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November 6, 2026
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NHM Wien

Meteorit von Mauerkirchen: Der älteste Meteorit Österreichs fiel 1768 in Bayern

Am 20. November 1768 krachte es über Mauerkirchen im Innviertel, am nächsten Tag fand eine Bäuerin einen 21 Kilo schweren Stein in ihrem Feld. Es ist der älteste bekannte Meteoritenfall Österreichs – nur war das Innviertel damals noch bayerisch.

Meteorit von Mauerkirchen: Der älteste Meteorit Österreichs fiel 1768 in Bayern
Kupferstich zum Meteoritenfall von Mauerkirchen aus der Schrift „Nachricht und Abhandlung …“, Straubing 1769 · Foto: H. Raab (User:Vesta), CC BY-SA 4.0, via Wikimedia Commons

Am Sonntag, dem 20. November 1768, kurz nach vier Uhr nachmittags, wurde es über Mauerkirchen im Westen plötzlich finster. Mauerkirchen ist ein Markt im Innviertel in Oberösterreich, nicht weit von Braunau am Inn. Leute in der Umgebung hörten ein Brausen und Krachen wie Donner und Kanonenschüsse und hielten es für ein Gewitter. Apollonia Bart, Bäuerin auf einem kleinen Hof nördlich des Marktes, glaubte, ein Blitz habe eingeschlagen und ihr Haus stehe schon in Flammen. Am nächsten Tag fand sie auf ihrem Feld neben dem Hof eine frische Grube, gut 70 Zentimeter tief. Darin steckte ein Stein, außen schwarz, innen hellgrau, 38 bayerische Pfund schwer, also gut 21 Kilo. Was wie ein Gewitter geklungen hatte, war dieser Stein auf seinem Weg durch die Luft.

Es ist der älteste bekannte Meteoritenfall auf heutigem österreichischem Boden. So haben wir es auch in unserer Folge des Podcasts „Im Museum“ über die Meteoritensammlung des Naturhistorischen Museums erzählt. Der Haken: 1768 gehörte Mauerkirchen gar nicht zu Österreich, sondern zum Kurfürstentum Bayern. Ende 1777 starb der bayerische Kurfürst Max III. Joseph ohne Kinder. Kaiser Joseph II. wollte Österreich vergrößern und ließ sich vom Erben Teile Bayerns zusprechen. Preußen wollte keinen stärkeren Rivalen im Reich und zog 1778 dagegen in den Krieg. Weil kaum gekämpft und vor allem Proviant requiriert wurde, nannten ihn die Preußen spöttisch den Kartoffelkrieg. Im Frieden von Teschen in Schlesien bekam Österreich am 13. Mai 1779 nur einen Streifen Land östlich von Inn und Salzach: das Innviertel. Der älteste Meteorit Österreichs fiel also in Bayern. Und sein größtes Stück liegt bis heute in Bayern, in München.

Kupferstich mit Ansichten der Märkte Altheim und Mauerkirchen, 1721
Michael Wening, Altheim und Mauerkirchen, damals bayerische Märkte, Kupferstich, 1721. – Bild: gemeinfrei, via Wikimedia Commons

Ein Stein, den es nicht geben durfte

Dass Steine vom Himmel fallen, glaubten die Gelehrten damals nicht. Nach der Lehre des griechischen Philosophen Aristoteles spielte sich alles, was am Himmel krachte und leuchtete, in der Luft ab. Berichte über Steine aus den Wolken galten als unglaubwürdig. Trotzdem nahm man Mauerkirchen ernst. Das kurfürstliche Landgericht, damals die örtliche Obrigkeit für Verwaltung und Rechtsprechung, ließ einige Zeugen unter Eid aussagen und schickte den Stein mit dem Protokoll nach München. Dort kam er in die Sammlung der Kurfürstlich Bayerischen Akademie der Wissenschaften.

Schon am 12. Dezember 1768 berichteten die Churbaierischen Intelligenzblätter, ein kurbayerisches Nachrichtenblatt aus München, vom Steinfall: Unter diesem „Luftgetümmel“ sei ein Stein aus der Luft herabgefallen. 1769 erschienen zwei Deutungen, beide ohne Verfassernamen. Ein Heft aus Straubing in Niederbayern gab den amtlichen Bericht wieder und dazu die Meinung einer gelehrten Runde, die bei einem Glas Wein darüber gesprochen hatte: Der Stein habe sich in der Luft gebildet. Ein zweiter Verfasser vermutete einen Wirbelwind, der ihn von einem Berg gehoben und hier fallen gelassen hatte. Vorne im Straubinger Heft zeigt ein Kupferstich, wie der Stein aus dunklen Wolken auf ein Feld stürzt, hinten der Kirchturm von Mauerkirchen, vorne eine junge Frau mit Kind.

Der Jurist, der an Himmelssteine glaubte

Die richtige Antwort kam von einem Außenseiter. Ernst Florens Friedrich Chladni aus Wittenberg hatte Jus studiert und forschte als Physiker über den Klang; Gesteinskundler war er keiner. 1794 behauptete er in einem Buch, dass bestimmte Steine und Eisenklumpen, die man nach Feuerkugeln am Himmel gefunden hatte, aus dem Weltall kommen. Es gibt zwei Hauptsorten: Eisenmeteoriten wie die Masse von Hraschina, mit der die Wiener Sammlung begann, und Steinmeteoriten wie den von Mauerkirchen. Goethe, Alexander von Humboldt und die meisten Fachleute lehnten Chladnis Idee ab. 1798 kam er nach München und sah dort den Stein von Mauerkirchen, den ersten Steinmeteoriten, den er zu Gesicht bekam.

