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November 6, 2026
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NHM Wien

Meteorit von Ensisheim: Der Donnerstein, den Maximilian an die Kette legte

Am 7. November 1492 fiel bei Ensisheim im damals habsburgischen Elsass ein 127 Kilogramm schwerer Stein vom Himmel. König Maximilian I. las darin ein Zeichen Gottes für seinen Streit mit Frankreich und ließ den Donnerstein in der Kirche an eine Kette hängen.

Meteorit von Ensisheim: Der Donnerstein, den Maximilian an die Kette legte
Sebastian Brant, Flugblatt über den Donnerstein von Ensisheim, 1492 · gemeinfrei, via Wikimedia Commons

Kurz vor Mittag am 7. November 1492 krachte es über dem Elsass, ohne dass ein Gewitter am Himmel stand. Ein Stein fiel in ein Weizenfeld vor der Stadt Ensisheim und schlug ein Loch in den Acker. Ein Bauernbub soll den Einschlag gesehen und die Leute zu der Stelle geführt haben. Was sie ausgruben, wog 260 Pfund, rund 127 Kilogramm. Nach dem Krach, mit dem der Stein gekommen war, nannten sie ihn den Donnerstein. Seit Anfang des 19. Jahrhunderts weiß man, dass der Donnerstein ein Meteorit ist, ein Brocken aus dem frühen Sonnensystem. Der Meteorit von Ensisheim ist der älteste bezeugte Meteoritenfall Europas, von dem bis heute Material erhalten ist.

Ensisheim liegt heute in Frankreich, nahe Mülhausen. 1492 aber gehörte die Stadt den Habsburgern. Seit 1431 saß hier die Verwaltung ihrer Vorlande, so hießen die Besitzungen des Hauses Österreich im Südwesten: das südliche Elsass, der Breisgau, Gebiete am Bodensee. Später nannte man sie auch Vorderösterreich. Französisch wurde das habsburgische Elsass erst mit dem Westfälischen Frieden von 1648, der den Dreißigjährigen Krieg beendete. Wie die Wiener Meteoritensammlung mit dem Eisenmeteoriten von Hraschina begann, der 1751 bei Zagreb fiel, erzählt unsere Podcastfolge „Im Museum“ über die Meteoritensammlung des Naturhistorischen Museums Wien.

Ein König liest ein Zeichen vom Himmel

Seit 1490 regierte die Vorlande Maximilian I., der Sohn Kaiser Friedrichs III., seit 1486 römisch-deutscher König und ab 1508 selbst Kaiser. Im Herbst 1492 war Maximilian zornig auf Frankreich, und das hatte mit zwei Frauen zu tun.

Die erste war seine Tochter Margarete. Sie war als kleines Kind mit dem französischen Thronfolger Karl verlobt worden und wuchs deshalb am französischen Hof auf. Als ihre Mitgift waren Länder an Frankreich gegangen, darunter die Freigrafschaft Burgund und das Artois. Die zweite war Anne de Bretagne, die Erbin des Herzogtums Bretagne. Maximilian hatte sie im Dezember 1490 per Stellvertreter geheiratet: Ein Vertreter gab an seiner Stelle das Jawort, Maximilian selbst war zu der Zeit in Ungarn. Doch 1491 heiratete Karl, inzwischen König Karl VIII., Anne selbst. Damit war Maximilian die Frau los, seine Tochter saß ohne Bräutigam in Frankreich, und die Länder ihrer Mitgift behielt der französische König.

Wenige Wochen nach dem Fall kam Maximilian selbst nach Ensisheim. Er ließ sich den Donnerstein zeigen und beriet mit seinen Räten, was er bedeute. Das Ergebnis passte zu seinen Plänen: ein Zeichen Gottes, und zwar ein schlechtes für die Franzosen. Zwei Stücke ließ Maximilian für sich abschlagen. Den Donnerstein selbst ließ er in die Pfarrkirche bringen und im Chor an einer Kette aufhängen. Zusätzlich soll der Stein mit Eisenklammern an der Wand befestigt worden sein, damit er nicht so davonfliege, wie er gekommen war.

Der Hauptteil des Meteoriten von Ensisheim, ein dunkler Steinblock
Der Hauptteil des Donnersteins in Ensisheim, 2007. – Foto: Konrad Andrä, CC BY-SA 2.0 DE, via Wikimedia Commons

Die Nachricht verbreitete Sebastian Brant, ein Rechtsgelehrter aus Straßburg, der 1492 an der Universität Basel lehrte und zwei Jahre später mit seinem Buch „Das Narrenschiff“ berühmt wurde. Brant warb schon seit Jahren mit Flugblättern für Maximilians Politik, also mit einzelnen bedruckten Blättern, die rasch und billig unter die Leute kamen. Nun dichtete er auf Latein und auf Deutsch über den Donnerstein und deutete ihn als Zeichen zugunsten des Königs. „Dreyg zentner schwär fyel diser stein“, reimte er, und rundete damit großzügig auf: Drei Zentner wären 300 Pfund gewesen. Sein Flugblatt gilt als eines der ältesten illustrierten Blätter über einen Meteoritenfall. Und die Politik gab Brant scheinbar recht: Im Mai 1493 schloss Karl VIII. in Senlis Frieden mit Maximilian. Margarete kehrte zu den Habsburgern zurück, und mit ihr kamen genau die Länder ihrer Mitgift zurück, die Freigrafschaft Burgund und das Artois.

