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November 6, 2026
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KHM Wien

Petrus Gonsalvus: Die „Haarmenschen“-Bildnisse von Schloss Ambras und die Legende von der Schönen und dem Biest

Um 1580 wurde Petrus Gonsalvus von Teneriffa gemalt, mit dicht behaartem Gesicht, dazu seine Frau und zwei seiner Kinder. Die Bilder gehören heute zu Schloss Ambras. Wer war er, und war er wirklich das Vorbild für „Die Schöne und das Biest“?

Petrus Gonsalvus: Die „Haarmenschen“-Bildnisse von Schloss Ambras und die Legende von der Schönen und dem Biest
Unbekannter Maler, Haarmensch, Petrus Gonsalvus, um 1580, Schloss Ambras Innsbruck (KHM-Museumsverband, GG 8329) · gemeinfrei, via Wikimedia Commons

Ein Mann, dessen ganzes Gesicht dicht mit Haaren bedeckt ist. So zeigt ihn ein Bildnis, das um 1580 entstand und heute zur Sammlung von Schloss Ambras bei Innsbruck gehört. Der Mann ist Petrus Gonsalvus, geboren auf Teneriffa, aufgewachsen am französischen Königshof. Dazu kommen Bildnisse seiner Frau, die nicht behaart war, und zweier gemeinsamer Kinder, einer Tochter und eines Sohnes, die das behaarte Gesicht des Vaters geerbt hatten. Alle vier Bilder kamen in die Sammlung Erzherzog Ferdinands II., eines Habsburgers, der Tirol regierte. Heute verwaltet die Bilder das Kunsthistorische Museum Wien, zu dem Schloss Ambras gehört.

Dreihundert Jahre später, am 2. Juni 1876, verglichen Ärzte und Naturforscher in München Fotografien dieser Bilder mit zwei lebenden Menschen. Bei einer Sitzung der Münchner Anthropologischen Gesellschaft, eines Vereins solcher Forscher, wurden der Russe Adrian Jeftichjew und sein kleiner Sohn Fedor vorgeführt. Beide hatten ebenfalls dicht behaarte Gesichter und traten als „Hundemensch und sein Sohn“ auf, im April 1876 auch in Danzers Orpheum, einem Varieté-Theater in Wien. Die Forscher hielten solche Fälle für bedeutsam für Charles Darwins neue Lehre von der Abstammung des Menschen. Im Bericht über die Sitzung heißt es, Vater und Kind auf den Ambraser Bildern glichen den Jeftichjews „durchaus“, die Mutter dagegen sei „normal“. Zeitungen nannten solche Menschen damals „Haarmenschen“. An den Ambraser Bildern hängt außerdem eine Legende: Gonsalvus und seine Frau sollen das Vorbild für „Die Schöne und das Biest“ gewesen sein.

Ein Bub aus Teneriffa am Hof des Königs

Petrus Gonsalvus hieß auf Spanisch Pedro González. Die lateinische Form seines Namens steht auf den Bildern und in Gelehrtenschriften, deren Sprache Latein war. Die meisten Quellen nennen 1537 als sein Geburtsjahr, Geburtsort war Teneriffa, die größte der Kanarischen Inseln. Er kam mit einer seltenen Erbanlage zur Welt, durch die Haare dicht über Gesicht und Körper wachsen. Medizinisch heißt das Hypertrichose; eine angeborene Form beschrieben Ärzte 1993 als „Ambras-Syndrom“, benannt nach den Bildnissen der Familie.

Um 1547 kam der etwa zehnjährige Bub an den Hof des französischen Königs Heinrich II., als Geschenk; wer ihn schenkte, berichten die Quellen unterschiedlich. Er wuchs am Hof auf und soll Latein gelernt haben. Nach dem Tod des Königs 1559 ging er an den Hof Margarethes von Parma. Sie war eine Tochter Kaiser Karls V., verheiratet mit Ottavio Farnese, dem Herzog von Parma, und regierte ab 1559 die Niederlande. Gonsalvus heiratete eine Frau, die in den meisten Quellen Catherine heißt; auf ihrem Ambraser Bildnis steht Francesca. Die Hochzeit wird meist auf 1573 datiert. Bekannt sind sechs Kinder des Paares, mehrere davon kamen behaart zur Welt. Später ist die Familie an mehreren Orten bezeugt, 1582 in München und 1583 in Basel. 1583 nahm Margarethe sie mit nach Italien. Dort lebte die Familie weiter im Umfeld der Farnese, und Petrus Gonsalvus starb 1618 in Capodimonte bei Viterbo.

Wo die Familie auftauchte, wollte man sie sehen und abbilden. Der Basler Stadtarzt Felix Platter traf 1583 in Basel Kinder von Gonsalvus und ließ eigene Bilder von ihnen malen. „Sie waren im Gesicht behaart“, notierte er.

Wie die Familie nach Ambras kam

Ferdinand II. (1529–1595) ließ in Ambras zwischen 1572 und 1583 einen eigenen Bau für seine Sammlungen errichten, das sogenannte Unterschloss. Darin lag seine Kunst- und Wunderkammer, eine Sammlung, die die ganze Welt im Kleinen zeigen sollte: Kunstwerke, Naturdinge, Kostbarkeiten und Seltsames.

