sarajevo? Der Wagen, der falsch abbog
Achille Beltrame, Das Attentat von Sarajevo, Domenica del Corriere, Juli 1914 · gemeinfrei, via Wikimedia Commons

Sonntag, 28. Juni 1914, kurz vor elf Uhr vormittags in Sarajevo. Ein offener Wagen der Wiener Firma Gräf & Stift fährt am Fluss entlang den Appelkai hinunter. Im Fond sitzen Erzherzog Franz Ferdinand, der Thronfolger Österreich-Ungarns, und seine Frau Sophie, Herzogin von Hohenberg, ihnen gegenüber Landeschef Oskar Potiorek. Graf Franz Harrach, dem der Wagen gehört, steht auf dem linken Trittbrett, um den Erzherzog abzuschirmen. Vor knapp einer Stunde hat ein Attentäter eine Bombe auf die Kolonne geworfen. An der Lateinerbrücke biegt das vorausfahrende Auto rechts in die Franz-Joseph-Straße ein, und Chauffeur Leopold Lojka folgt ihm. Die Route war geändert worden, den Fahrern hatte es niemand gesagt. Potiorek ruft, das sei der falsche Weg. Lojka hält an, um zurückzusetzen. An dieser Ecke, vor dem Feinkostgeschäft von Moritz Schiller, steht Gavrilo Princip, gut zwei Meter entfernt. Er schießt zweimal.

Der Wagen, in dem diese Schüsse fielen, steht heute in Wien. Seit Herbst 1914 ist er im Heeresmuseum im Arsenal, dem heutigen Heeresgeschichtlichen Museum (HGM). Dort sind auch die blutige Uniform des Thronfolgers zu sehen und die Chaiselongue, auf der er starb. Ein paar Wochen nach Sarajevo war Europa im Krieg.

Zwei Schüsse an der Lateinerbrücke

Der erste Schuss galt Potiorek. Er verfehlte ihn, durchschlug die Seitenwand und traf Sophie in den Unterleib. Der zweite traf Franz Ferdinand am Hals. Harrach erzählte später, der Erzherzog habe noch gerufen: „Sopherl! Sopherl! Stirb nicht! Bleib’ am Leben für unsere Kinder!“ Auf seine Frage nach den Schmerzen habe er immer wieder geantwortet, es sei nichts. Man brachte beide in den Konak, die Residenz des Landeschefs. Dort konnte man nur noch ihren Tod feststellen, um halb zwölf waren beide tot.

Dabei hatte der Tag mit einer Warnung begonnen. Gegen zehn Uhr, auf dem Weg zum Rathaus, warf Nedeljko Čabrinović eine Bombe. Franz Ferdinand wehrte sie ab, sie explodierte beim nächsten Wagen und verletzte unter anderem Oberstleutnant Erik von Merizzi. Im Rathaus unterbrach der Erzherzog empört den Bürgermeister. Dann wollte er Merizzi im Garnisonsspital besuchen. Seine Frau bat er, direkt in den Konak zu fahren, so schrieb es die „Bosnische Post“ am nächsten Tag. Sophie blieb bei ihm im Wagen. Wie wenig man in Wien zunächst wusste, zeigt das „Fremden-Blatt“ vom Montag: Dort hieß es noch, der Erzherzog sei im Gesicht getroffen worden.

Der Gräf-&-Stift-Wagen Franz Ferdinands im Heeresgeschichtlichen Museum Wien
Der Wagen von Sarajevo im Heeresgeschichtlichen Museum Wien. – Foto: Kadin2048, CC BY 2.5, via Wikimedia Commons

Ein geliehener Wagen kommt ins Arsenal

Das Auto war ein Doppelphaeton mit Vierzylindermotor und 32 PS. Graf Harrach hatte es am 15. Dezember 1910 gekauft und stellte es dem Thronfolger für den Besuch zur Verfügung. Nach dem Attentat blieb der Wagen zunächst im Konak. Im Juli 1914 ordnete Kaiser Franz Joseph an, ihn ins Heeresmuseum zu bringen. Im Oktober meldete die „Allgemeine Automobil-Zeitung“, der Wagen sei seit einigen Tagen im Arsenal untergebracht, Harrach habe ihn dem Museum überlassen. Bald darauf kam Erzherzog Max ins Museum, um ihn zu besichtigen.

