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October 29, 2026
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Prunksaal

Wo ist Mozarts Requiem? Die Handschrift mit der fehlenden Ecke

Als Mozarts Requiem 1958 von der Weltausstellung in Brüssel zurückkam, fehlte eine Ecke mit wenigen Wörtern von seiner Hand. Wie die Handschrift über einen Grafen, eine Witwe und zwei Helfer in die Nationalbibliothek kam.

Wo ist Mozarts Requiem? Die Handschrift mit der fehlenden Ecke
Wolfgang Amadeus Mozart, Requiem KV 626, Seite der Arbeitspartitur mit fehlender Ecke, Österreichische Nationalbibliothek · gemeinfrei, via Wikimedia Commons

Im Herbst 1958 kommt Mozarts Requiem aus Brüssel zurück nach Wien. Die Weltausstellung, die vom 17. April bis 8. Oktober gedauert hat, hatte die Handschrift gezeigt. Erst daheim fällt auf, dass etwas fehlt. Auf einer der letzten Seiten von Mozarts Hand ist rechts unten die Ecke abgerissen. Darauf standen wenige Wörter in Mozarts Schrift: „Quam olim d: C:“. Gemeint war eine Anweisung für die Musiker, nach dem Hostias die Fuge „Quam olim Abrahae“ noch einmal von vorn zu singen, da capo. Wer die Ecke abriss, weiß man nicht. Aufgetaucht ist sie nie wieder.

Wo ist Mozarts Requiem-Original?

Das Original von Mozarts Requiem liegt in der Musiksammlung der Österreichischen Nationalbibliothek in Wien, unter der Nummer 17.561. Es besteht aus zwei Teilen, die auf verschiedenen Wegen dorthin kamen. Ausgestellt wird es nur selten, etwa im Winter 2005/06 im Prunksaal, in der Schau „Mozart. Das Requiem. Die Originalpartitur“. Die verlorenen Wörter kennt man trotzdem: aus einem Faksimile von 1913, das die Seite noch unversehrt zeigt. Dass es die letzten Wörter waren, die Mozart je schrieb, ist eine schöne Vermutung. Belegen lässt sie sich nicht.

Die Wörter Quam olim d: C: in Mozarts Handschrift
Die verlorenen Wörter „Quam olim d: C:“ in Mozarts Handschrift. – Bild: gemeinfrei, via Wikimedia Commons

Ein Auftrag ohne Absender

Bestellt hatte das Requiem ein Mann, der nicht genannt werden wollte. Graf Franz von Walsegg lebte auf Schloss Stuppach in Niederösterreich, im Februar 1791 war seine Frau Maria Anna gestorben, mit 20 Jahren. Für ihr Gedächtnis wollte er eine Totenmesse, und er wollte sie als eigene Komposition aufführen. Das tat er nicht zum ersten Mal, schrieb die Nationalbibliothek später. Über einen Mittelsmann ließ er Mozart 1791 den Auftrag überbringen, die Hälfte des Honorars zahlte er im Voraus, 50 Dukaten.

Mozart legte das Requiem bald zur Seite, für die „Zauberflöte“ und „La clemenza di Tito“. Als er am 5. Dezember 1791 starb, war nur der Anfang fertig, der Introitus mit allen Stimmen. Vom Kyrie bis zum Offertorium gab es Gesangsstimmen, Bass und einzelne Orchesterlinien. Das Lacrimosa bricht nach acht Takten ab. Sanctus, Benedictus und Agnus Dei fehlten ganz.