Dazu gehörten auch Bildnisse von Menschen, die nicht den Normen ihrer Zeit entsprachen, etwa von Hofriesen und Hofzwergen, also von besonders großen und besonders kleinen Menschen, die an Fürstenhöfen lebten. Die Familie Gonsalvus ist mit vier Bildnissen vertreten: der Vater, die Mutter, die Tochter Madeleine, geboren 1574, und der Sohn Enrico, geboren 1576. Auf den Bildern sind beide noch kleine Kinder. Gemalt hat die vier Bildnisse ein unbekannter Künstler um 1580, vermutlich in München. Das Museum nimmt an, dass die bayerischen Herzöge die Gemälde Ferdinand schenkten. 1621 sind die Bilder in Ambras verzeichnet.

Bildnis von Madeleine Gonsalvus als Kind, Gesicht dicht behaart, aus der Ambraser Kunstkammer
Unbekannter Maler, Madeleine Gonsalvus, Tochter des Petrus Gonsalvus, um 1580, Schloss Ambras Innsbruck (KHM-Museumsverband). – Bild: gemeinfrei, via Wikimedia Commons

Wie man die Familie damals einordnete, zeigt ein Bilderbuch des flämischen Malers Joris Hoefnagel. Er war um diese Zeit Hofmaler in München, später arbeitete er für Kaiser Rudolf II. Sein Werk in vier kleinen Bänden wurde wohl erst in den 1590er-Jahren fertig. Der erste Band heißt „Animalia Rationalia et Insecta“, „vernunftbegabte Lebewesen und Insekten“. „Vernunftbegabtes Lebewesen“ war die alte Gelehrtenformel für den Menschen. Auf dem ersten Blatt stehen Petrus und seine Frau, danach Dutzende Blätter mit Faltern und Fliegen. Über dem Paar steht ein lateinischer Spruch, der den Menschen als größtes Wunder preist, daneben ein Gedicht über Gonsalvus: auf Teneriffa geboren, in Frankreich aufgewachsen, verheiratet, Vater von Kindern, die teils der Mutter, teils dem Vater gleichen. Es erwähnt auch einen Aufenthalt in München 1582. Für Hoefnagel war Gonsalvus also eindeutig ein Mensch, und zugleich ein Wunder der Schöpfung, das man staunend betrachtete.

Miniatur von Joris Hoefnagel: Petrus Gonsalvus und seine Frau Catherine im goldenen Oval
Joris Hoefnagel, Pedro González (Petrus Gonsalvus) und seine Frau Catherine, Tafel 1 aus „Animalia Rationalia et Insecta (Ignis)“, um 1575/1590er, National Gallery of Art, Washington. – Bild: gemeinfrei, via Wikimedia Commons

Die Schöne und das Biest: eine späte Legende

Heute liest man oft, die Ehe von Petrus und Catherine habe das Märchen von der Schönen und dem Biest inspiriert. Darin geht eine junge Frau anstelle ihres Vaters in das Schloss eines Ungeheuers, lernt es lieben und erlöst es so: Das Biest wird wieder zum Prinzen. Verbreitet hat die These unter anderem eine Dokumentation der ORF-Reihe Universum aus dem Jahr 2013: „Gonsalvus – Die wahre Geschichte von ‚Die Schöne und das Biest‘“.

Gegen die These spricht die Geschichte des Märchens. Aufgeschrieben hat es zuerst die Französin Gabrielle-Suzanne de Villeneuve im Jahr 1740, mehr als 120 Jahre nach dem Tod von Gonsalvus. Die bekannte Kurzfassung stammt von Jeanne-Marie Leprince de Beaumont, 1756. Das Motiv ist noch viel älter: Schon der römische Autor Apuleius erzählte im 2. Jahrhundert von Psyche, einer jungen Frau, die mit einem unsichtbaren Bräutigam verheiratet wird, den alle für ein Ungeheuer halten. Weder bei Villeneuve noch bei Beaumont kommt Gonsalvus vor, und ein Beleg, dass die beiden Autorinnen von ihm wussten, ist nicht bekannt. Die Verbindung bleibt eine Legende.

Schauen erlaubt?

Was bleibt, sind die Bilder und die Frage, wie man sie ansieht. Für Ferdinand II. war die Familie Gonsalvus ein Wunder der Natur, das in eine Sammlung über die ganze Welt gehörte. Für die Münchner Forscher von 1876 war die Familie ein Vergleichsfall. Der Zoologe Carl Theodor von Siebold erklärte in der Sitzung die Behaarung als „Atavismus“, als Rückfall in eine Urzeit, in der der Mensch noch ein Pelztier gewesen sei. Diese Deutung ist überholt: Heute gilt die angeborene Hypertrichose als Folge einer Veränderung im Erbgut, die von einem Elternteil an die Kinder weitergegeben werden kann. Und für das Wiener Varieté-Publikum waren Adrian und Fedor Jeftichjew eine Attraktion, für die man Eintritt zahlte.

Fotografie von Adrian Jeftichjew und seinem Sohn Fedor, beide mit behaarten Gesichtern
Claude-Antoine Lumière, Adrian und Fedor Jeftichjew, um 1875. – Bild: gemeinfrei, via Wikimedia Commons

Genau diese Frage stellte Schloss Ambras vom 20. Juni bis 6. Oktober 2024 in einer Ausstellung. Sie hieß „Schauen erlaubt? Vielfalt Mensch vom 16. bis 18. Jahrhundert“, und ihr Titelbild war das Bildnis des Petrus Gonsalvus. Sie zeigte Bildnisse von Menschen, die nicht den Normen ihrer Zeit entsprachen, und fragte das Publikum, wie es diese Menschen selbst ansieht.

Das Bildnis des Petrus Gonsalvus gehört zum Bestand von Schloss Ambras; das Schloss ist täglich von 10 bis 17 Uhr geöffnet, nur im November bleibt es geschlossen.

Schloss Ambras Innsbruck · Schlossstraße 20, 6020 Innsbruck