Von 1914 bis 1944 war das Auto im Heeresmuseum ausgestellt. Im Zweiten Weltkrieg wurde das Gebäude von Bomben getroffen, 1955 öffnete das Haus wieder. Seit Juni 1957 steht der Wagen wieder in der Schau. Er trägt bis heute die Spuren beider Anschläge, von der Bombe und von der Kugel.

Die Uniform und das Hemd

Ferdinand Schmutzer, Halbfigurenporträt Erzherzog Franz Ferdinand in Uniform, um 1914.
Ferdinand Schmutzer, Franz Ferdinand von Österreich-Este, um 1914. – Bild: gemeinfrei, via Wikimedia Commons

Franz Ferdinand trug an diesem Tag Uniform: einen Stulphut mit grünem Federbusch, einen hechtgrauen Waffenrock und eine blaugraue Hose mit scharlachroten Streifen. Unter der Kragennaht sitzt das Einschussloch, innen ist der Rock mit Blut durchtränkt, hinten ist er aufgeschnitten. Die Uniform wurde für die Kinder des Paares aufbewahrt, kam nach Artstetten und später als Leihgabe ins Museum.

Andere Kleidungsstücke, persönliche Dinge und die Waffen der Attentäter nahm der Jesuit Anton Puntigam an sich, der in Sarajevo ein Waisenhaus leitete. 1918 brachte er sie nach Wien, 2004 kamen sie ins HGM. Darunter ist das blutige Unterhemd des Erzherzogs. Weil es lichtempfindlich ist, wird es nur selten gezeigt, 2013 etwa für zwölf Tage. Im Saal liegen auch Pistolen vom Typ Browning und eine Handgranate, mit denen die Attentäter bewaffnet waren.

A III 118: eine Nummer mit Legende

Bleibt das Kennzeichen. Der Wagen trägt die Wiener Nummer A III 118, und daraus lesen manche heute „Armistice 11.11.18“, also den Waffenstillstand vom 11. November 1918. Das ist ein Kuriosum, keine Prophezeiung, und genau genommen stimmt es für Österreich-Ungarn nicht einmal: Dessen Waffenstillstand mit Italien wurde am 3. November 1918 in der Villa Giusti unterzeichnet. Der 11. November war der Tag, an dem Deutschland an der Westfront die Waffen niederlegte. In Wien unterschrieb an diesem Tag allerdings Kaiser Karl seinen Verzicht auf die Regierungsgeschäfte. Wer will, findet also auch so einen Sinn in der Zahl.

An der Lateinerbrücke war Lojka falsch abgebogen und hatte angehalten, um zurückzufahren. Für den Wagen gab es danach kein Zurück mehr. Er steht seit über hundert Jahren im Arsenal, mit dem Einschussloch in der Seitenwand und einer Nummer, in der manche das Ende des Krieges sehen, der an seiner Seite begann.

Begraben ist Franz Ferdinand nicht in der Kapuzinergruft, sondern mit Sophie in Artstetten in Niederösterreich: In der Kaisergruft hätte seine Frau nicht liegen dürfen.

Das Heeresgeschichtliche Museum ist Dienstag bis Sonntag von 9 bis 17 Uhr geöffnet, montags geschlossen. Kinder und Jugendliche unter 19 Jahren haben freien Eintritt. Weil mehrere Säle umgebaut werden, lohnt vor dem Besuch ein Blick auf hgm.at.

Heeresgeschichtliches Museum · Arsenal 1, 1030 Wien