Auf einer Kugel von 30 Zentimetern Durchmesser wäre der Mount Everest zwei Zehntelmillimeter hoch. Nicht zu sehen, nicht zu ertasten, so gut wie nicht vorhanden. Wer die Erde als Modell baut und dabei ihre Gebirge zeigen will, muss also übertreiben. Genau das tut ein Objekt, das im Globenmuseum im Palais Mollard in der Herrengasse steht: ein Erdreliefglobus aus dem 19. Jahrhundert, einer der ersten seiner Art.
Jan Mokre, Direktor des Globenmuseums der Österreichischen Nationalbibliothek, beginnt mit einer Unterscheidung. Die Globenkunde trennt Kartengloben von Reliefgloben: Die einen zeigen ein Kartenbild, die anderen die Niveauunterschiede einer Oberfläche – der Erde, aber etwa auch des Mondes. Das Haus, das beide sammelt, ist das einzige seiner Art weltweit.
Entwickelt wurden Erdreliefgloben um 1810 von August Zeune, einem Blindenpädagogen in Berlin, als Lehrmittel für den Unterricht in seiner eigenen Schule, hergestellt in Kleinserie. Rund zehn Jahre später griff Karl Wilhelm Kummer das Konzept auf, berief sich ausdrücklich darauf, gründete eine kleine Manufaktur – und produzierte Reliefgloben für einen Markt. Sie wurden kommerziell erfolgreich, andere Hersteller folgten, von Berlin aus gingen sie in die ganze Welt.
Ein solcher Globus rechnet mit zwei Maßstäben zugleich: mit der Verkleinerung der realen Erdkugel zur Modellkugel und mit dem Geländeprofil, das einen Überhöhungsfaktor bekommt. Beide Maßstäbe sind auf dem Objekt angegeben. Kummer, sagt Mokre, habe keinen repräsentativen Anspruch an seinen Globus gestellt, sondern eine klare wissenschaftliche Aussage. Was man sieht, stimmt demnach – nur eben nicht auf den ersten Blick. Der Ural, jene Grenze zwischen Europa und Asien, türmt sich auf dieser Kugel wie die Chinesische Mauer.
Über die Menge an geografischen Daten, die heute selbstverständlich ist, konnte Kummer 1820 nicht verfügen. Er stellte nur die wichtigsten Gebirgszüge dar, und sicher nicht in den richtigen Höhen. Der Himalaya ist da, ein wenig schneebedeckt, die Alpen treten hervor. In die Landflächen trug er zusätzlich die wichtigsten Städte und Flüsse ein: Relief und Karte auf derselben Kugel.
Anschaulichkeit gegen Genauigkeit – auf diesen Tausch lässt sich ein Reliefglobus ein. Er hat eine Kehrseite, die Mokre zum Schluss ins Grundsätzliche wendet. Übliche Globen messen 30 bis 34 Zentimeter im Durchmesser, ein Maß, das noch vom alten Fußmaß herrührt.
„Wenn man sich so einen Globus anschaut und sich dann vergegenwärtigt, dass alles, was wir unter Atmosphäre verstehen, der gesamte Flugverkehr, das Klima, sich in einer Höhe von maximal einem Millimeter über dieser Kugel abspielt, dann bekommt man ein Gefühl für die Verletzlichkeit dieser Erde.“
Die Berge auf diesem Globus sind sichtbar, weil jemand sie höher gemacht hat, als sie sind. Für die dünne Schicht, in der alles stattfindet, was wir Leben nennen, gibt es keinen Überhöhungsfaktor.
Shownotes
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