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Wo ist Mozart begraben? Das Grab, das niemand kennt

Am 5. Dezember 1859 enthüllt Wien auf dem St. Marxer Friedhof eine trauernde Muse über Mozarts Grab. Wo genau er liegt, wusste da schon niemand mehr.

Wo ist Mozart begraben? Das Grab, das niemand kennt
Gustav Jägermayer, Friedhof St. Marx – Mozart-Grab, vor 1891, Wien Museum · CC0, via Kulturpool

Am 5. Dezember 1859, um zwei Uhr nachmittags, stand eine kleine Schar Schaulustiger auf dem St. Marxer Friedhof vor einer verhüllten Figur. Es war Mozarts Todestag, 68 Jahre danach, der Himmel war heiter und sonnig. Ein Männergesangverein sang einen Chor von Mozart, dann sprach Bürgermeister Johann Kaspar von Seiller und rief der Figur zu: „Enthülle Dich — trauernde Muse!“ Der Bildhauer Hanns Gasser ließ die Hülle fallen. Im Sonnenschein glänzte eine Muse aus Bronze auf einem Granitsockel, mit gesenktem Blick und verstummter Lyra, über dem Grab des großen Tondichters. So berichteten es die „Presse“ und die „Wiener Zeitung“.

Wo ist Mozart begraben? Die Antwort von damals gilt bis heute: auf dem St. Marxer Friedhof im 3. Bezirk. Nur weiß niemand, wo genau. Auch die Stelle, an der Gassers Muse 1859 trauerte, war eine Annahme. Der Totengräber von St. Marx hatte sie, so schrieb die „Presse“, fast mit Gewissheit angeben können. Um zu verstehen, warum Wien das Grab seines berühmtesten Komponisten erst suchen musste, muss man ins Jahr 1791 zurückgehen.

Ein Grab wie alle anderen

Wolfgang Amadeus Mozart starb am 5. Dezember 1791, fünf Minuten vor ein Uhr früh, in seiner Wohnung in der Rauhensteingasse. Er war 35 Jahre alt. Um die Formalitäten kümmerte sich sein Gönner Gottfried van Swieten. Eingesegnet wurde Mozart in der Kreuzkapelle des Stephansdoms, am Abend des 6. Dezember brachte man den Sarg hinaus vor die Stadt nach St. Marx. Beigesetzt wurde er wohl erst am nächsten Tag, in einem allgemeinen Schachtgrab, ohne Kreuz und ohne Grabstein.

Die Nachwelt machte daraus eine rührende Geschichte: das verarmte, vergessene Genie, verscharrt im Armengrab. Das ist eine Legende, sie stammt aus der Romantik. Ein allgemeines Grab war damals für alle Bevölkerungsschichten üblich, ein Armen- oder Massengrab war es nicht. Kaiser Josef II. hatte Bestattungen in den Kirchen verboten und 1784 fünf Friedhöfe draußen vor dem Linienwall anlegen lassen, St. Marx war einer davon. Die Gräber wurden nach zehn Jahren neu belegt. Den berüchtigten Klappsarg aus derselben Reform hatte Josef II. da übrigens schon wieder abgeschafft.

Die Witwe findet das Grab nicht

Als Constanze Mozart 1808 das Grab ihres Mannes besuchen wollte, suchte sie den Friedhof vergeblich ab. Ein neuer Totengräber konnte ihr die Stelle nicht mehr zeigen, erinnerte die „Presse“ zum 100. Todestag. Fast ein halbes Jahrhundert lang blieb es dabei. 1855 ließ Bürgermeister Seiller die Lage so genau wie möglich ermitteln und kennzeichnen. Man entschied sich für eine Stelle bei der dritten und vierten Reihe der Schachtgräber, und dort stellte Hanns Gasser vier Jahre später seine Muse auf.

