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Donnerbrunnen: Wo die Originalfiguren sind und wer sie vor dem Einschmelzen rettete

Am 21. Juni 1873 fällt am Neuen Markt die Bretterwand, und schon prüfen Burschen mit Messern, ob die neuen Figuren massiv sind. Die Geschichte des Donnerbrunnens und seiner Bleioriginale.

Donnerbrunnen: Wo die Originalfiguren sind und wer sie vor dem Einschmelzen rettete
Michael Frankenstein & Comp., Neuer Markt – Donnerbrunnen – Blick gegen Norden, um 1875, Wien Museum · CC0, via Kulturpool

Am Samstag, dem 21. Juni 1873, wurde am Neuen Markt die Bretterwand um den Donnerbrunnen abgebaut. Die Stadt hatte die Brunnenfiguren erneuern lassen, jetzt waren sie zum ersten Mal zu sehen, in Bronze statt in Blei. Lange blieben sie nicht unbehelligt. Kaum war die Wand weg, tauchte eine Gruppe junger Burschen auf. Einer beschmierte die Figur der March, die anderen probierten mit ihren Messern aus, ob die Figuren massiv seien. Ein Wachmann wurde gerufen und nahm einen von ihnen fest. So stand es am nächsten Tag im „Fremden-Blatt“ und in der „Neuen Freien Presse“.

Die Figuren, die damals mit Messern geprüft wurden, stehen bis heute am Neuen Markt. Es sind Kopien. Wo sind die Originale des Donnerbrunnens? Georg Raphael Donners Bleifiguren stehen im Wien Museum am Karlsplatz, in der Dauerausstellung. Davor waren sie rund hundert Jahre im Unteren Belvedere. Dass es sie überhaupt noch gibt, verdanken sie einem Mann, der sie einschmelzen sollte.

Eine Fontäne für den Mehlmarkt

1737 beschloss die Stadt Wien, auf dem Neuen Markt eine Fontäne zu errichten. Der Platz hieß damals noch Mehlmarkt. Vorgesehen war zunächst Lorenzo Mattielli. Doch Donner, Mitte vierzig und kaiserlicher Kammerbildhauer, bot an, die Figuren zum selben Preis von 600 Gulden zu machen, und bekam den Auftrag.

In der Mitte sitzt Providentia, die Vorsehung, um den Sockel halten vier Putten wasserspeiende Fische, sie stehen für die Donau. Am Beckenrand ruhen vier Flüsse des Landes: die Enns als alter Fährmann mit Ruder, die Traun als junger Fischer mit Dreizack, die Ybbs als Mädchen mit Wasserkrug und die March als Frau. Donner lieferte für sie die Modelle, gegossen hat sie Johann Nikolaus Moll, aus einer Legierung von Blei und Zinn. Enthüllt wurde der Brunnen am 4. November 1739, dem Namenstag Kaiser Karls VI. Im Volksmund hieß er bald nach seinem Schöpfer: Donnerbrunnen. Donner starb im Februar 1741, keine eineinhalb Jahre nach der Enthüllung.

Fotografie des Donnerbrunnens am Neuen Markt in Wien, um 1870
Miethke & Wawra, Neuer Markt – Donnerbrunnen, um 1870. – Bild: Wien Museum, CC0, via Kulturpool

Der Mann, der einschmelzen sollte

Gut dreißig Jahre später ließ Maria Theresia die Figuren abnehmen. Das Jahr ist nicht ganz sicher, genannt werden 1770 und 1773. Gern wird erzählt, ihre Keuschheitskommission habe die nackten Gestalten vom Platz verbannt. Belegt ist das nicht, neuere Darstellungen halten es für eine Legende: Die Bleifiguren waren beschädigt und sollten durch Kopien ersetzt werden.