Wie der Donnerstein schrumpfte

Der Donnerstein blieb in der Kirche, aber nicht im Ganzen. Über die Jahrhunderte schlugen sich Besucher Stücke ab, andere wurden verschenkt. In der Französischen Revolution wurde der Stein als Kirchengut beschlagnahmt und nach Colmar gebracht, auch dort wurden Teile abgetrennt. Später kehrte er nach Ensisheim zurück. Als 1854 der Kirchturm einstürzte, kam der Donnerstein in den Regentschaftspalast am Kirchplatz, wo er bis heute liegt. Von den 127 Kilogramm sind dort noch 53,8 Kilogramm übrig, weniger als die Hälfte.

Bruchstück des Meteoriten von Ensisheim im Pariser Naturkundemuseum
Bruchstück des Meteoriten von Ensisheim, 8,3 Kilogramm, Muséum national d’histoire naturelle, Paris. – Foto: Marie-Lan Taÿ Pamart, CC BY 4.0, via Wikimedia Commons

Der Rest ist über Europa verstreut. Das Pariser Stück, gut acht Kilogramm, liegt heute im Naturkundemuseum der Stadt, kleinere Stücke in Berlin, London und Wien. Dabei steckt im Donnerstein eine Ironie. Für Maximilian war 1492 selbstverständlich, dass der Stein vom Himmel gefallen war, als Botschaft Gottes. Die Naturforscher des 18. Jahrhunderts dagegen hielten Berichte über Steine vom Himmel für Aberglauben. Sie folgten einer Lehre, die auf Aristoteles zurückging: Leuchterscheinungen am Himmel entstünden aus Dünsten in der Luft, die sich entzündeten. Als der Physiker Ernst Chladni 1794 behauptete, solche Steine kämen tatsächlich aus dem Weltall, lehnten das viele ab, auch Goethe und der Naturforscher Alexander von Humboldt. Das Berliner Stück von Ensisheim stammt aus Chladnis eigener Sammlung. Erst am 26. April 1803 fielen bei L’Aigle in der Normandie tausende Steine auf einmal, die Pariser Akademie der Wissenschaften schickte den Physiker Jean-Baptiste Biot hin, und sein Bericht überzeugte die Fachwelt. Seither gilt als erwiesen, was man in Ensisheim gut 300 Jahre früher einfach geglaubt hatte.

Ein Vortrag in Wien und eine Reise mit Geleit

Für die junge Meteoritenforschung wurde Ensisheim danach zum Musterfall: ein früher Fall mit Datum, Uhrzeit, Zeugen und einem Stein, den man noch vorzeigen konnte. Am 7. November 1887, auf den Tag 395 Jahre nach dem Fall, sprach Aristides Brezina in Wien über die Meteoriten der Wiener Sammlung. Brezina war Kustos und Leiter der Meteoritensammlung im Naturhistorischen Hofmuseum, dem heutigen Naturhistorischen Museum Wien. Das Illustrirte Wiener Extrablatt, eine Wiener Tageszeitung, gab den Vortrag am nächsten Tag ausführlich wieder. Als ersten vollständig beglaubigten Fall, also durch Zeugen und eine schriftliche Aufzeichnung aus der Zeit bestätigt, nannte das Blatt Ensisheim und zitierte aus der alten Aufzeichnung: „Zwischen der elften und zwölften Stund zu Mittagzeit kam ein großer Donnerklapf.“ Gleich danach folgte Hraschina, das Gründungsstück der Wiener Sammlung, „ebenso beglaubigt“.

Ein Stück des Donnersteins gehört bis heute dem Naturhistorischen Museum Wien. Im November 2013 kam auch der Hauptteil für vier Tage ins Naturhistorische Museum, gezeigt als ältester dokumentierter Meteoritenfall der europäischen Geschichte. Der Donnerstein reiste nicht allein. Ihn begleitete seine Bruderschaft, eine Vereinigung, die Ensisheimer 1984 gegründet hatten, um den Stein zu schützen und ihn bei öffentlichen Auftritten zu begleiten.

Der Donnerstein in einer beleuchteten Vitrine im Musée de la Régence in Ensisheim
Der Donnerstein in seiner Vitrine im Musée de la Régence in Ensisheim, 2024. – Foto: Jocelyne, CC BY-SA 4.0, via Wikimedia Commons

So ging der Stein, den Maximilian an eine Kette hängen ließ, damit er nicht davonfliegt, gut 500 Jahre später mit eigener Bruderschaft auf Reisen, nach Wien, in die alte Hauptstadt der Habsburger, und danach wieder heim. Zu sehen ist der Donnerstein im Musée de la Régence, im Regentschaftspalast am Kirchplatz von Ensisheim. Der Renaissancebau stammt von 1535, aus der Zeit, als Ensisheim Sitz der vorderösterreichischen Regierung war.

Musée de la Régence · Place de l’Église, 68190 Ensisheim, Frankreich