Bald wurde das Denkmal geschmückt. Zu Allerseelen 1869 war das Grab Mozarts mit Kränzen und Blumen bedeckt, die Statue der Tonmuse trug einen Lorbeerkranz, berichtete das „Neue Fremden-Blatt“. Geschmückt wurde ein Denkmal an einer Stelle, die niemand genau kannte. Um dieselbe Zeit wanderte auch ein Schädel durch Wien, von dem es hieß, er sei Mozarts. Ein Totengräber soll ihn um 1801 bei der Neubelegung der Gräber an sich genommen haben. 1868 kam er an den Anatomen Joseph Hyrtl, seit 1902 bewahrt ihn die Stiftung Mozarteum in Salzburg auf. Ob er echt ist, ist bis heute offen: DNA-Vergleiche brachten 2006 kein Ergebnis, und schon zuvor hatten Fachleute des Mozarteums gezweifelt.

Die Muse zieht um

1874 eröffnete der Zentralfriedhof, auf den Kommunalfriedhöfen wie St. Marx wurde nicht mehr bestattet. Die Stadt legte draußen in Simmering eine Ehrengräberanlage an und holte 1888 Beethoven und Schubert vom Währinger Friedhof dorthin. Zum 100. Todestag 1891 folgte Mozart, oder genauer: sein Denkmal. Gassers Muse kam auf den Zentralfriedhof, in die Gruppe 32A, und steht dort bis heute zwischen den Gräbern von Beethoven und Schubert. Mozart selbst lag dort nie.

Ansichtskarte um 1910 mit dem Mozart-Denkmal auf dem Wiener Zentralfriedhof
Brüder Kohn KG, Zentralfriedhof – Ehrengrab von Mozart, Ansichtskarte, um 1910. – Bild: Wien Museum, CC0, via Kulturpool

In St. Marx blieb eine leere Stelle zurück. Der Friedhofswärter Alexander Kugler brachte zunächst eine Gedenktafel an, 1899 entstand daraus ein schlichtes Grabmal, zusammengesetzt aus Teilen anderer Grabsteine. Bald kam eine geborstene Säule dazu. Im Krieg wurde das Denkmal 1945 schwer beschädigt, 1950 bekam es sein heutiges Aussehen, 2005 wurde es restauriert. Die ersetzte alte Grabtafel verwahrt das Bezirksmuseum Landstraße.

Ansichtskarte um 1905 mit dem Mozart-Grab auf dem St. Marxer Friedhof
Verlag Reinhold Entzmann & Sohn, St. Marxer Friedhof – Mozart-Grab, Ansichtskarte, um 1905, nach der Übertragung des Gasser-Denkmals. – Bild: Wien Museum, CC0, via Kulturpool

Ein Biedermeierfriedhof als Park

Nach der Schließung blieb der St. Marxer Friedhof über ein halbes Jahrhundert fast unberührt, der Heimatforscher Hans Pemmer setzte sich für ihn ein. Am 22. Oktober 1937 wurde er als Verbindung von Friedhof und Park eröffnet. Heute ist er der einzige erhaltene der fünf josephinischen Friedhöfe, mit rund 5.635 Grabsteinen unter Denkmalschutz.

So hat Mozart heute zwei Grabdenkmäler, und unter keinem liegt er sicher. Auf dem Zentralfriedhof steht die Muse, der Seiller 1859 zurief, sich zu enthüllen. Sie trauert dort an einem Ort, an dem Mozart nie lag. In St. Marx markiert ein Denkmal aus den Resten fremder Grabsteine die Stelle, die ein Totengräber nach bestem Wissen gezeigt hat. Mozart selbst liegt irgendwo in der Nähe.

Der St. Marxer Friedhof ist täglich geöffnet, von Oktober bis März von 6.30 bis 18.30 Uhr, von April bis September von 6.30 bis 20 Uhr. Zum Mozartgrab führt links vom Hauptweg ein kurzer Kiesweg. Das Mozart-Denkmal auf dem Zentralfriedhof steht in der Gruppe 32A, mehr über den Friedhof erzählt das Dossier Wiener Zentralfriedhof in 13 Bildern, über Begräbnisse in Wien das Bestattungsmuseum beim Haupttor. Wie Mozart lebte, zeigt das Mozarthaus Vienna in der Domgasse, seine einzige erhaltene Wiener Wohnung, in der er von 1784 bis 1787 wohnte.

St. Marxer Friedhof · Leberstraße 6–8, 1030 Wien