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October 29, 2026
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KHM Wien

Habsburger Stammbaum bis heute: Eine Familie, die durch Hochzeiten wuchs

Am 22. Juli 1515 heiratet Kaiser Maximilian I. im Stephansdom eine Elfjährige, stellvertretend für einen Enkel. Der Habsburger Stammbaum von Rudolf I. bis Karl Habsburg: gewachsen durch Hochzeiten, beinahe verdorrt an der Inzucht.

Habsburger Stammbaum bis heute: Eine Familie, die durch Hochzeiten wuchs
Václav Brožík, Tu felix Austria nube, 1896, Belvedere, Wien · CC BY-SA, via Kulturpool

Am 22. Juli 1515 stand im Wiener Stephansdom ein Bräutigam von 56 Jahren am Altar. Kaiser Maximilian I. heiratete Anna, die Tochter des Königs von Böhmen und Ungarn, einen Tag vor ihrem zwölften Geburtstag. Er tat es stellvertretend für einen seiner Enkel, Karl oder Ferdinand. Welcher es sein würde, stand erst im Jahr darauf fest: Ferdinand. Am selben Tag wurde Annas Bruder Ludwig, neun Jahre alt, mit Maximilians Enkelin Maria vermählt. Dahinter stand ein Erbvertrag: Starb eine der beiden Familien ohne Söhne aus, sollte die andere erben. Der Maler Václav Brožík hat diese Doppelhochzeit 1896 in einem großen Historienbild festgehalten, es gehört heute dem Belvedere.

Kaum ein Tag erklärt den Habsburger Stammbaum besser. Er beginnt mit Rudolf I., der 1273 zum König gewählt wurde, führt über Maximilian I., Karl V. und Maria Theresia bis zu Karl I., dem letzten Kaiser, der im November 1918 auf jeden Anteil an den Staatsgeschäften verzichtete, und reicht bis heute zu Karl Habsburg. Gewachsen ist er weniger durch Schlachten als durch Hochzeiten. In Wien lässt er sich an vielen Orten ablesen: in den Porträts des Kunsthistorischen Museums, in einer Stammbaum-Radierung von 1569 in der Albertina und in den Särgen der Kapuzinergruft.

Ein Graf aus dem Aargau wird König

Ihren Namen hat die Familie von einer Burg im heutigen Schweizer Kanton Aargau, der Habichtsburg. Von dort stieg Rudolf I. auf. Am 1. Oktober 1273 wählten ihn die Kurfürsten, die Fürsten, denen die Königswahl zustand, in Frankfurt zum König, da war er 55 Jahre alt. Am 26. August 1278 schlug er bei Dürnkrut und Jedenspeigen nordöstlich von Wien den Böhmenkönig Ottokar II., der nach den Babenbergern Österreich beherrscht hatte. Am 27. Dezember 1282 belehnte er auf dem Hoftag in Augsburg seine Söhne Albrecht und Rudolf mit Österreich und der Steiermark. Die Länder der Babenberger, deren Stammbaum heute dem Stift Klosterneuburg gehört, waren nun habsburgisch. Sie blieben es mehr als sechs Jahrhunderte.

Maximilian I.: erheiratete Länder, erfundene Ahnen

Kräftig wachsen ließ den Baum Maximilian I., der Bräutigam vom Stephansdom. Am 19. August 1477 heiratete er in Gent Maria von Burgund, die Erbin des Herzogtums, und wurde damit Herzog von Burgund. Den gemeinsamen Sohn Philipp verheiratete er 1496 mit Johanna von Kastilien, einer Tochter des spanischen Königspaars. Dann starben in Spanien binnen drei Jahren der Thronfolger, seine Schwester und deren kleiner Sohn. So wurde Johanna Erbin. Ihr Sohn Karl, 1500 in Gent geboren, übernahm 1516 Spanien und wurde 1519 zum römisch-deutschen König gewählt, der spätere Kaiser Karl V.

Maximilian sorgte auch dafür, dass dieser Baum eindrucksvoll aussah. Sein Hofgeschichtsschreiber Jakob Mennel überreichte ihm 1518 eine Chronik, die das Haus bis zu den Merowingern zurückführte. Für sein Grabmal plante er lebensgroße Bronzefiguren: seinen Vater, seine Ehefrauen, burgundische Herzöge, dazu Gestalten wie König Artus. 28 davon stehen heute in der Innsbrucker Hofkirche, rund um ein leeres Grab. Maximilian selbst liegt in Wiener Neustadt begraben, sein Herz in Brügge, im Sarkophag Marias von Burgund. Wie er sich zeigen wollte, ist auf Dürers Bildnis im Kunsthistorischen Museum zu sehen. Auf Schloss Tratzberg in Tirol entstand 1506/08 ein gemalter Habsburger-Stammbaum, 46 Meter lang, mit 148 Figuren.