Silhouette Wolfgang Amadeus Mozarts von Johann Hieronymus Löschenkohl, um 1786
Johann Hieronymus Löschenkohl, Wolfgang Amadeus Mozart, um 1786. – Bild: Wien Museum, CC0, via Kulturpool

Die Witwe, zwei Helfer und eine falsche Unterschrift

Constanze Mozart brauchte das Geld. Lieferte sie ein fertiges Requiem ab, musste sie den Vorschuss nicht zurückzahlen und bekam die zweite Hälfte. Am 21. Dezember 1791 nahm der 26-jährige Komponist Joseph Eybler die Partitur. Er schrieb seine Ergänzungen direkt in Mozarts Blätter und gab dann auf. Franz Xaver Süßmayr machte weiter. Er schrieb eine vollständige Partitur auf neues Papier, ahmte dabei Mozarts Handschrift nach, setzte Mozarts Namen darauf und das Jahr 1792. Da war Mozart schon tot.

Brief von Franz Xaver Süßmayr an Anton Stoll, 1802
Franz Xaver Süßmayr, Brief an Anton Stoll, 1802. Süßmayr ahmte für die Reinschrift des Requiems Mozarts Handschrift nach. – Bild: Wienbibliothek im Rathaus, Public Domain, via Kulturpool

Diese Reinschrift ging an den Grafen. Der Plan ging trotzdem nicht auf. Schon am 2. Jänner 1793 erklang das Requiem in Wien, bei einem Konzert zugunsten der Witwe, nach Abschriften, von denen Walsegg nichts wusste. Am 14. Dezember 1793 dirigierte er es selbst, in der Neuklosterkirche in Wiener Neustadt, unter seinem eigenen Namen. Mozarts Entwürfe mit Eyblers Notizen blieben bei Constanze. Im Herbst 1800 lagen beide Partituren in einer Wiener Notariatskanzlei nebeneinander, und der Geistliche und Komponist Abbé Maximilian Stadler markierte mit Bleistift, was von Mozart war.

Drei Wege in die Hofbibliothek

Zusammen kamen die Blätter erst Jahrzehnte später. Stadler, der Mozarts Teile der Sequenz bekommen hatte, gab sie 1831 der Hofbibliothek. Am 23. Februar 1833 erlitt Eybler, inzwischen Hofkapellmeister, beim Dirigieren des Requiems einen Schlaganfall. Noch im selben Jahr kam sein Teil in die Bibliothek, das Lacrimosa bis zum Hostias, samt der Seite mit dem „Quam olim“. Stadler starb im November 1833. Bei der Totenfeier für ihn in der Augustinerkirche, gleich neben der Bibliothek, wurde Mozarts Requiem gespielt, berichtete die „Wiener Zeitschrift“.

Walseggs Partitur fehlte noch. Der Graf starb 1827, seine Noten gingen über einen Verwalter an Karl Haag und von ihm an Katharina Adelpoller. 1838 suchte ein Justiziar namens Nowack in diesem Nachlass im Auftrag des Grafen Moritz von Dietrichstein, des Präfekten der Hofbibliothek, nach Streichquartetten von Mozart. Er fand keine Quartette, aber das Requiem. Die Bibliothek zahlte Adelpoller 50 Dukaten, genau so viel, wie Walsegg 1791 als Vorschuss bezahlt hatte. Die „Allgemeine musikalische Zeitung“ meldete im April 1839, Dietrichstein habe die Partitur für die Bibliothek erworben, „zur Erhöhung ihres Ruhmes“.

Ein Requiem, das ein Graf als sein eigenes ausgeben wollte, mit einer falschen Unterschrift und einem Schluss von fremder Hand: Vieles daran ist Abschrift und Nachahmung. Dazu passt das Ende der Geschichte. Ausgerechnet Mozarts Anweisung, noch einmal von vorn zu beginnen, gibt es seit Brüssel nur noch als Kopie.

Das Original ist nicht dauerhaft ausgestellt. Den Prunksaal der Nationalbibliothek, wo es 2005/06 zu sehen war, kann man besichtigen, Termine und Tickets stehen auf der Website der Bibliothek. Mozarts einzige erhaltene Wiener Wohnung zeigt das Mozarthaus Vienna in der Domgasse, wo er von 1784 bis 1787 lebte.

Prunksaal der Österreichischen Nationalbibliothek · Josefsplatz 1, 1010 Wien