Im Sommer 1648 ging in Europa ein Krieg zu Ende, der dreißig Jahre gedauert hatte. Schweden kämpfte darin gegen den Kaiser aus dem Haus Habsburg, und während in Westfalen schon über den Frieden verhandelt wurde, zogen schwedische Truppen noch auf Prag zu. Die Stadt gehörte zum Reich der Habsburger, und auf ihrer Burg lag die berühmte Kunstsammlung Kaiser Rudolfs II., der von Prag aus regiert hatte. In der Nacht auf Sonntag, den 26. Juli 1648, kamen die Schweden hinein: Ein kaiserlicher Offizier war zu ihnen übergelaufen und hatte ihnen eine Stelle gezeigt, an der die Stadtmauer noch nicht fertig gebaut war. Um halb drei Uhr früh waren sie in der Stadt, noch in derselben Nacht hielten sie die Burg und begannen zu plündern. In der Beuteliste ihres Generals Hans Christoph von Königsmarck steht unter der Nummer 351 ein Bild, das keinen Namen bekam, nur eine Beschreibung: „ein Gesicht aus Früchten“.
Das Gesicht gehörte dem Kaiser. Der Mailänder Maler Giuseppe Arcimboldo hatte Rudolf II. um 1590/91 als Vertumnus gemalt, den römischen Gott der Jahreszeiten, des Wachsens und der Verwandlung. Das ganze Gesicht ist aus Obst, Gemüse und Blumen zusammengesetzt. Das Bild heißt meist „Rudolf II. als Vertumnus“, und es ist weder in Wien noch in Prag zu sehen: Es gehört bis heute Schloss Skokloster am Mälarsee in Schweden. Vier ältere Köpfe von Arcimboldo sind dagegen heute in Wien: Sie gehören dem Kunsthistorischen Museum.
Köpfe aus Pflanzen für den Wiener Hof
Arcimboldo, um 1526 in Mailand geboren, kam 1562 als Porträtmaler an den Hof Kaiser Ferdinands I. nach Wien. Er blieb 25 Jahre und diente drei Kaisern: Ferdinand I., dessen Sohn Maximilian II. und dessen Enkel Rudolf II., der den Hof 1583 nach Prag verlegte. Arcimboldo ging mit nach Prag. Gefragt war er vor allem als Regisseur und Ausstatter von Turnieren, Umzügen und Hochzeiten. Berühmt machte ihn etwas anderes: 1563 malte er eine Serie der vier Jahreszeiten, 1566 eine der vier Elemente, lauter Köpfe, die aus Früchten, Pflanzen oder Tieren zusammengesetzt sind. Von beiden Serien hängen je zwei Bilder im Kunsthistorischen Museum: „Sommer“ und „Winter“ von 1563, „Wasser“ und „Feuer“ von 1566.
Die Köpfe waren mehr als ein Spaß. Sie sind als Paare gedacht, der Sommer gehört zum Feuer, der Winter zum Wasser, und alle zusammen zeigen eine Welt, in der Jahreszeiten und Elemente geordnet zusammenspielen. Wer diese Ordnung garantierte, stand im Bild versteckt: Im Strohkragen des „Winters“ ist ein M eingeflochten, für Maximilian II., für den die Serie entstand. Das „Feuer“ trägt die Kette des Ordens vom Goldenen Vlies, des vornehmsten Ritterordens der Habsburger, und einen Doppeladler, die laut Museum am deutlichsten auf Maximilian II. verweisen. 1569 überreichte Arcimboldo dem Kaiser die Bilder zusammen mit einem Gedicht von Giovanni Battista Fonteo, das sie deutete: als Welt, in der aus Chaos Harmonie wird, und als Lob des Hauses Habsburg.

Schmeichelei oder Witz?
Das Vertumnus-Bild trieb diese Idee auf die Spitze. Diesmal stand kein Kopf für eine Jahreszeit, in dem ein Buchstabe auf den Kaiser deutet, sondern der Kaiser war selbst der Kopf. Arcimboldo hatte Prag 1587 mit Rudolfs Erlaubnis verlassen und lebte wieder in Mailand. Von dort schickte er das Bild als Geschenk an seinen früheren Dienstherrn. Der Gott passte dazu, denn Vertumnus konnte jede Gestalt annehmen. Beim römischen Dichter Ovid verwandelt er sich so lange, bis er die Obstgöttin Pomona für sich gewinnt. Bei Arcimboldo wachsen Früchte verschiedener Jahreszeiten zu einem einzigen Gesicht zusammen, und dieses Gesicht ist der Kaiser.