Recht bekam Chladni 1803. Am 26. April gingen bei L'Aigle in der Normandie zwei- bis dreitausend Bruchstücke eines Meteoriten nieder, vor vielen Zeugen. Der Physiker Jean-Baptiste Biot untersuchte den Fall im Auftrag des französischen Innenministers, Chemiker verglichen die Steine mit anderen Meteoriten. So viele Stücke, so viele Zeugen und eine amtliche Untersuchung ließen sich nicht mehr wegerklären. Chladnis Ansicht setzte sich durch, und der Stein von Mauerkirchen war, was er seit 1768 gewesen war: ein Stück aus dem All. Genauer ein Chondrit, ein Steinmeteorit mit kleinen Gesteinskügelchen. Das Gestein ist rund 4,5 Milliarden Jahre alt, so alt wie das Sonnensystem. „Ältester Meteorit Österreichs“ heißt also nicht ältestes Gestein, sondern frühester beobachteter Fall.

Das größte erhaltene Stück des Meteoriten von Mauerkirchen, ein grauer Stein mit dunkler Rinde
Das größte erhaltene Stück des Meteoriten von Mauerkirchen, knapp sieben Kilo, im Besitz der Mineralogischen Staatssammlung München. – Foto: Raimond Spekking, CC BY-SA 4.0, via Wikimedia Commons

Wie Wien zu seinem Stück kam

Nach 1803 war der Stein als echter Meteorit begehrt, und er wurde zerteilt. Der spätere bayerische König Ludwig I. schenkte ein Stück seinem Lehrer Johann Friedrich Blumenbach, einem Naturforscher in Göttingen. Heute liegen Bruchstücke in fast 80 Sammlungen auf der Welt. Das erste und größte Wiener Stück kam 1805 ausgerechnet über Chladni, der als Erster verstanden hatte, was der Stein war: Er gab 417 Gramm im Tausch an das kaiserliche Naturalienkabinett, aus dem später das Naturhistorische Museum Wien wurde. 1825 kaufte das Kabinett ein zweites Stück mit 172 Gramm, 1997 kam ein drittes mit 48 Gramm dazu. Zusammen besitzt das Naturhistorische Museum heute rund 636 Gramm vom Stein aus dem Innviertel.

Von den gut 21 Kilo sind nur noch etwa elfeinhalb erhalten. Forscher sägten Proben ab, Sammlungen tauschten, und Münchner Teile wurden 1944 bei einem Bombenangriff zerstört. Das größte erhaltene Stück, knapp sieben Kilo, blieb in München. 1827 ging die Akademiesammlung an die neue Mineralogische Staatssammlung, heute liegt es in deren Museum Mineralogia, früher „Reich der Kristalle“. Zum 250. Jahrestag im November 2018 durfte es für eine Woche nach Oberösterreich, ins Schlossmuseum Linz.

Wie selten so ein Ereignis ist, zeigen die Zahlen: In Österreich sind nur zehn bis zwölf Meteoritenfälle dokumentiert, etwa Prambachkirchen in Oberösterreich 1932 oder der kleine Stein, der 2024 in Haag in Niederösterreich durch ein Hausdach schlug. Mauerkirchen ist der älteste davon und mit gut 21 Kilo auch der größte, der je auf heutigem österreichischem Boden geborgen wurde – auf Boden, der damals bayerisch war.

Zwei Länder, ein Stein

Bis heute zählen ihn beide Seiten zu sich. Das Bayerische Landesamt für Umwelt, bei dem die Geologen des Freistaats arbeiten, führt eine Liste der anerkannten Meteoritenfälle Bayerns, also jener, von denen noch Material erhalten ist. Mauerkirchen steht dort an erster Stelle, mit dem Vermerk, dass der Fallort heute in Oberösterreich liegt. Die internationale Meteoriten-Datenbank der Meteoritical Society, der Fachgesellschaft der Meteoritenforschung, führt ihn unter Österreich.

Und selbst der Name stimmt nur ungefähr. Weil niemand mehr wusste, wo genau der Stein gelegen hatte, verzeichneten die Kataloge den Ortskern. 2018 haben die Forscher Herbert G. Brandstetter und Herbert Raab den Hof der Familie Bart wiedergefunden, in alten Grundbüchern und in den Pfarrmatrikeln, also den Tauf-, Heirats- und Sterbebüchern der Pfarre Mauerkirchen. Es war die Sölde Schickenpoint, ein kleines Bauerngut. Heute heißt die Adresse Kobledt 3 und liegt im Gemeindegebiet von Burgkirchen, einer Nachbargemeinde im Innviertel.

Apollonia Bart starb 1772. Sie erlebte weder, dass ihr Feld österreichisch wurde, noch, dass man ihren Stein als Boten aus dem Weltall erkannte. Brandstetter und Raab vermuten aber, dass sie trotzdem im Bild geblieben ist: als die junge Frau auf dem Kupferstich von 1769, mit ihrem 1759 geborenen Sohn Johannes, der hinter ihr Schutz sucht.

Museum Mineralogia München (Mineralogische Staatssammlung) · Theresienstraße 41, 80333 München, Deutschland