Radierung von 1569: Stammbaum des Hauses Habsburg von Rudolf I. bis Maximilian II.
Monogrammist, Stammbaum des Hauses Habsburg von Rudolf I. bis Maximilian II., Radierung, 1569. – Bild: Albertina, Public Domain, via Kulturpool

1526 trug die Hochzeit von 1515 Früchte. Ludwig, inzwischen König von Böhmen und Ungarn, kam nach der Schlacht bei Mohács gegen die Osmanen ums Leben, kinderlos. Seine Kronen fielen an Ferdinand, den Mann seiner Schwester, auch wenn Ungarn noch lange geteilt blieb. Später fasste ein lateinischer Vers diese Politik zusammen: „Bella gerant alii, tu felix Austria nube“, Kriege mögen andere führen, du, glückliches Österreich, heirate.

Zu nah verwandt: die spanische Linie

1556 dankte Karl V. ab und teilte das Haus. Sein Sohn Philipp II. bekam Spanien und die burgundischen Länder, sein Bruder Ferdinand I. die österreichischen Länder und das Kaisertum. Eine kleine Pointe: Ferdinand, der Begründer der österreichischen Linie, war 1503 bei Madrid zur Welt gekommen, sein Bruder Karl, der König von Spanien, in Gent. Fortan heirateten die beiden Linien immer wieder untereinander, fast 150 Jahre lang.

Wie das aussah, erzählen Bilder im Kunsthistorischen Museum. Diego Velázquez malte die spanische Infantin Margarita Teresa mit drei, fünf und acht Jahren, und der Madrider Hof schickte die Porträts nach Wien: Sie sollte den künftigen Kaiser Leopold I. heiraten. 1666 war es so weit. Leopold war der Bruder ihrer Mutter und der Sohn einer Schwester ihres Vaters, also Onkel und Cousin zugleich. Im Dezember kam die Fünfzehnjährige nach Wien. Sie starb 1673 mit 21 Jahren, erwachsen wurde nur eine ihrer Töchter.

Radierung von William Unger nach Velázquez: Infantin Margarita Teresa in rosafarbenem Kleid.
William Unger nach Diego Velázquez, Infantin Margarita Teresa in rosafarbenem Kleid, Radierung, 1886. – Bild: Albertina, Public Domain, via Kulturpool

Ihr Bruder Karl II. war der Sohn Philipps IV. und dessen Nichte Maria Anna, der Schwester Leopolds. 2009 berechneten Genetiker für ihn einen Inzuchtkoeffizienten von 0,254. Der Wert misst, wie viel gleiches Erbgut ein Mensch über gemeinsame Vorfahren von beiden Eltern erbt. 0,254 ist etwa so viel wie bei einem Kind von Bruder und Schwester. Von den 34 Kindern der spanischen Königsfamilie zwischen 1527 und 1661 starb die Hälfte vor dem zehnten Geburtstag. Auch die sprichwörtliche Habsburger Unterlippe, eigentlich ein vorstehender Unterkiefer, hat damit zu tun. Für eine Studie von 2019 beurteilten zehn Kieferchirurgen 66 Porträts von 15 Familienmitgliedern und fanden einen klaren Zusammenhang mit der Inzucht. Am stärksten trat der Unterkiefer bei Philipp IV. hervor, am schwächsten bei Maria von Burgund, die 1477 in die Familie eingeheiratet hatte.

Karl II. blieb in zwei Ehen kinderlos. Er starb am 1. November 1700, kurz vor seinem 39. Geburtstag, und vermachte Spanien Philipp von Anjou, einem Enkel des französischen Königs Ludwig XIV. Es folgte der Spanische Erbfolgekrieg, und die spanischen Habsburger waren Geschichte.