Mit dem Bild kam ein erklärendes Gedicht von Arcimboldos Freund Gregorio Comanini. Es beginnt sinngemäß mit dem Satz, es gebe eine Hässlichkeit, die schöner sei als jede Schönheit. Dann geht das Gedicht das Gesicht durch: Ähren und Trauben, ein Apfel und ein Pfirsich als Wangen, Kirsche und Maulbeere als Augen, Haselnüsse als Schnurrbart, eine Kastanienschale am Kinn, eine Feige am Ohr. Comanini und andere Zeitgenossen nannten solche Bilder scherzi und capricci, Scherze und Launen. Ein Witz also, aber einer, der als Lob gemeint war. Ob er Rudolf gefiel, ist nicht überliefert. Belegt ist, dass der Kaiser Arcimboldo 1592 zum Pfalzgrafen ernannte, ein Ehrentitel, den Kaiser für besondere Verdienste vergaben. Ein Jahr später, am 11. Juli 1593, starb der Maler in Mailand. Das Bild ist 1621 im kaiserlichen Inventar in Prag verzeichnet.

Beutestück Nummer 351
Rudolf II. starb 1612, seine Sammlung blieb in Prag, und 1648 kamen die Schweden. Von rund 600 Gemälden auf der Burg sollen sie über 400 mitgenommen haben, dazu Bronzefiguren, ganze Bibliotheken und den Codex Gigas, die „Teufelsbibel“, die heute in Stockholm liegt. Auf Wagen ging die Beute nach Stockholm. Dort durfte die schwedische Königin Christina zuerst wählen, doch Arcimboldos Fruchtköpfe wollte sie offenbar nicht. Um 1650 galten sie als altmodisch. Das „Gesicht aus Früchten“ ging vermutlich an einen ihrer Untertanen, später taucht es im Nachlass des schwedischen Adeligen Per Brahe auf und hing auf seinem Schloss Bogesund.
Nach Skokloster kam der Vertumnus erst zwischen 1828 und 1845, vermutlich weil der damalige Besitzer des Schlosses, Graf Magnus Brahe, dort eine Gemäldegalerie einrichten wollte. Das Bild hing in der Bibliothek, neben einem zweiten Arcimboldo-Kopf, dem „Bibliothekar“. Ein schwedischer Kunsthistoriker fand die beiden Bilder Ende des 19. Jahrhunderts handwerklich schwach und nur kulturgeschichtlich interessant. Berühmt wurde der Vertumnus erst 1987, als der Kurator Pontus Hultén ihn in eine Ausstellung im Palazzo Grassi in Venedig holte.
Wie die Köpfe nach Wien kamen
Die Wiener Köpfe hatten einen anderen Weg. Zumindest „Sommer“ und „Wasser“ stammen laut Katalog des Kunsthistorischen Museums ebenfalls aus Rudolfs Sammlung in Prag; wann sie von Prag nach Wien kamen, sagt der Katalog nicht. 1748 sind sie in der Wiener Schatzkammer verzeichnet, seit 1830 gehören sie zur Gemäldegalerie. 2008 widmete das Kunsthistorische Museum Arcimboldo eine große Ausstellung.
Ausgerechnet das schmeichelhafteste der Bilder, der Kaiser als Gott über alle Jahreszeiten, ist also als Kriegsbeute in Schweden gelandet. Die Beuteliste von 1648 nennt darin weder einen Kaiser noch einen Gott. Sie beschreibt nur, was zu sehen war: ein Gesicht aus Früchten.
Wer die Habsburger waren, für die Arcimboldo malte, erzählen der Habsburger Stammbaum und unser Überblick Die Habsburger in Wien. Aus Rudolfs Sammlung stammt auch der goldene Schiffsautomat im Kunsthistorischen Museum, und seine Krone liegt als österreichische Kaiserkrone in der Schatzkammer. Besuchsinfos stehen auf unserer Seite zum Kunsthistorischen Museum.
Skoklosters slott · Skokloster am Mälarsee, Schweden
Shownotes
Quellen
- Skoklosters slott: Vertumnus – how the painting came to Skokloster
- Skoklosters slott / Google Arts & Culture: A Face of Fruit Composed
- University of Oxford, Cabinet: Arcimboldo, Rudolf II as Vertumnus (1590–1591)
- Kunsthistorisches Museum: Arcimboldo, Sommer, 1563 (GG 1589) · Winter, 1563 (GG 1590) · Wasser, 1566 (GG 1586) · Feuer, 1566 (GG 1585)
- ČT24: Třicetiletá válka připravila Prahu o třetinu obyvatel i umělecká díla
- Wikipedia: Giuseppe Arcimboldo · The Four Seasons (Arcimboldo) · Vertumnus · Battle of Prague (1648)
- Frühneuzeit-Info 2008, Heft 2: Arcimboldo 1526–1593. Zwei Ausstellungen in Paris und Wien (ANNO)
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