Sie kamen in das Materialdepot des Bürgerlichen Zeughauses und sollten an den Bildhauer Johann Martin Fischer gehen, zum Einschmelzen. Fischer, aus dem Allgäu nach Wien gekommen, war um die dreißig. Er schmolz nicht, er erkannte den Wert der Figuren und ließ sie restaurieren. 1801 erreichte er, dass sie auf den Neuen Markt zurückkehrten. Er war da rund 60, und Brunnen waren längst auch sein eigenes Fach: Der Mosesbrunnen auf dem Franziskanerplatz von 1798 ist von ihm, 1804 schuf er Bleifiguren für die Brunnen am Graben. Bewacht wurde der Donnerbrunnen danach trotzdem. Um 1835 stand ein niedriges Gitter um ihn, und die Rumorwache bekam eine Belohnung dafür, dass sie auf ihn aufpasste.

Bronze für das Jahr der Weltausstellung

Blei ist weich. 1871 beschloss der Gemeinderat, die schadhaften Figuren abzunehmen. Zugesetzt hatten dem Brunnen nicht nur Wind und Wetter, auch Vandalen und die Wasserweiber vom Markt, die vor allem den Beckenrand beschädigten. Zwei Jahre später, im Jahr der Weltausstellung, waren die Ersatzfiguren fertig: Abgüsse in Bronze, leichter als die Originale, ausgeführt im k. k. Kunstgusshaus von Röhlich und Pönninger. Becken und Stufen wurden aus Granit erneuert. Im Gemeinderat wurde vorsorglich ein Wachposten empfohlen.

Vier Tafeln sollten die Geschichte festhalten, kündigte die „Wiener Zeitung“ am 11. Juni 1873 an. Auf der ersten: Donner, in Blei gegossen 1739. Auf der dritten: die Bronze von 1873, auf der vierten die Gemeinde unter Bürgermeister Felder. Und auf der zweiten, gegen das Palais Schwarzenberg gerichtet: „Restaurirt von Martin Fischer 1801“. Der Mann, der die Figuren einschmelzen sollte, stand jetzt mit seinem Namen am Brunnen. Zehn Tage später kamen die Burschen mit den Messern.

Wo die Originale heute stehen

Die Originale kamen 1921 als Dauerleihgabe der Stadt ins Österreichische Barockmuseum im Unteren Belvedere. Im Zweiten Weltkrieg wurden sie in Sicherheit gebracht, am 30. April 1947 standen sie wieder dort. Nach 99 Jahren im Belvedere wurden sie restauriert und übersiedelten ins Wien Museum. Seit es im Dezember 2023 neu eröffnet hat, gehören sie zur Dauerausstellung „Wien. Meine Geschichte“, aufgestellt in der zentralen Halle im ersten Stock.

Die March, Originalfigur aus Blei vom Donnerbrunnen, im Wien Museum
Georg Raphael Donner, Die March, Originalfigur vom Donnerbrunnen am Neuen Markt, 1739. – Bild: Foto TimTom, Wien Museum, CC BY 4.0, via Kulturpool

Auch die Kopien haben eine Reise hinter sich. Für den Bau einer Tiefgarage wurde der Brunnen ab 2018 abgebaut, der Restaurator Klaus Wedenig restaurierte die Bronzefiguren von 1873. Im Sommer 2022 kehrten sie auf den Neuen Markt zurück, im September 2022 lief das Wasser wieder.

Am selben Platz liegt die Kapuzinergruft, und darin, im Doppelsarkophag, Maria Theresia, die Donners Figuren einst abnehmen ließ. Gerettet hat die Figuren ein einzelner Mann, der einen Auftrag nicht ausführte, so wie ein Portier den Stock im Eisen rettete. Und die Frage der Burschen von 1873 beantwortet heute das Wien Museum: Die Bronzekopien sind leichter als die Originale. Wie schwer Donners Metall ist, zeigt die March am Karlsplatz: Die Figur aus Blei und Zinn wiegt 950 Kilogramm.

Der Brunnen am Neuen Markt ist frei zugänglich, Wasser führt er in der warmen Jahreszeit. Die Originalfiguren sind im Wien Museum am Karlsplatz zu sehen.

Donnerbrunnen · Neuer Markt, 1010 Wien · Wien Museum · Karlsplatz 8, 1040 Wien