Eine Erbtochter und ein neuer Name

Vierzig Jahre später stand auch die österreichische Linie ohne Sohn da. Als Kaiser Karl VI. 1740 starb, ging das Erbe an seine älteste Tochter Maria Theresia. Möglich machte das die Pragmatische Sanktion, ein Hausgesetz, mit dem Karl auch Töchtern das ganze Erbe gesichert hatte. Maria Theresia hatte am 12. Februar 1736 in der Augustinerkirche Franz Stephan von Lothringen geheiratet, das Paar bekam 16 Kinder. Seither heißt das Haus Habsburg-Lothringen. Mehr über die Kaiserin erzählt das Dossier Maria Theresia in 12 Bildern.

Der Baum trieb weiter, die Kronen wechselten. 1804 machte sich Franz II., Maria Theresias Enkel und Kaiser des Heiligen Römischen Reichs, auch zum erblichen Kaiser von Österreich, als solcher hieß er Franz I. 1806 legte er die Reichskrone nieder, das alte Reich war zu Ende. Die Krone liegt heute in der Schatzkammer, ebenso wie die österreichische Kaiserkrone. Franz Joseph I. regierte von 1848 bis 1916. Sein Sohn Rudolf starb 1889 in Mayerling, der Thronfolger Franz Ferdinand 1914 in Sarajevo. So wurde Franz Josephs Großneffe Karl I. der letzte Kaiser. Nach dem Verzicht vom 11. November 1918 verbannte ihn das Habsburgergesetz vom 3. April 1919 aus Österreich. Er starb am 1. April 1922 in Funchal auf Madeira, 34 Jahre alt.

Nach 1918: ein Stammbaum ohne Krone

Noch 1882 schien die Herrschaft der Habsburger ewig: Am 27. Dezember, auf den Tag 600 Jahre nach dem Hoftag von Augsburg, feierte die Monarchie 600 Jahre habsburgisches Österreich, in Prag und auf dem Land gab es Festgottesdienste. Die Wiener Zeitung schrieb, der Keim von damals sei „zu einem mächtigen Baume herangewachsen“. 36 Jahre später war die Monarchie zu Ende.

Der Stammbaum aber wächst weiter, nur ohne Krone. Otto von Habsburg, der Sohn des letzten Kaisers, starb 2011 und wurde in der Kapuzinergruft beigesetzt. Seit 1. Jänner 2007 steht sein Sohn Karl Habsburg, geboren 1961, an der Spitze der Familie. Am 31. Jänner 1993 hatte er in der Basilika Mariazell Francesca Thyssen-Bornemisza geheiratet. Wieder eine Habsburger-Hochzeit in einer großen Kirche, wie 1515 im Stephansdom. Nur ging diesmal kein Königreich mit.

Wichtige Namen im Habsburger Stammbaum

  • Rudolf I. (1218–1291), ab 1273 König
  • Maximilian I. (1459–1519), heiratete Burgund ein
  • Karl V. (1500–1558), Herr über Spanien und das Reich, teilte 1556 das Haus
  • Ferdinand I. (1503–1564), Begründer der österreichischen Linie
  • Philipp II., ab 1556 König von Spanien, Begründer der spanischen Linie
  • Leopold I., Kaiser, verheiratet mit seiner Nichte Margarita Teresa
  • Karl II. (1661–1700), letzter spanischer Habsburger
  • Karl VI., letzter Habsburger im Mannesstamm, gestorben 1740
  • Maria Theresia (1717–1780), mit Franz Stephan Stammmutter von Habsburg-Lothringen
  • Franz II./I., letzter römisch-deutscher und erster österreichischer Kaiser
  • Franz Joseph I. (1830–1916), regierte 68 Jahre
  • Karl I. (1887–1922), letzter Kaiser
  • Otto von Habsburg (1912–2011) und Karl Habsburg (geboren 1961)

In Wien begegnet man dem Stammbaum im Kunsthistorischen Museum, dem die Infantinnen-Bildnisse von Velázquez, Dürers Maximilian und das Habsburger Spielbrett gehören, auf dem sich Karl V. und Ferdinand I. im Kreis ihrer Vorfahren zeigen. Ob ein Bild gerade ausgestellt ist, verrät die Online-Sammlung. Die Kronen zeigt die Kaiserliche Schatzkammer, die Särge die Kapuzinergruft. Eine eigene Porträtgalerie der Familie hat Schloss Ambras in Innsbruck: Über 200 Bildnisse hängen dort auf drei Stockwerken des Hochschlosses, geöffnet von April bis Oktober.

Kunsthistorisches Museum Wien · Maria-Theresien-Platz, 1010 Wien

Quellen und Links

Mehr auf immuseum.at